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Autorinnen und Autoren kennen die Situation: Man sitzt nach einer Lesung oder einer Preisverleihung mit den VeranstalterInnen bei einem Glas Wein oder einem Glas Schnaps und freut sich auf das nächste. Doch stattdessen kommt von irgendwoher unfehlbar die Frage, diese eine Frage, die immer kommt. Und die man garantiert noch nie beantworten wollte.
Und die man auch garantiert nie beantworten wird.
In Kleinarbeit und in Abstimmung mit fünfzig AutorInnen, sogenannten "großen", sogenannten "kleinen"1, haben wir einen Fragenkatalog erarbeitet, einen Fragenkatalog für den Umgang mit AutorInnen. Zur Vermeidung ärgerlicher Fragen. Und damit verbundenen ärgerlichen Szenen und Szenchen. Wir empfehlen ihn als Basislektüre für alle im Kulturmanagement Tätigen. Und natürlich besonders für diejenigen, die annehmen, sie seien es.
FAQ sind gemeinhin Hyperlinktexte, so auch diese. Einige der Fragen enthalten Hyperlinks zu möglichen Antworten, andere nicht. Und zwar immer dann, wenn sogar dieser illustren AutorInnen-Runde nichts mehr als stummes Schweigen eingefallen ist. Andere Antworten wiederum sind zusätzlich mit Erläuterungen (→) versehen, die die Gefahr minimieren, mit der Antwort allein in dunkler Regennacht zu verbleiben.
1 Für beide gilt wie immer der wichtigste Leitsatz der Postpostmoderne:
"Gut und groß ist, was beworben wird." (D. Hägele)
Sie ist besonders entscheidend, weil wir erfahrungsgemäß in den ersten Sekunden eines Gesprächs unser Gegenüber beurteilen.
Hier einige der gekonntesten Beispiele:
▪ Sie sind Autor / Autorin? Ja was schreiben Sie denn so?
▪ Sie sind Autor /
Autorin? Kann man davon leben?
Wenn Sie sich wirklich etwas trauen, raten wir indes zu diesen Varianten:
▪ Sie sind Autor / Autorin? Sollte ich Ihren Namen kennen?
▪ Sie schreiben? Und was machen Sie beruflich?
Und last not least diese Variante. Auch nicht "ohne":
▪ Schreiben ist doch bestimmt eine schöne Beschäftigung, oder?
Es gibt Fragen, die sich sowas von selbst beantworten, daß man sie mit prima Prangern abstrafen sollte. Nachfolgend eine kleine Auswahl:
▪ Weshalb schreiben Sie (ausgerechnet) Lyrik?
▪ Lyrik, aha. Und sonst schreiben Sie nichts?
▪ Verarbeiten Sie in den
Texten Ihre Gefühle?
▪ Das haben Sie doch
bestimmt mit Herzblut geschrieben?
▪ Schreiben Sie an einem
neuen Buch?
▪ Ist Ihr Buch autobiographisch? Oder auch: Haben Sie all das selbst erlebt?
▪ Warum schreiben Sie?
▪ Wie sind Sie zum
Schreiben gekommen?
▪ Ich wollte ja auch
schon immer mal ein Buch schreiben. Also sagen Sie mal, wo bekommen Sie
eigentlich Ihre ganzen Ideen her?
▪ Denken Sie beim Schreiben an Ihre Leser?
▪ Für wen schreiben Sie?
▪ Wer soll das lesen (wollen)?
▪ Das Wort, das Sie da
verwenden: gibt es das überhaupt?
▪ Und falls ja: was soll
es denn bedeuten?
▪ Und steht das Wort da
eigentlich mit Absicht?
▪ Warum soll ich ausgerechnet Ihr Buch kaufen?
▪ Schreiben Sie gerade
an etwas Größerem?
▪ Finden Sie nicht, daß
Sie zuviel vom Leser verlangen?
All jene Fragen, die entweder von enormer geistiger Faulheit zeugen oder aus einem Glaubensgrund faul sind: weil Fragende nämlich glauben, AutorIn sei ein Wesen von einem fremden Stern, das sich mehr oder weniger erfolglos mit Glasperlenspielen beschäftigt.
▪ Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
▪ Was wollten Sie mit Ihrem Buch erreichen?
▪ Was wollen Sie damit sagen?
▪ Glauben Sie, daß Literatur die Welt verändert?
▪ Glauben Sie wirklich,
daß sich der Leser mit Ihrer Figur hundertprozentig identifizieren kann?
▪ Mal ganz ehrlich heraus: Was trauen Sie Ihrem Helden so zu?
▪ Glauben Sie nicht,
daß das neue Urheberrecht Bücher von Newcomern verhindert?
▪ Wie steht es mit
Ihrem politischen Engagement?
▪ Darf ich Ihnen mal mein Manuskript schicken?
▪ Kann ich ein Freiexemplar haben?
▪ Weshalb haben Sie dieses Buch so angelegt? Und nicht folgendermaßen: ...
▪ Sie sind Autor / Autorin? Kann man davon leben?
Haben Sie das auch schon mal Ihre Fleischereifachverkäuferin gefragt? Ihren fleißigen Zahnarzt? Oder den freundlichen Polizisten, der Ihnen gerade ein Knöllchen an die Windschutzscheibe gehängt hat?![]()
▪ Schreiben ist doch bestimmt eine schöne Beschäftigung, oder?
Ja. Und v.a. riecht es nicht, macht wenig Geräusche und ist erstaunlich kostengünstig im Unterhalt. (Die Nerven nicht eingerechnet.)
Ganz unähnlich der Aufzucht, Hege und dem Tuning von Labrador-Hunden.![]()
▪ Verarbeiten Sie in den Texten Ihre Gefühle?
Ja. Und manchmal auch siebzig Kilo Mensch zu Hackfleisch.![]()
▪ Das haben Sie doch bestimmt mit Herzblut geschrieben?
Nö, mit ´nem ollen Pentium I, 166.![]()
▪ Schreiben Sie an einem neuen Buch?
Aber nein. Ich verlege mich fortan mitamt meinem treuen Labrador auf die Kunst des Synchronschwimmens.
→ Es ist zwar ein Klischee, und ein haariges dazu, daß SchriftstellerInnen ständig schriftstellern oder Bildhauer ständig bildhauern. Aber irgendetwas muß doch dran sein. Immer dann nämlich, wenn er oder sie mit seiner / ihrer Kunst Geld verdienen möchte. Ja, womöglich muß.
S. auch: Sie schreiben? Und was machen Sie beruflich?![]()
Um diese Frage gestellt zu bekommen.![]()
▪ Ich wollte ja auch schon immer mal ein Buch schreiben. Also sagen Sie mal, wo bekommen Sie eigentlich Ihre ganzen Ideen her?
Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.
(Dank hierfür an Marcus Hammerschmitt)
▪ Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
▪ Das Wort, das Sie da verwenden: gibt es das überhaupt?
Wenn Sie das wirklich interessiert, empfehle ich einen Blick in die einschlägigen Lexika.![]()
▪ Und falls ja: was soll es denn bedeuten?
Glauben Sie wirklich, ich nehme Ihnen nicht nur das Denken, sondern auch noch die Recherche ab?![]()
▪ Und steht das Wort da eigentlich mit Absicht?
Natürlich nicht. 95% meiner handgeschriebenen Arbeiten bestehen aus Tintenklecksen.
→ Die meisten AutorInnen arbeiten eng mit strengen LektorInnen zusammen. Beiden Blödheit zu unterstellen, ist schon ein wenig dreist.
S. auch:
Haben Sie das auch schon mal Ihre Fleischereifachverkäuferin gefragt?![]()
▪ Warum soll ich ausgerechnet Ihr Buch kaufen?
Weil es ganz prima zur Farbe Ihrer Schrankwand / apoplektischen Gesichtsflecken paßt.
Und weil man es bei Ikea in den Knut-Sonderwochen zum Recycling zurückgeben kann.![]()
▪ Schreiben Sie gerade an etwas Größerem?
Diese Frage würde ich unbedingt AutorInnen stellen, die unter 160 cm lichter Höhe geraten sind. Denkbar, daß diese ansonsten eher friedliebende Spezies Ihnen an die Gurgel fährt (oder naturbedingt etwas tiefer).![]()
▪ Finden Sie nicht, daß Sie zuviel vom Leser verlangen?
Das fürchte ich so langsam tatsächlich...![]()
▪ Glauben Sie wirklich, daß sich der Leser mit Ihrer Figur hundertprozentig identifizieren kann?
Muß das AutorIn wirklich interessieren? Und Sie, weshalb interessiert Sie das? Haben Sie sich je erfolgreich mit Gregor Samsa identifiziert? Mit Mörikes Vase? Oder mit den Molchen aus Capeks berühmter Satire? Und wozu das? Hat diese Identifikation das Lesen irgendwie vorangebracht? Ehrlich?
Und welche Tagesdosis Psychopharmaka bekommen Sie heute?![]()
▪ Glauben Sie nicht, daß das neue Urheberrecht Bücher von Newcomern verhindert?
Gegenfrage: Glauben Sie an alles, was in der Zeitung beworben wird? (S. auch
Fußnote oben)
Und wie steht's mit Ihnen: sind Sie bereit, jede Erpressung Ihres Brötchengebers mitzumachen und auf Lohn zu verzichten, wenn Ihnen dafür zugesagt wird, daß vielleicht irgend einmal, zu besserer Zeit, in einem herrlicheren Land, einer schönen neuen Welt, eine halbe Stelle geschaffen (aber auch intern besetzt) werden könnte?![]()
▪ Wie steht es mit Ihrem politischen Engagement?
Bestens. Und mit dem Ihren?
→ Die Frage impliziert das Klischee, daß heutige Kunstschaffende hastewaskannste einen Bogen um politische Verantwortung machen. Das ist eine Unterstellung. Dazu eine unverschämte.![]()
▪ Darf ich Ihnen mal mein Manuskript schicken?
▪ Kann ich ein Freiexemplar haben?
Natürlich nicht. Exemplare sind ein kostbares Gut für AutorIn und sauteuer in der Herstellung. Die Zeiten, in denen man Hunderte Freiexemplare zur Verfügung hatte, sind long gone. Oder besser: es hat sie nie gegeben. Das ist einer dieser Alltagsmythen (Urban legends). Wie der vom Sperma in der Dönersauce.![]()
▪ Weshalb haben Sie diese Erzählung so angelegt? Und nicht folgendermaßen: ...
Weil ICH der Autor / die Autorin bin.
Himmelarschunddonnerwetter!![]()
Martin von Arndt & Ioan Radulescu
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