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Der Pfad trug in seiner trockenen, fleischfarbenen Erde die Rillen von Holzfuhren wie verharschte Wunden, und es ging sich nicht gut.
Stefan Andres: Wirtshaus zur weiten Welt
Ein klappriger roter VW-Bus, Baujahr 1972. Damals ist er angeschafft worden, Plakate und Handzettel von der Druckerei auf den Universitätscampus zu schaffen, und er dient bis heute zu dem Zweck, wenn auch mit mittlerweile eher mäßigem Erfolg. Fanden die Äußerungen neulinker politischer Kultur damals noch reißenden Absatz, steht man sich heute die Beine in den Leib, friert oder schwitzt, klumpt oder verflüssigt sich, je nach Tages- und Jahreszeit, und fragt sich von der ersten Minute an, was es wohl anschließend in der Mensa gibt, wenn man sein Teil politischer Bildungsarbeit einmal mehr getan und überstanden haben wird.
Wir sind die Letzten des weiland Allgemeinen Studentenausschuß AStA, nachmals Unabhängigen Studierendenausschuß UStA. Solch studentische Ämter sind übrigens so gut wie erblich, zumindest werden sie von nahezu denselben Charakteren von einer auf die nächste Generation weitergegeben. Schenkt man Wolfgang, noch immer Kommilitone und von unbestimmtem Alter und zylindrischem Bauchumfang, Vertrauen, war er bei einer der Gründungssitzungen bereits mit von der Partie. Dem Aussehen zufolge gut möglich, und zur Probe in seinen Ausweis zu sehen, hat sich noch keiner von uns getraut. Schließlich ist er der Altvorsitzende, und das schon seit reichlich zwanzig Jahren.
Das strahlende Frühlingswetter macht ihn heute ungnädig, die Hormone treiben ihn noch einmal um, Wolfgang wirft die Zettel, die er unter seiner Schmer begraben hat, in einem Anfall alttestamentarischen Zorns weit von sich in die Lüfte. Sie segeln, aber nicht lange, weil es beinahe windstill ist und ein dämlicher brauner Köter Jagd auf die verwegensten unter ihnen macht. Und da noch nicht einmal diese Aktion irgend studentische Aufmerksamkeit erregt, zieht er unter lauter Schimpfrede von hinnen, denn diese Vollidioten interessiere doch nur noch, wo sie am Abend ihre Daiquiris und Caipirinhas herbekommen, und es gehe nur noch ums Vögeln, nur noch. Eine halbleere Flasche Sechsämter, die er den Tiefen seines Parka entnommen hat, schwenkend, raunzt er mir zu, ich solle ja nicht vergessen, den Wagen heimzubringen; eine vollkommen überflüssige Bemerkung, ich bringe ihn ja immer heim, schließlich bin ich der einzige unter uns, der (noch) einen Führerschein hat. Und es ging schon immer ums Vögeln, auch in den damaligen Gruppen, und exakt so ist Gruppendynamik zu verstehen. Aber das, denke ich, und ich denke es nur, hast du ja noch nie verstanden, Wolfgang.
Wolfgang, der es leid ist. Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten hat er den Wagen von TÜV zu TÜV geschweißt. Jetzt, sagt er, sei er fertig mit der Karre, sei es leid, seine besten Tage neben Altölwannen hinzubringen, sei es einfach leid, so wie er die Studierenden leid ist und davon träumt, nach Cuba zu gehen. Aufgegeben hat er ihn aber erst nach dem Führerscheinentzug, unmittelbar nach dem gescheiterten Entzug. In einem Monat aber wird der TÜV um ein halbes Jahr überzogen sein, dann werden wir uns für alle Zeiten von unserem roten Klappermobil trennen müssen, einem der letzten altehrbaren Symbole der studentischen Linken in unserer sterbenslangweiligen südlichen Universitätsstadt.
Bevor es aufs Ende zugeht, möchte ich ihm noch etwas von der Welt zeigen, einer Welt, die es noch nie gesehen hat, das treue Lasttier, allzeit ächzend bei der Bewältigung des unscheinbaren Höhenunterschieds zwischen Druckerei und Campus. Mit ihm in die Vogesen fahren oder in den Harz. Anschließend mit dem Zug zurück. In Frankreich oder Niedersachsen soll die Verschrottung billiger kommen.
Der Wagen. Längst ist er zu meinem Freizeitmobil geworden. Ich zahle das Benzin, das Öl, die Kleinreparaturen und die Strafzettel wegen Falschparkens. Andere gibt es nicht mehr. Der letzte, der die 60 Stundenkilometer-Schallmauer durchbrochen hat, wirbt heute mit seiner Dreimannagentur bundesweit für Babynahrung, die seine eigenen beiden Blagen sicher nicht zu fressen bekommen haben.
Tatjana blickt auf die Uhr, auf die Stapel Papier in ihren Händen, die Stapel Papier auf der Erde, den versiegenden Strom Studierender, der in die Mensa drängt, sie blickt mich an, ratlos und mit schwarzumwölkten Augen, wie sie blickt in den Ausschußsitzungen, und ich schlage vor, mit dem Bus einen Kaffee trinken zu fahren. Bei meiner Mutter. Weil Tatjana in mich verknallt ist, willigt sie ein. Sie ist in diese Gruppe geraten, weil sie in mich verknallt ist und lernt jetzt sogar meine Mutter kennen, weil sie in mich verknallt ist. Liebe formt den Charakter. Leid formt den Charakter.
Der alte rote Bock muckt auf dem Wege, trotz pedal weit erhöhter Leerlaufdrehzahl geht er an jeder verdammten roten Ampel aus. Tatjana lacht, merkwürdig mit geschlossenem Mund. Es ist nicht das Lachen einer Neunzehnjährigen, aber vielleicht hat sie auch einfach nur Angst, ich könnte ihren fehlenden Schneidezahn genauer in Augenschein nehmen. Tatjana spielt Eishockey. Warum auch nicht.
Mutter strickt mal wieder. Mutter hat Besuch. Es ist Frau Scheuermann, die aussieht, als habe man Oscar Peterson mit einer Dackelhündin gekreuzt. Und wenn dieser Eindruck nicht politisch korrekt ist, dann liegt das nicht an der Dackelhündin. Mutter soll viel stricken, ihrer Gelenke wegen, sagt der Arzt. Ob er sie auch dazu angehalten hat, beim Stricken viel zu reden, weiß ich nicht. Jedenfalls ist Mutter mächtig stolz auf mich, wahrscheinlich weil sie mich so selten sieht, obwohl ich keine fünf Kilometer entfernt wohne. Sie erzählt mit steifer, ja todernster Miene, daß ihr Kleiner doch so gern Parteikader geworden wäre, und so ein guter.
Mutter, wende ich ein, ich bin Sozialist, nicht Kommunist, das ist ein gewaltiger Unterschied.
Trotzdem, behält sie das letzte Wort gegen die beflissen triefäugende Scheuermann, trotzdem ist es schade, daß du nicht ein paar Jahre früher geboren worden bist. Aber damals haben wir uns dich ja gar nicht leisten können. Da mußten wir erst auf die Gehaltserhöhung für Papi warten. Dann ist er gestorben, dann kam die Wende, und mit der Wende kam meine Gicht.
Mutter verharrt in einer Kunstpause, und, noch lange nicht zufrieden, wendet sie sich nunmehr lautstark von ihren Gelenken ab und meiner Begleitung zu.
Und wen haben wir denn da? Deine neue Flamme?
Das ist Tatjana, Mutter. Wir bilden eine Müllgemeinschaft.
Ach. Ist sie auch Parteikader?
Mutter!
Wieso, darf man doch fragen, ist doch nichts Unanständiges, was?!
Und nickend schaufelt die Scheuermann eimerweise Frankfurter Kranz und schaufelnd nickt sie in ihren Kranz hinein.
Tatjana, soso. Sind Sie aus dem Osten?
Osterode, murmelt die Kleine und sieht scheu abwechselnd nach mir, meiner Mutter, und wieder nach mir.
Na bitte, triumphiert Mutter jetzt, aus dem Osten. Und da soll sie nicht Parteikader sein? Wenn du schon nicht aus dem Osten bist und doch Parteikader hättest werden können?
Mutter, bitte, wende ich hoffnungslos und mit leerem Blick auf meine Begleitung ein: Tatjana und ich wohnen zusammen, sie ist in meiner Gruppe (Mutter nickt, beiläufig, wissend, noch triumphierender) und - sie spielt Eishockey!
Jetzt ist's heraus. Beschwörend hebt Mutter die Hände, beschwörend, und so lange, daß die Scheuermann darüber Kauen wie Schlucken vergißt. Endlich aber äußert sie ein standesgemäß sinnfreies: Eben! Und setzt die Aufforderung hernach: Zeig ihr doch mal deine Mutlangen-Fotos, wenn ihr schon hier seid. Ich setz derweil noch Kaffee auf, was?!
Für Mutlangen, erkläre ich dem scheuen Wesen, war ich natürlich noch viel zu jung. Obwohl ich inzwischen, ohne Studienabschluß und -ziel, auch die Dreißig überschritten habe wie eine Schwelle, die gespickt ist mit Glassplittern. Was ich Tatjana natürlich nicht erst zu erklären brauche. Sie sieht sich in meinem Jugendzimmer um, amüsiert, ich verlegen, und nach einer langwierigen Gesprächspause frage ich ungerührt:
Sag mal, liegt Osterode wirklich im Osten?
Ich erinnere mich, bisher erst einmal so von ihr angeblickt worden zu sein, vor wenigen Wochen, als sie mir, einem Fußballfanatiker, die Abseitsregel im Eishockey erklären hat wollen und beinahe bitter nach einer halben Stunde zu resignieren begann. Es war noch während einer Sitzung, und sie sprach die darauffolgenden Tage kein Wort mit mir.
Aber Tatjana ist heute versöhnlicher gestimmt, wahrscheinlich, weil sie es für einen läßlicheren Fehler hält, wenn ein Politologe nicht weiß, wo Osterode liegt. Sie zieht die Augenbrauen empor, strahlt mit einem Male von innen und meint:
Vielleicht solltest du einfach mal zu mir mitkommen.
Vielleicht sollte ich das, vielleicht ist es die schönste Gelegenheit, unserem Bus ein würdiges Ende zu bereiten, jetzt, bevor alles zu spät ist. Während des Kaffees mit meiner Mutter und der schlingenden Scheuermann beschließen wir, eine Harzreise zu unternehmen, ein verlängertes Wochenende, Tatjana bietet sich an, sich für mich um eine Übernachtungsmöglichkeit in der Pension einer Verwandten zu bemühen, ihre Eltern, Eishockeyspielerinneneltern, seien Fremden gegenüber ein wenig eigen.
An einem Freitag im August zuckeln wir nach Norden. Leise erst, dann immer lauter.
Von Fulda her kommt man auch über die Bundesstraße 27 mühelos in den Harz. Man muß allerdings nicht von Fulda her anreisen. Ich würde sogar empfehlen, nicht von Fulda her anzureisen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, überhaupt nach irgendwo von Fulda her anzureisen, außer man hat das Kreuz, in Fulda leben oder dort eine Panne erleiden zu müssen. Denn seit Johannes Dyba tot ist, ist auch Fulda tot, das Kreuz ist tot und auch der Dom, man wagt jetzt gar, das gesamte Domviertel abzusperren, um ein Konzert von André Rieu zu veranstalten. Das hätte es unter Dyba sicher nicht gegeben. Ich hatte dazu das große Pech, mich vor dem André Rieu-Konzert vom Dom zu entfernen und nach dem André Rieu-Konzert mich ihm nähern zu müssen. Es war ein Kampf gegen Wogen beseelter Taschentücher, hinter und unter denen, seltsam genug, die Züge sonnverbrannter Mittfünfziger auftauchten. Triefaugen. Ich dachte an die Scheuermann.
In Fulda wußte man schon immer, Hexen zu verbrennen und Feste zu feiern, und das eine artig mit dem anderen zu verknüpfen. Ich möchte wissen, ob André Rieu, dieser Teufelsgeiger und Satansbraten, sein Konzert überhaupt überlebt hat. Abends aber knallen auf dem Kopfsteinpflaster vorm Schloßhofparkplatz die Autoreifen entzwei und nachts murmeln besoffene Lungentumore bis in die frühen Morgenstunden, husten meckernd ab und verlangen von meiner Zimmerwirtin einen ersten Kurzen, um den Tremor zu verjagen. Hoffentlich hat Borussia Fulda gegen Kickers Offenbach verloren.
Von Fulda her kommt man gegen den Harz zu an Eschwege vorüber. Aber eben nur vorüber, und das ist auch gut so.
Tatjana beschließt, mir zu allererst ein Stück wunderbarer Natur zu kredenzen. Mit unserem Klappermobil erklettern wir nur mühsam und unter geflissentlichem Überhören der Hupkonzerte hinter uns die auf beinahe 900 Meter ansteigende Straße von Altenau nach Torfhaus. Etwa auf halbem Wege parken wir in einer Wolke Wasserdunst, die der Motor unseres Busses ausströmt und machen uns auf den Weg über bald moosigen, bald moorigen Untergrund. Das Hochmoor um Torfhaus, von dem durch den Torfstich seit dem 16. Jahrhundert nur noch wenige schöne Plätze erhalten geblieben sind, strahlt, vollgesogen von Traufwasser, eine schwülwarme Hitze aus, die uns jeden Schritt schwerer tun läßt. Mein Hemd klebt auf dem Rücken, klebt auf der Brust, kein Zentimeter meines Schuhwerks ist noch trocken, und doch sind die Mühen vollkommen belohnt durch die plötzliche Stille, mit der uns das Moor umgibt, das nur ab und an die lautesten der Wochenend-Motorradfahrer zu Gehör bringt. Rasch ist auch das vorbei, rasch sind auch alle Vögel verstummt, die letzten verkrüppelten Bäume säumen den Weg, der in gerader Linie auf eine Felsburg zuführt: die Wolfswarte.
Quarzitblöcke türmen sich zu einer noch gut erklimmbaren Höhe, geben einen bestrickenden Rundblick über den Oberharz und spenden durch die immerwährende Kälte des Gesteins eine mehr als nötige Abkühlung. Die einzigen Laute in der flirrenden Nachmittagshitze gehen von den Abertausend Fliegen aus, die uns ebenso durstig wie neugierig umschwirren. Wahrscheinlich haben wir uns für den Aufstieg den heißesten Tag ausgesucht, den dies Fleckchen Natur seit Jahren gesehen, und beide stellen wir uns vor, wie sich der Ort wohl macht, wenn im Herbst Nebel fallen, winters klirrkalte Winde vorbeischauen oder mittsommers sich ein Gewitter an seine vorspringenden Felshänge krallt.
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Wolfswarte, keine Wölfe, dafür jede Menge Geröll. |
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Tatjana hält eine kleine Geschichtsvorlesung: daß schon Karl der Große den Harz als Reichsbannforstgebiet entdeckte, aber erst spätere Könige und Kaiser seine reichen Erz- und Tierbestände nutzten, bevor er als Grenzmark wider slawische Stämme und, in jüngeren Tagen, wider die SBZ diente ("Slawische Besatzungszone", wie der Oberharzer, der das vermeintliche Glück hatte, den Engländern in die Hände zu fallen, zu scherzen pflegte).
Quarzitblöcke, die durch Erosion rasch und rascher an Substanz verlieren, lasse ich nur ungern wieder zurück. Wer weiß denn, ob sie das nächste Mal noch stehen, wenn ich der Wolfswarte meine Aufwartung mache.
Clausthal-Zellerfeld ist ein universitäres Versehen im Wald, aus dem Versehen wurde alsdann ein architektonisches Vergehen, das sich heute Technologiezentrum nennt. Welche Technologie hier zentriert wird, bleibt wohl auf immer ein wohlgehütetes Harzer Geheimnis. Wahrscheinlich handelt es sich um Energieerzeugung mittels Urbarmachung von Ödnis und Langeweile.
Vorherrschendes Baumaterial ist Holz, was sonst. Immerhin verfügt man so über die größte Holzkirche Europas, in die beinahe die Gesamtbevölkerung von Clausthal, Haus- und Nutztiere inclusive, hineinpaßt, wenn man sie behutsam stapelt; ein erstaunliches blaues Machwerk, das von hinten leise an eine badische Wertstoffsammelstelle gemahnt.
Aber auch die Privathäuser sind holzverkleidet, gegen die angeblich schlechte, ja, die noch viel schlechtere Harz-Witterung. Und blau sind sie auch gern, die holzverkleideten Häuser. Neben Bergarbeiterbraun die alles beherrschende Farbe.
Überhaupt: Bergarbeit. Nicht nur die Durchgangsstraßen dieses alten "netten Bergstädtchens, welches man nicht früher erblickt, als man davor steht", wie Heine schwadronierte, erinnern umstandslos an Oberhausen, an Herten, an Bottrop. Clausthal, ebenso wie Zellerfeld, waren freie Bergstädte, bevor man sie in einem verwalterischen Gewaltakt zusammengeworfen hat. Jetzt ist man also ein unfreiwilliges Universitätsstädtchen und beheimatet zudem eine Bergschule für mittlere Grubenbeamte. Kein Wunder ist es zappenduster. Aber studentisches Leben - findet man hier nicht. Oder wenn, dann nur zu Hause, unter der Bettdecke.
Clausthal, die Hauptstraße hinauf-, die Hauptstraße hinunterspaziert: zwei Eisdielen, ein Tagescafé, ein Buchladen, einander erstaunlich ähnelnde Gesichter. Sogar hier war einmal Krieg, auch hier sind die meisten Männer im Krieg geblieben und einige wenige haben dann die viele Arbeit allein verrichten müssen.
Zellerfeld, die Hauptstraße hinauf-, die Hauptstraße hinuntergefahren: geringfügige Höhenunterschiede. Von neueren PKW mühelos zu bewältigen.
Unser Bus aber streikt, den lieben langen Abend.
Altenau ist, wo ich logiere. Ein bezauberndes Örtchen, gerade im Zentrum des Oberharzes, kündigte man mir im nächtlichen Osterode an. Und Bier gebe es da auch. Das klang so, als wollten sie mich schnellstmöglich aus ihrem Osterode entfernen, und recht hatten sie, denn schon begann ich mich umzusehen, und Osterode wollte mir gar nicht gefallen. Tatjanas Mutter, eine reizende Eishockeyspielerinnenmutter, äußerte während ihres kurzen aber emsigen Monologs, nachdem ich die bis über beide Ohren verliebte Tochter endlich in ihre Obhut gebracht hatte, daß sich wohl ein jeder Eltern wie Geburtsort vorgeburtlich selbst aussuche. Ich halte das zwar für einen ausgemachten Unsinn, und es ist kaum mehr als purer Zufall, wohin die Wehen unsere Mütter verschlagen. Aber seit ich Osterode gesehen habe, weiß ich wenigstens, wie man auf einen solchen Gedanken verfallen kann.
Ich ziehe mich also allein zurück. Zurück auf die Straße, die alte Straße von Osterode nach Clausthal nach Altenau.
Altenau ist, wo ich logiere, ein geriatrischer Souvenirladen entlang der Hangstraße. Man lernt hier sämtliche vor vierzig Jahren todschicke Mädchennamen kennen, weil die Pensionen wie ihre Betreiberinnen heißen: Haus Marianne, Haus Barbara, Haus Christa. Ein Problem, wenn man partout nicht mehr erinnert, wie sich die Herbergsmutter vorgestellt hat, bevor man das Haus verließ.
Gleichwohl ist Altenau ein freundliches Fleckchen Erde. Nicht Welt - Erde. Und so still. Still, daß man unbesorgt am nächsten Morgen mitsamt den anderen Insassen von Haus Barbara (Marianne? Christa?) auf die beiden nächtlichen Ruhestörungen schimpfen kann, da ein Golf GTI mit jaulendem Motor und Dopplereffekt-Baßtrommel nebst Goslarer Kennzeichen (GS, so verrät mir Tatjana, die sich als Nestbeschmutzerin entpuppt, bedeute eigentlich "Grenznahes Sperrgebiet") erst von links nach rechts, und, hernach, also sieben Bier später, von rechts nach links jagte.
Nur zweierlei ist in Altenau zu unterlassen geboten: selbst der Golffahrer zu sein oder nach 21 Uhr noch einen Spaziergang durch den Ort zu unternehmen. Besonders bei Neumond ist die Gefahr groß, in die Gruben zu fallen, die die hochgeklappten Gehsteige hinterlassen. Ich dagegen habe es sogar geschafft, mich hier zu verlaufen, habe mich schon bei meinem Einstand, unter sternklarem Himmel und sternhagelnüchtern, die kurze Nacht bibbernd an eine Fichte gekauert verbringen sehen, bis mich die ersten schläfrigen Sonnenstrahlen oder ein früher Feldhase vor Tag und Tau vielleicht auf den Weg zurückgewiesen hätten. Der Einfachheit halber fand ich indes am Polizeierholungsheim noch einen Mittsechziger-Mützenträger von der Hannoveraner Streife, der mich zurückbrachte ins Haus Christa. Oder Haus Barbara. Das habe ich vergessen.
Aber eines habe ich gelernt: Im Harz gehen auch die größten Abenteuer immer gut aus.
Ein Raubritternest. Entnehme ich einer Harzer Touristengazette und bin hin und weg. Da wir für den Tag ohnedies einen Abstecher nach UNESCO-Quedlinburg verabredet haben, bedeutet der Regenstein oberhalb von Blankenburg eine geschickte erste Etappe, ohne einen Umweg zu riskieren. Die Strecke habe ich allerdings gründlich unter-, unseren Bus dafür entsprechend überschätzt. In mehreren kleinen Etappen, auch nach einer weiteren Reifenpanne, durchqueren wir Blankenburg, ein hübsches altes Kreisstädtchen, dem die neuen Ordnungen in Deutschland nicht nur den dazugehörigen Kreis genommen haben. Man erwartet also nichts und ist demgemäß umso positiver überrascht von den Jahrhundertwende-Villen, der alten Fachwerkstadt, den Serpentinen, die in den Talkessel führen. Dem Regenstein, im stadtabgelegenen Norden, sollte man sich tunlichst nicht vom neu gebauten Parkplatz nähern, der Pfad ist zwar kürzer und weniger beschwerlich, dafür aber ist die Enttäuschung beim ersten Schritt auf das Areal umso größer. Auch hier haben die Geschichtsfälscher zugeschlagen und einen Wall um das Gelände gelegt, eine nichtssagende Ummauerung, die nächtliche Jung-Biertrinker offenbar mehr anzieht denn verschreckt.
Folgt man stattdessen der Straße vom Bahnhof aus durch ein Industriegebiet immerzu und läßt sich durch den weiteren Straßenverlauf auch nicht irritieren, steigt man zur Festung durch ein schmales grünes, durch ein felsübersätes Tal empor, erklimmt steinerne Steige und tritt durch einen Kreidesandsteinblock, aus dem ein enger und niedriger Gang geschlagen worden ist, in die Anlage ein. Dort lassen wir den Schnickschnack späterer Jahrhunderte hinter uns, um uns durch Reihen radsportverrückter Anhaltiner zur mittelalterlichen Befestigung durchzukämpfen. Der Regenstein ist eine nackte, aus dem Fels oder in den Fels gemeißelte Trutzburg. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, ist über die Jahrhunderte in Blankenburg und Umgebung verbaut worden, keine fünfzig Mauersteine ruhen mehr an ihrem Ort. Nur schnörkelloses Gestein, das noch Kammern, Kemenaten und Stuben preisgibt, dazu jede Menge Steige und Höhlungen, die heute ins blanke Nirgendwo führen. Es ist ein schwerer Ort, auf die Distanz erstrahlt der Fels in speckigen Pechfarben. Es ist ein würdiger Ort, um sich grauen- und gruselvolle Raubrittergeschichten zuzuflüstern. Nebenbei handelt es sich hier um die älteste deutsche Steinburg, und, noch mehr nebenbei, trägt sie die schönsten in den Stein geritzten Inschriften der letzten sechzig Jahre, besonders einige russische Soldaten haben sich akkurat an diesem Ort verewigt.
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Regenstein, im Hintergrund der verlorene Posten (nicht zu sehen). |
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Strategisch gesehen mußte sich der Herr Raubritter hier wohlfühlen: Wenn die dort hinten zum Angriff geblasen haben, hat er das auf hundert Kilometer Distanz sehen können. Und die fette Beute hat sich ihm auch bereits offenbart, da er sich noch die letzten Flöhe aus dem morgendlichen Fell kratzte. Nur ungefährlich war der Ort auch nicht, ein Posten ist hier während eines Sturms mitsamt seinem Wachhaus in die Bodenlosigkeit gestürzt, wahrlich, nirgendwo besser als hier versteht sich die Bedeutung des geflügelten Wortes: "Auf verlorenem Posten stehen".
Alles rennet, rettet, flüchtet vor der Hitze. Sowas habe man, erzählt ein alter Westsachse, der Mundart nach zu schließen ein Chemnitzer, noch nie erlebt im Harz, noch nie, und dabei sei der Harz mehr denn tausend Jahre alt. Zwischen Hölle und Pölle wandern die Touristen hin und her und stöhnen, stöhnen, stöhnen lauter als zu Zeiten, da das Fachwerkstädtchen von Kriegen oder Seuchen geschüttelt worden ist.
Quedlinburg ist ein freundliches Städtchen. Im Gegensatz zu Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl oder vergleichbaren Mittelalterspielplätzen bekommt man an einem schönen Sonntagnachmittag im August sogar einen zentrumsnahen Parkplatz, der zudem kein Geld kostet. Dafür schwebt man aber in der Gefahr, von neugierigen Passanten angesprochen zu werden, was denn das für ein komisches Kennzeichen sei, und wo das liege: RT. Reutlingen, antworte ich kurz und barsch, und: Alpenvorland. Ach, erwidert der andere und wendet sich zum Gehen, als habe ausgerechnet er irgendeinen Grund, sich zu wundern über eine Autonummer, die schon seit über vierzig Jahren ihren Platz in deutschen Gemütern hat. Die haben doch die komischen Nummern, die kein Mensch mehr zuordnen kann, echauffiere ich mich lauthals: BBG, STL, MQ, was soll das denn sein? Markt Quark? Aber Tatjana winkt nur ab und zeigt in Richtung Altstadt.
Quedlinburgs Altstadt besteht aus einer Altstadt und einer Neustadt, doch selbst die Neustadt ist uralt und ein einziges beschauliches Fachwerkmuseum. Mehr kann man dazu auch nicht sagen: Quedlinburg ist ein Fachwerkmuseum. Es ist soviel über jedes einzelne dieser Fachwerke geschrieben worden, daß es die nächsten tausend Jahre nicht mehr not tut, auch nur noch eine Zeile mehr darüber zu verlieren. Das wirklich bemerkenswerte aber an der Ottonenstadt ist das Ensemble: Man wird kaum ein zweites Mal in Deutschland diese Detailgenauigkeit bewundern können, das Kopfsteinpflaster, die Hinterhofschilder, die Straßenbeleuchtung, selbst die Kanaldeckel sind originäres Sein. Quedlinburg ist durch seine DDR-Jahre scheinbar auf dem Stand der dreißiger Jahre konserviert worden. Im Westen wäre spätestens 1970 eine vierspurige Stadtautobahn in alle Richtungen um das Schloß geleitet worden. (Wer's nicht glaubt, der werfe einen Blick auf das generalstabsmäßig verschandelte Ludwigsburg.) Hier begeistern wir uns allerorten, und dort zumal, wohin der lange Arm der Restauratoren noch nicht hinreichen hat können.
Eigentlich ist es gleichgültig, wieviel Zeit man mitbringt, um die Stadt zu ergehen: Sie reicht nicht. Alter und sogenannter neuer Stadtkern sind so weitläuftig, daß selbst geübte Stadtwanderer an die Grenzen der Verzweiflung geraten. Einen Kehrpunkt bietet erst der Schloßberg, der die Stadt reizvoll überschaut und, wie auf der Modelleisenbahn, den "wichtigen Hoch-Tief-Kontrast" setzt (eine Empfehlung, die ich einem Fachmagazin für Dioramen entnommen habe). Das Schloß steht just an der Stelle, an der einst Heinrich I., dem am sogenannten Finkenherd, einer nachmaligen Häuserecke, "die Königswürde angeboten sein soll" (auch für diese Formulierung zeichnen andere verantwortlich, Quedlinburger genau genommen, die's mit der deutschen Sprache eben nicht so genau genommen), seine Pfalz hat errichten lassen. Durch das massige Schloßtor gelangt man zur Stiftskirche St. Servatius, die einen reichen Domschatz birgt, indes, wie mittlerweile in bedeutenden evangelischen Kirchen üblich geworden, Eintritt kostet. Mit der großzügigsten mir zur Verfügung stehenden Geste rücke ich Tatjana ein wenig zur Seite, trete vor die Kasse und signalisiere meiner jungen Begleiterin: Ich mach das schon, während ich mit meiner Kurkarte aus Altenau zu wedeln beginne (die mir im übrigen noch keinen Sou eingebracht hat) und mit weltmännischer Stimme frage, wie hoch die Ermäßigung denn ausfalle.
Der Kirchenkassier grinst und speichelt vertraulich, die könne ich mir hier an den Hut stecken, schließlich seien wir im Vorharz. Von ihr aus gesehen eher Hinterharz, gebe ich zu bedenken und deute auf das puterrote Mädchen, das schon ein wenig abseits gerückt ist, sie kommt nämlich aus Osterode und dort haben sie die Karte immerhin akzeptiert (was im übrigen gar nicht wahr ist, aber das gehört nicht hierher). Wenn also dort Vorharz sei und hier auch Vorharz, was vom geographischen Standpunkt gesehen zwar überhaupt keinen Sinn ergebe, aber um des lieben Friedens willen solle ja keiner ins Hintertreffen geraten, dann dürfte die Karte doch dort wie hier nicht gelten, dort aber gelte sie ja, deshalb also müßte sie auch hier gelten, im Vorharz, also im Hinterharz, von ihr aus gesehen (und dabei deute ich wieder wie wild auf Tatjana, die sich unterdessen in einen Winkel gedrückt hat, in dem noch nicht einmal ein Poster hängt, was also tun, wenn man so tun muß, als tue man etwas, am besten ausgiebig die Mauersteine befühlen, und das tut sie schließlich auch).
Der Kirchenkassier blinzelt, reckt den Kopf über meinen hinweg, was ihm nicht leicht gelingt, bin ich doch beinahe zwei Meter groß, und meint mit einem Blick auf die hinter mir schwellende Menge: Die wollen auch noch rein. Die haben keine Karte, aber die zahlen. Er weiß, daß er mich besiegt hat, aber er kostet seinen Triumph nicht aus, und diese Eigenschaft ist mir so sympathisch, daß ich nun auch ohne Wenn und Aber zahle, und zwar den unermäßigten Preis (schließlich hätte ich auch noch auf meinen Studententarif insistieren können), mehr noch, ich lade sogar Tatjana ein, die sich noch immer nicht von den liebgewonnenen Steinchen losreißen hat können.
Drinnen ist es stockfinster, eine romanische Kirche eben, stockfinster und herrlich kühl, eine romanische Kirche eben. Ich liebe romanische Kirchen. Krypta wie Domschatz können mir gestohlen bleiben: Hier bin ich und will nie wieder weg.
Beschwerlich ist erst der Rückweg. Tatjana will gesehen haben, daß wir unterhalb der linken Kirche geparkt haben, meines Erachtens war es die rechte, ich setze meinen Willen durch und sie hatte recht.
Und der nächste McDonalds ist ach so weit.
Tatjana fragt, ob ich sie in Schierke abhole, eine Harzreise ohne Besuch auf dem Brocken sei eben keine rechte Harzreise, und so willige ich widerstandslos ein.
Schierke liegt gleich hinter Elend. Elend liegt gleich hinter Kukki's Erbsensuppenbude, Kukki's natürlich mit Apostroph-Es, wir sind hier bereits im Osten. Kukki scheint so etwas wie der örtliche Pate zu sein, in Elend tragen noch ein Souvenirlädchen und etwas, das von außen gar nicht näher zu bestimmen ist, seinen stolzen Namen und das Apostroph-Es.
Vor Kukki's Erbsensuppenbude kommt noch Braunlage, das so ist, wie es klingt. Mit zwanzig Stundenkilometern winden sich Blechlawinen durch den braunverschindelten Häuserteich, Lawinen, die verzweifelt suchen, multiplen Frau Scheuermanns auf rollengestützten Gehhilfen auszuweichen. Braunlage hat auch eine Seilbahn, aber die benutzt kein Mensch, obwohl sie nietennagelneu hergerichtet worden ist. Wahrscheinlich, weil sie nicht auf den Brocken fährt. Und auf den Brocken, so insistiert die in Schierke zugestiegene Tatjana, müsse man eben, weil man schließlich im Harz sei. Harz = Brocken. Selbst wenn's hier oben an mehr denn zweihundert Tagen im Jahr nebelt und an den restlichen Schnee liegt und Touristenabfall.
Um auf den Brocken zu gelangen, fährt man also nach Schierke. Schierke ist ein Parkplatz unterhalb der Brockenbahn. Für teuer Geld kann man hier sein Auto stehen lassen, um dann zunächst mit einem Zubringerbus zum Bahnhof zu fahren - statt den Parkplatz nächst dem Bahnhof zu bauen, aber das würde ja Umsatzeinbußen bedeutet haben. Zur Not geht's auch einen Kilometer zu Fuß bergan, benebelt hinauf, benebelt herunter, erinnere ich mich Heines kolportierter Worte, und erfahre, daß der Waschbär hier, vor Jahren nahegelegenen Zuchtstationen entlaufen, ein neues Refugium gefunden hat. Der arme Bär.
Am Bahnhof Schierke angekommen, hat die Wetterherrlichkeit im Harz ein jähes Ende, schon hier regnet es und dräut der Himmel, riecht es nach Erbsensuppe (Kukki?) und Koks, weil die schmalspurige Brockenbahn dampfbetrieben ist. Dies und so manch anderer Anachronismus rechtfertigen dann auch die 50 DM, die aufzuwenden sind für die kaum zwölf Kilometer lange Fahrt rauf und wieder runter. Rechnet man einmal das Preis-Leistungsverhältnis gegen, entspräche dies etwa 500 DM für die 120 Kilometer lange Strecke zwischen Stuttgart und Heidelberg. Man versteht mit einem Male, wie günstig die Deutsche Bahn in Wahrheit doch ist, sagt dem Schaffner leise Lebewohl und steigt wieder hinab zum Parkplatz Schierke. Oben hätte es ohnehin nur genebelt, Nepp muß man nicht unterstützen, selbst wenn er dem Aufbau Ost dient. Der arme Waschbär.
Ein Umweg, der es in sich hat. Mitten im August, bei hellichtem Tage, gehen mit einem Mal alle Lichter aus, die Welt hält ihren Atem an, der Himmel hat vergessen, Inkontinenzeinlagen zu tragen. Kurz vor Bad Harzburg bewältigt der Scheibenwischer die Wogen nicht mehr, Mao, denke ich: Ich schwimme nicht, ich überwinde tosende Wogen. Am Straßenrand ergebe ich mich drein, beschließe dort auszuharren, falls nötig diesen ganzen eigenartigen Tag. Falls solche Lichtverhältnisse diese Bezeichnung überhaupt verdienen. Der Harz ist eine Wolkenfalle, der Nebel fällt hier schneller als die ersten frühherbstlichen Blätter.
Wernigerode ist nurmehr ein Kanal entlang der Harznordstraße. Weiter also in wagemutigen Spiralen sich annähern an die alte Kaiserstadt Goslar, die sich vornehm bergabgewandt gehalten hat.
Siehe Quedlinburg. Mit einem großen Unterschied: Der Goslarer Jugendliche hat ein Drogenproblem, was unter anderem daran zu ersehen ist, daß die Jugendberatung zugleich dezidiert eine Drogenberatung ist, eine Jugend- und Drogenberatung, keine Jugend ohne Drogen, zumindest nicht in Goslar. Wer Goslar durchmißt und weniger als fünfzig Jahre zählt, versteht den Zusammenhang rasch. Andere benötigen erst den zornigen Blick einer kaum fünfzehnjährigen Mutter, die ihrer in Blaßrosa gekleideten Kleinen die Flasche vor dem Portal dieser Jugend- und Drogenberatung gibt.
Goslar ist sauber, Dachschindeln kleben hier an den Wänden, Heine war entsetzt, daß man den Dom abgerissen, ich dagegen bin entsetzt, daß man das mit der Kaiserpfalz nicht getan hat, obwohl man schon ein gutes Jahrhundert Erfahrung hatte im Niederlegen alter Gebäude und es auch längst geplant, aber so lange verschoben hat, bis der Ausführung dann romantische, treu-teutsche Akademiekleckereien aus der Gründerzeit entgegen standen. Und ein preußisches Reich, das dem Staate Hannover die Stadt Goslar abgejagt hatte und einen schönen Platz für seine Geschichtsklitterungen brauchte. Lauthals spricht die Führerin durch die Pfalz davon, daß Goslar lebendige Archäologie bedeute. Tatjana kaut ein Karamelbonbon. Archäologie ja, sage ich betont munter, aber lebendig - ist hier längst nichts mehr.
Hoch, überraschende Talblicke und eine Staumauer von solch ästhetischer Kurzsichtigkeit, wie sie nur die fünfziger Jahre mit ihrem Fortschritts- und Vergessenheitswahn zustande bringen konnten: die A8 zwischen Stuttgart und Karlsruhe, senkrecht aufeinander getürmt.
Sehenswert am Wege ist die Raststätte Okertalsperre, die Postkarten verkauft von der Raststätte Okertalsperre, auf der die Raststätte Okertalsperre abgelichtet ist, und zwar, den brillanten Farben nach zu schließen, zwischen 1954 und 1960. Ein ganz bezaubernder Anachronismus.
Beim Abschied aber: das Wissen, daß auch hier Häuser unter dem Wasserspiegel ruhen, Häuser, die vielleicht nie zur Ruhe gekommen sind, ein durch und durch beunruhigender Gedanke, und daß dies Tal einmal von einziger Schönheit gewesen sein muß.
Tatjana, obwohl Eishockeyspielerin, die ihre Abseitsregel ganz und gar verinnerlicht hat, kann sich nicht für "technischen Kram" erwärmen, wie sie mir frühmorgens am Telefon verrät - in den Bergen wird zeitig zum Frühstück geblasen -, und so bin ich allein mit meinem Mut in der Berggrube. Ich habe einen Prospekt des einstigen Erzbergwerks und jetzigen Museums Rammelsberg gefunden und beschließe, gegen meinen gestrigen Willen noch einmal gen Goslar zu fahren.
Der Rammelsberg ist eine gänzlich erschöpfte Erzlagerstätte, aus der auch das letzte Gran der kostbaren Stoffe in eintausend Jahren herausgeholt worden ist: Kupfer, Blei und Zink. Bergan türmen sich vielstöckig die braunvergiebelten Schachthäuser, als wüchsen sie einander aus den Schädelplatten. Darüber erhebt sich, teilweise wieder bewaldet, aber noch weit entfernt von neu erstehender Schönheit, der alte Bergsporn. Das Roß eines Ritters auf Jagd soll hier hufscharrend das erste Erzlager entdeckt haben, beide, Roß und Reiter, sind anschließend kaiserlicherseits hoch belehnt und belohnt worden, dieser mit einem Titel nebst Schloß, jenes mit einem Fuder Stroh und einer Tonne Möhren.
Eingetreten, in der Waschkaue rasch nach einem viel zu kleinen Helm gegriffen und dem Bergführer gefolgt, einem nicht uneitlen Altsteiger, der mit seiner Bergarbeiter-Silikose ebenso kokettiert wie mit einem Hüftschaden, indem er sich beim Gehen vehement auf seine Ehrenhacke stützt und uns doch in nachgerade unvorstellbarer Geschwindigkeit durch die Stollen und über Stiegen hinauf und hinunterjagt, daß es mir gut im Saft stehenden Langstreckenläufer nicht nur einmal die Luft verschlägt. Den Roeder-Stollen entlang, benannt nach Bergbauingenieur Roeder, der eine revolutionär neue Wasserkunst erfunden hat, indem er riesige, "vorwärts" wie "rückwärts" schöpfende Räder als Antriebsmotoren für Wasserpumpen eingesetzt hat und damit erstmals das Problem der Schachtüberschwemmungen eindämmen konnte.
Das Eindringen in die Bauchhöhle des Berges. Vom ersten Moment an bin ich ganz der alte Adam, der Angst hat vor dem Dunkel und seinen Mächten, vor dem Dunkel, das doch längst sein Element geworden ist, das sich Raum in seinem Innern gegriffen hat, das ihn selbst ja schon ganz und gänzlich ausfüllt, und der doch unablässig das Licht anbetet wie einen gütigen, herrlichen und fernen Gott. Verschüttete berichten ja, wie sie Wasser und Nahrung haben lange entbehren können, aber der Durst nach Licht, der Hunger nach der Sonne hat sie den Verstand gekostet und sie mußten zusehen, wie die schwächsten unter den Kumpeln immerzu mit ihren Köpfen gegen den Stein angerannt sind, ein rasches Ende zu machen.
Vitriole, Erzsalze, haben sich in allen Regenbogenfarben auf den Stein gekleckst, Wer hat Angst vor Rot-Gold-Grün? Eine Handvoll für mich überraschende Erkenntnisse birgt dieser Marsch durch die Zeiten und Schachtsohlen: Erzabbau bedeutete nie in erster Linie die Gewinnung von Silber, schon gar nicht von Gold, obgleich man auch dies hier zutage gefördert hat. Bis zuletzt hat man auf dem Rammelsberg wirtschaftlich gearbeitet, indem man dem Berg für mich Laien unbedeutendes Geröll entrissen hat. Sodann hat Bergbau vorrangig zu tun mit Wasserhaltung, dem Abpumpen des aus dem Gebirge in die Schächte zufließenden Wassers, und Grubenbewetterung, der Zufuhr von Frischluft, die über einen vom eigentlichen Förderschacht getrennten Schacht betrieben werden muß. Daneben werden Erze nicht geschlagen, wie auch Heine naiv dachte, vielmehr wird, weil sie viel zu hart sind für Schlägel und Eisen, Feuer gesetzt, und mit dem so angefeuerten Holz werden sie gleichsam aus der Wand gelöst. Und nicht zuletzt können Heißwasser und Seife kostbare Güter sein. Wo sollte man auch in einer Gegend, die so vollständig für den Bergbau gerodet worden ist, Holz zum Heizen herbekommen?
Doch am größten ist die Verwunderung, da ich entdecke, daß die Backtriebmittel des Karamelgebäcks im Museumscafé annähernd dieselben Namen tragen wie das unbedeutende Geröll, das sie aus den Schächten gefördert haben: Ammoniumhydrogencarbonat, Tocopherol, Natriumhydrogencarbonat.
Tatjana ist mit ihrer Mutter nach Braunlage zum Shoppen gefahren. Shoppen bedeutet hier allerdings den längst fälligen Einkauf neuer Freizeitkleidung und Kochschürzen. Ich gehe nicht soweit, mir vorzustellen, wie die Mutter aus dem einen wie dem anderen quillt und folge stattdessen den Anweisungen der noch ranken Tochter. Der Parkplatz, von dem aus wir den Wurmberg besteigen wollen, heiße Kaffeehorst. Einmal mehr muß ich an Kukki's Erbsensuppe denken, aber dort oben angekommen sehe ich keinen Kaffee und keinen Horst, nur nach einer Biegung einen herb-schön gebrochenen Gedenkstein, und auf dem prangt in schlichten Lettern das Wort:
Bratwurst
Tatjana sieht meine Verwunderung, begreift sie nicht sogleich und läßt mir viel Zeit zum Spintisieren. Soviel Liebe zum Detail oder zur Verfressenheit beim Harzer, daß er sogar abgegangene Lokalitäten mit einem Gedenkstein ehrt? An den Goslarer Dom erinnert übrigens auch nur eine Schautafel, dieser Bratwurst-Stele nicht unähnlich. Oder eine gefährliche Haarnadelkurve, die Goethe, Heine, Andersen oder Eichendorff, in extrem überhöhter Gehgeschwindigkeit, nur mühsam meisterten, so daß sie das riskante Manöver womöglich mit ihrer Bratwurst bezahlten? Eckermann, notieren Sie: Bratwurst verloren!
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Tatjana sieht noch immer meine Verwunderung und mahnt zur Eile, wenn wir an der Bergstation des Sessellifts einen letzten Kaffee bekommen wollen. Wir eilen, soweit es der nicht unansehnlich steile Berg überhaupt zuläßt, solange, bis wir, ich höre es überdeutlich, ein gewohntes Geräusch, sonst habe ich es, bei häufigem Wohnungswechsel, doch immer vor meiner Haustür und unter meinem Schlafzimmerfenster, Baggerlaute vernehmen, das Heulen der Maschine, das Stampfen der ausgehobenen Erde mit der Riesenschaufel. Braunlage baut die Wurmberg-Skischanze neu. Skispringen ist als Medienereignis nicht mehr zu toppen, das weiß auch der Braunlager Gemeinderat, und bevor es mit dem Fremdenverkehr langsam ebenso bergab geht wie mit dem Kreislauf der letzten altersschwachen Touristen, will man der Jugend etwas Neues bieten, smarte Jungs in enganliegenden Trikots, die zwar allesamt klingen, als hätte man ihnen perfiderweise in frühester Kindheit die Zunge an den Gaumen getackert, sich dafür aber todesmutig dem Talschlund entgegenwerfen. Eben darum wird also von der Kuppe des höchsten Berges Niedersachsens (971 m) das Gelände abgeböscht und so zerwühlt, daß man an einem staubigen Spätnachmittag die Hand nicht mehr vor Augen sieht. Den Berg empor führt übrigens eine alte heidnische Hornfelstreppe von 80 Metern Länge, die auf dem Gipfel in eine kaum mehr wahrnehmbare Kultstätte mit Ringwall mündet und, wie fast alles im Harz, auf den Vornamen Hexe hört. Hexentreppe, Skisprungschanze, man weiß beim besten Willen nicht, ob nicht einfach diese in jener Mitte gebaut worden ist. Aber vielleicht haben ja auch schon die bronzezeitlichen Nordmänner hier so etwas wie Skisprung betrieben. Närrisch genug dazu wären sie womöglich gewesen, haben sie sich doch auch diesen noch heute einsamen Platz mit einsamer Aussicht für ihr Heiligtum erkoren.
Ein eigenartiges Fiasko. Droben erwarten uns nur noch vier Gläschen von Apotheker Drubes Schierker Feuerstein, einem Bitterlikör, dessen rot-weiße Verpackung von allen Plakatwänden des Harzes herniederlacht. Ein Hoch auf Apotheker Drube! denn beim Abstieg sehe ich schon den Bagger nicht mehr.
Am Ende meiner Harzreise steht der Gang jedes Irdischen: die Verschrottung des klapprigen roten VW-Bus, Baujahr 1972. In Göttingen, wohin es das treue Gefährt mit letzter Energie und einem hölzernen Reserverad noch geschafft hat, erklärt man mir, daß sie keinen Deut günstiger komme als in Baden-Württemberg, eher im Gegenteil, weil hier nämlich alles ein wenig teurer komme, der Transportwege halber. Ich erkläre dem Schrotthändler, der einen lustigen Silberblick sein eigen nennt, daß bei diesem Bus an Transport allerdings gar nicht mehr zu denken sei, die Harzer Bergstraßen dem Querlenker den Gnadenstoß gegeben hätten und mir seit Fulda unzählige Reifen geplatzt seien. Der Blaumann hört sich das mit munterem Augenzwinkern an, sein Silberblick bekommt etwas nachgerade Überirdisches, er kaut fachmännisch auf einem Streichholz und schnoddert schließlich: Günstiger kommt das nicht, wenn, dann eher im Gegenteil.
Meine Harzreise ist und bleibt Fragment. Wie der Harz selbst Fragment ist und bleibt.
Der Wagen ist auf alle Fälle hier geblieben. Und mit der Liebe ist es nichts geworden, zumindest nicht für Tatjana. Ich habe ihr, zornig und pleite, noch eine SMS geschrieben und bin allein mit dem Nachtzug in Richtung Stuttgart gefahren.
Ich bin ja noch nicht einmal frei. Und meine Freundin telefonierte mir seit Tagen hinterher.
Und inzwischen weiß ich auch schon wieder nicht recht, ob Osterode nun eigentlich im Osten liegt. Oder nicht.
© Martin von Arndt 2001
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