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Martin von Arndt: Ein Tod in der Hölle

Szenisches Requiem für Arthur Rimbaud

SZENE: Ein schwach beleuchtetes Hospitalzimmer, weiß, mit nur einem Bettgestell im linken vorderen Teil der Bühne. Schmutz, Alter, Tod. Ein Kruzifix; ein Hocker hinter dem Bett. Eine Türe im Hintergrund, rechts neben der Liegestatt. Eine Masse darauf, weiß gekleidet, eine reglose Gestalt, deren Gesicht zur Decke gerichtet, deren Finger auf der Brust und über dem Laken, das die Gestalt bis unter die Schultern bedeckt, zum Gebet ineinandergeschlungen scheinen. Kein Laut, minutenlange Stille. Dann Schritte, Stiefel im Gleichmarsch, vermutlich zwei bis drei Personen nähern sich von links, treten ab nach rechts. Stille, Pause, dann wieder die Schritte und dazwischen ein permanentes schrilles Quietschen. Schritte nach links ab. Stille, Pause. Der Vorgang wiederholt sich. Stille, Pause. Dann wieder Schritte von links, die in der Mitte des Hörfeldes haltmachen. Die Tür öffnet sich, drei Pfleger treten auf, weiß, die Gesichter unkenntlich. Zwei tragen eine Bahre, einer bleibt im Hintergrund breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, in der Türe stehen. Die beiden Träger nähern sich dem Bett, lassen die Bahre zu Boden und beginnen, an der Leiche sich zu schaffen zu machen. Der eine gebietet Einhalt, schiebt das Laken zurück und beugt sich über den Körper; er zeigt auf etwas, der zweite Pfleger erwidert den Blick und beginnt zu lachen. Sogleich wieder Stille. Die beiden stehen nunmehr mit dem Rücken dem Publikum zugewandt und beginnen, die Leiche in ihre Richtung zu zerren. Sie bücken sich, setzen die Masse ab, richten sich auf - stets den toten Körper vor dem Publikum verbergend - und betten das Laken fachmännisch über Bahre und Corpus. Dann wenden sie sich, nehmen die Bahre unter Anstrengung wieder auf und marschieren zur Türe. Der dritte Pfleger räumt die Stelle, läßt sie durchtreten, dann schließt er die Türe von außen. Schritte im Gleichmarsch nach links, leiser werdend - zugleich hebt ein tiefer Celloton sachte, dann immer heftiger, zu vibrieren an. Immer stärker, immer stärker schwebt der Ton bald nach rechts, bald nach links, rechts, links, rechts, links, und bricht endlich unter größtem Donnern ab. Das Kruzifix fällt von der Wand, das Licht erlischt, ein stürmisches Rauschen schwillt an, es läßt die Türe krachend aufschlagen, durch die Öffnung strahlt unbarmherzig weißes Licht direkt in den Zuschauerraum. Der Celloton setzt leise wieder ein und der Wind heult schwächer, immer schwächer, aber stetig.   Männliche Tonbandstimme von links: ein kurzes, bis zur Obszönität heuchlerisches Rezitativ.

1. STIMME: Es ist auch möglich, daß Rimbaud in der Krankheit und Gebrechlichkeit einen Ausweg sah - den Schlüssel zu einer neuen Trägheit, unter der ersehnten Obhut einer wirklich mütterlichen Seele.

Von rechts springt ihm sogleich eine weibliche Tonbandstimme mit den gleichen Attributen bei.

2. STIMME: Ich glaube auch, daß er sich um höherer Gründe willen dazu gezwungen hat, auf die Literatur zu verzichten, aus Gewissensskrupeln: weil er geurteilt hat, daß "das schlecht war" und weil er dabei nicht "seine Seele verlieren" wollte.

1. STIMME: Wie kann Rimbaud mit 18 Jahren denn glauben, daß seine Irrtümer, so seltsam sie auch sind, Endgültigkeit besitzen?

2. STIMME: Nun ist er nicht mehr ein menschliches Wesen, ein Kranker oder Sterbender: Er ist ein Heiliger, ein Märtyrer, ein Erwählter. Er vergeistigt sich, etwas Wunderbares und Feierliches umschwebt ihn.

3. STIMME männlich, in der Mitte des Hörfeldes, im selben Tonfall: Distanzlose Konfrontation mit dem Ort einer Spaltung, mit dem Riß, das Herumirren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die selbst in Bewegung, d.h. ohne festes Subjekt und Objekt, unmittelbar, d.h. ohne das Medium der Metapher, sichtbar gemacht in der Bewegung der Sprache.

1. STIMME: Gewiß, ein Grab: verfehltes Heil, vereitelte Freude, zerstörtes Gleichgewicht und Glück, vor lauter Sehnsucht nach Glück und Heil! Aber über diesem Grab erhebt sich der Phönix der Freiheit, der seinen Leib aus den verglühten Hoffnungen erhält, und schlägt die Luft mit seinen neuen Schwingen...

Die Stimmen rücken näher zusammen, wechseln nach links, nach rechts ineinander, folgen schneller nach, schneller, verklumpen langsam zu einer Masse.

2. STIMME: Wenn ich ihnen seine letzten Worte berichtete, glaubten sie vielleicht, daß ich mich von einer "üblichen heuchlerischen Moral" beeinflussen ließ. Indessen gibt es einen Ausruf, der ihm unaufhörlich über die Lippen kam: Allah! Allah Kerim! - Oh! wie gut erkannte ich all sein Denken in diesen beiden Worten!

3. STIMME: Reine Präsenz der Worte, konzentrierte Präsenz angesichts des Todes und ein ständiges Weggleiten, Ausglitschen des Sinns.

4. STIMME männlich, teilnahmslos: Un lot: une dent seule. Un lot: deux dents.

1. STIMME: Dann freilich wäre die Harrar-Expedition Rimbauds nicht die Verleugnung seines früheren Lebens, sondern dessen Weiterführung: auf ganz konkrete Weise - und auch auf symbolische Weise, wenn -

4. STIMME: Un lot: trois dents.

2. STIMME: Bis zu seinem Tode bleibt er übermenschlich gut und barmherzig. Er verwendet sich -

4. STIMME: Un lot: quatre dents.

3. STIMME: Und wenn ich mich, ohne es zu wissen, im Zentrum meines Fleisches befinde, dann bin ich überall und die kosmischen Gesetze sind mir kein Rätsel -

4. STIMME: Un lot: deux dents.

5. STIMME unsinnig: Allah! Allah Kerim! Allah! Allah Kerim! Allah!

Sie verwischen vollständig ineinander.

2. STIMME: Nun ist er nicht mehr ein menschliches Wesen, ein Kranker oder Sterbender: Er ist ein Heiliger, ein Märtyrer, ein Erwählter. Er vergeistigt sich, etwas Wunderbares und Feierliches umschwebt ihn. Er bildet erhabene Anrufungen Christi, der Jungfrau. Er tut Gelübde, Versprechungen, "wenn Gott mir das Leben läßt." -

6. STIMME abwesend: Christ, oh Christ, ewiger Dieb der Kräfte, bleicher Gott, 2000 Jahre hast du die Menschen ausgesaugt-

3. STIMME: Zwei Elfenbeinzähne hat der Elefant, solange er lebt -

5. STIMME: Allah Kerim! Allah!-

4. STIMME: Jesus sagt: "Geh! Dein Sohn ist wohlauf!"

2. STIMME: Nun ist er nicht mehr ein menschliches Wesen - Konstante Rezitation.

1. STIMME: Auf ganz konkrete Weise - und auch auf symbolische Weise - Konstante Rezitation.

3. STIMME: Zwei Elfenbeinzähne hat der Elefant, solange er lebt - Konstante Rezitation.

4. STIMME: Jesus sagt: "Geh! Dein Sohn ist wohlauf!" - Konstante Rezitation.

5. STIMME: Allah Kerim! - Konstante Rezitation.

6. STIMME: Christ, oh Christ, ewiger Dieb der Kräfte - Konstante Rezitation.

Die Stimmen steigern sich, der Celloton wird lauter, das Licht blendet um in Rot. Hinter dem Siechenbett, auf der Wand, werden Diaprojektionen sichtbar - Bilder von Rimbaud: Rimbaud sitzend bei seiner Erstkommunion, Carjats kaschiertes Portraitphoto, das Gemälde: Rimbaud im Hospital in Brüssel, Rimbaud in Afrika, usf. Das Rauschen erhebt sich, dröhnt heftiger, immer heftiger. Endlich fällt mit einem lauten Schlag die Tür zurück ins Schloß. Stille. Die Projektionen reißen nicht ab, unablässig wechseln die Bilder. Zuletzt: Rimbauds Grab in Charleville. Nach einer Minute werden wieder Tritte vernehmlich, die sich von links der Mitte nähern. Mit dem Öffnen der Türe wird aufgeblendet, die Projektion reißt ab. Die drei Pfleger treten abermals auf, selbe Prozedur wie zuvor, nur daß sie diesmal eine weiße Gestalt, halb verhüllt, unkenntlich, in das Zimmer bringen. Die beiden Träger legen die formschwere Masse auf das Bett, decken das Laken bis unter das Haupt, nehmen ihre Bahre wieder auf, halten inne, der eine nimmt sich des gefallenen Kruzifix an und hängt es zurück an seinen Ort. Dann verlassen sie wie zuvor das Zimmer, der dritte Pfleger schließt die Türe, Schritte ab nach links. Pause, das Licht erlischt und die Projektion hebt an, folgenden Satz an die Wand werfend:

Und es wird mir vergönnt sein, die Wahrheit zu besitzen in einer Seele und einem Leib.

Nach etwa 30 Sekunden findet eine Überblendung statt: die Schrift verschwimmt und der Schatten des Kruzifix wird an ihrer Stelle sichtbar - und langsam, ganz langsam erlischt auch der Schemen des Kreuzes an der Wand. Stille. Licht im Zuschauerraum.

© Martin von Arndt 2000

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