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16. Mai 1998, Fußballpokalendspiel in Berlin, Bayern München gegen MSV Duisburg. Mitte der zweiten Halbzeit: der Außenseiter vom Westrand des Ruhrgebiets, der ewige Zweite, der Zukurzgekommene, führt mit 1:0, verdientermaßen, denn auch der Versuch der Millionärstruppe, die gegnerische Mannschaft in deren Strafraum einzuknäueln, läuft bislang ins Leere. Dann - geht es Schlag auf Schlag auf Schlag: Der agile Stürmer des MSV, Bachirou Salou, Schütze des ersten Tores, wird auf brutalste Weise bei einem Kontervorstoß niedergetreten und muß mit einer mehrere Zentimeter langen Wunde im Unterschenkel das Spielfeld verlassen. Eine gelbe Karte für den Querschläger, mehr ist nicht drin. Unmittelbar anschließend fällt beinahe zwangsläufig der Ausgleich, dem ein weiteres Stürmerfoul der Münchner vorausgeht, und, natürlich, ungeahndet bleibt. Duisburg irrt in der Folge in äußerster Konfusion über den Platz, scheitert an den müden Beinen, wird, kurzgesagt, Opfer der eigenen Unzulänglichkeiten, um vielleicht eine Minute vor Spielende zu gewahren, wie der Ball nach einem Freistoß der Bayern besoffen und blödläuftig über Stock und Stein hoppelnd wie von ungefähr seinen Weg ins Tor findet: 2:1, eines Maulwurfshügels, einer abgebrochenen Schuhsohle wegen.
Fin de partie - und dann war es da plötzlich wieder: das "wirkliche Leben" mitten in einem Fußballspiel. Da heißt es dann mit einem Male wieder Sieg für die Saturierten, für die mit Champagner Gebenedeiten, für all diejenigen, die keine Skrupel kennen und hie oder da auch gerne eine Schienbeinfraktur riskieren, wofern es die eigne nicht ist, um ans Ziel zu gelangen, und die zudem, wenn sie's schon nicht auf geradem Wege erreichen, auch noch durch das Glück, den Dusel, was sage ich: den "Superriesendusel" begünstigt werden.
Es ist halt, so sage ich, wie im Leben: die größten Schweine haben das größte "Schwein". Fairplay lohnt nicht, macht sich nicht bezahlt. Fortuna ist und bleibt die alte Metze, durch und durch, und läßt sich nicht gern auf den Hütten nieder, wenn sie ihren Speck in Palästen betten kann. Pfui Deibel! Auch in solchen Momenten dröhnt der Zynismus von allen Wänden dieses Erdballs wider, in solchen Momenten liebe ich sie wieder innig, die Uridee des Sozialismus, die dies streng allem Gerechtigkeitssinn des Menschen zuwiderstrebende blinde Glückstierchen notfalls knochenbrecherisch in andere Bahnen zwingt. In solchen Momenten verstehe ich die Mallocher alle, denen der Sinn nun nach nichts anderem steht als gierig-größenkotzig daherkommenden BMWs die Scheiben und ihren Eignern die Zähne einzutreten und sich, Verlierer, die sie sind, um die giftig blakenden Feuerschwaden der ausgebrannten Fahrzeuge zu scharen bis zum Kater des nächsten, viel zu frühen Morgens. Denn hier, spätestens an der ersten Aspirin, macht die Revolte ohnehin Halt, so ist das immer. Und das wissen die da drinnen in ihren Zweireihern auch ganz, ganz genau.
So eine große Portion Leben barg dies Fußballspiel, so eine richtig große Portion Scheiße. Ich habe den Rest der Nacht damit verbracht, glasigen Wodka aus deutschem Korn auf den Verlierer zu trinken, ein ums andere Mal, darauf hoffend, daß mir in einer dieser Kneipen die Geldbörse eines fettwangigen, bierdunstigen Bayernanhängers in die eigene Tasche gerate, daß die alte Metze uns Weißblauen zum mindesten eine kleine Reparationszahlung vergönnte. Und es kam, wie es kommen mußte - ich hatte allerdings keine Zeit herauszufinden, ob es sich nun wirklich um die Fünfzigmarkscheine eines dieser "Pokalgewinnler" handelte.
Nächsten Tages war das Leben dann wieder in meinen Schädel zurückgekrochen und hat sich auch lange nicht mehr von dort vertreiben lassen. Aber morgen, so beschloß ich, würde ich mir vom Rest der Beute ein neues MSV-Trikot kaufen. Ganz bestimmt. Ganz, ganz bestimmt!
Spielstatistik:
DFB-Pokalendspiel 1998: Bayern München - MSV Duisburg 2:1
Torschützen: 0:1 Salou, 1:1 Fortuna, 2:1 Basler
Gewährsmann: M.v.Arndt
Das allerschönsteste Tor, das jemals geschossenste, so urteilt zumindest mein Bekannter Eintracht-Kalle - Eintracht-Kalle, so genannt, weil er seit Menschengedenken für den sofortigen Wiederaufstieg der Braunschweiger Eintracht in eine der beiden Profiligen nur Jägermeister trinkt, nur Jägermeister, als ob solch Markenbindung in Zeiten zunehmender Internationalisierung der Geschäftsphären und des Globalplayertums noch irgend Auswirkungen hätte auf die Angelegenheiten unseres tiefsten, unseres emotionalsten Innersten; Kalle aber ist eisern in seinem Willen und seit Menschengedenken trinkt er eisern Jägermeister, ungeachtet der feudalherrischen Anschläge seines freundschaftlichst besorgten Internisten auf sein Eintracht-Konto; - Kalle nun ist der festen Überzeugung, das allerschönsteste Tor, das jemals geschossenste, sei das 1:0 der Eintracht-Amateure gegen Concordia Hamburg gewesen, die Saison wisse er nicht mehr zu nennen, allein, es müsse schon manches Jahr vergangen sein seitdem, weil weder Bandenwerbung noch Trikotbedruck den berühmten Zwölfender im Eintrachtstadion trugen; der Schütze war jedenfalls ein Serbe oder Kroate, damals nannte man das eben noch "Jugo" und es war rein egal, ob der nun katholisch oder orthodox gewesen; er hieß jedenfalls, Gott!, er hieß, na, -evic, nein, -ovic, Ragnovic oder Jugovic, irgendwie -ovic; übrigens war es brisant, weil es für die Eintracht-Amateure gegen den Abstieg galt und bis zur 88.Minute noch 0:0 stand; und da plötzlich gelangt diese Flanke in den Torraum der Hamburger, aber es steht, wie immer, wieder keiner dort, wo der Ball niederprasselt, nur einer, der -ovic, der ist nahebei, und wie er so steht, sieht er, daß er das Leder vielleicht doch werde unter Zuhilfenahme yogischer Künste erreichen können; er tritt also zwei, drei Schritt an, wirft sich rücklings in den Ball, verfehlt ihn aber mit dem rechten Bein, dreht sich indes fallend so glücklich steuerbords, daß er, fallend, immer fallend! betont Eintracht-Kalle, daß er also linken Rists den Ball touchiert, leise scheinbar nur, doch der erhält solchen Drall, daß er schneller, immer schneller zu werden sich anschickt und wie ein Strich am Torhüter vorbei in das von diesem aus rechte Triangulum fährt, dort eine Wendung erhält, zur Linie zurückspringt, wieder raumwärts donnert, einen Augenblick unter der Latte tänzelt und überlegt - und schließlich, entseelt, ins Torinnere kollert. 1:0. Da war lauter Jubel, Sang und Kräuterlikör. Ein neuer Ball wurde angefordert, aber die Eintracht-Amateure haben die letzten zwei Minuten auch noch gut über die Bühne gebracht.
Übrigens, so ergänzt der Eintracht-Kalle, sei dieser -ovic, das müsse man wissen, ein Abwehrspieler der Hamburger Concordia gewesen, der kurz darauf in die Kreisklasse zurückgestuft worden ist; nebenbei verkaufte er schrottreife amerikanische Autos im Hamburger Norden, sein - Kalles - Schwager aus Winsen sei dort einmal vorstellig geworden, allein habe der, darauf angesprochen, ob er besagter -evic oder -ovic sei, nicht ganz heimlich zwischen Zähnen und Gaumen gezischt und mit dem Krümmer eines alten Fiesta gedroht. Wahrscheinlich ist er auch schon längst wieder in Jugoslawien oder tot.
Es war halt ein Eigentor.
Ja, und die Eintracht-Amateure sind ja auch trotzdem abgestiegen in dieser Saison.
Gott! - Prost Männer -, aber es war doch das allerschönsteste Tor, das jemals geschossenste.
Spielstatistik:
Eintracht Braunschweig (Amateure) - Concordia Hamburg 1:0
Torschütze: 88.Minute -evic, -ovic (Eigentor)
Gewährsmann: "Eintracht-Kalle"
© Martin von Arndt 2000
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