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Blog kaputt. Ärgerlich. Anderswo reinschauen, schlimmstenfalls hier.
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22.06.2007: Polens Humorfront und die EU
Holla, was lesen wir da? Polen will Kriegstote bei der Stimmgewichtung in der EU mitberücksichtigt wissen? Aber das ist doch eine glänzende Idee! Dann machen wir aber auch nicht beim zweiten Weltkrieg Halt, dann bitte schön auch die Kriegstoten aller historischen und frühhistorischen Zeiten. Mal sehen, ob dann noch jemand der italienischen Übermacht in der EU etwas entgegenzusetzen hätte.

Der römische Feldherr Caius Iulius Caesar wird bei der Stimmgewichtung bei EU-Entscheiden künftig eine zentrale Rolle spielen.
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21.02.2007: ego shooter
Soeben ist mein neuer Roman ego shooter bei Klöpfer&Meyer in Tübingen erschienen. Das heißt, daß ich für Lesungen gern zur Verfügung stehe. Ich bringe dazu sogar einen Beamer und elektrovisuelle Begleitung mit.
Und stellt Euch vor: ein Buch in Kleinbuchstaben! Um es allen lesenswert zu machen, die mit Großbuchstaben einfach nicht umgehen können.
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29.12.2006: Und im übrigen
all meinen Leserinnen und Lesern (und auch den Schlüssellochguckern) einen guten Start ins neue Jahr.
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21.12.2006: Zum feierlichen
Gedenken an Phileas Foggs (Esq.) 134. Wiederkehr in den Reform-Club, um 20:45.
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06.12.2006: Bayern denkt
Interessant, da denkt Bayern also tatsächlich über ein Verbot für ego shooter nach, nicht aber über ein Verbot der bayerischen Schützenvereine. Die skills trocken zu trainieren soll also verboten sein, aber sie hardboiled zu trainieren und an die Waffen ranzukommen, das soll weiterhin erlaubt sein. Das ist auch mal eine Logik. Eine bayerische Logik eben.
Aber schon klar. Man stelle sich nur mal vor, was Regionen wie die Oberpfalz, Oberbayern oder das Sauerland sozial noch einigermaßen befriedete, wären die Schützenvereine nicht mehr.
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22.11.2006: Wieder einmal die ego shooter
Und jetzt diskutieren unsere politischen Eliten also schon wieder darüber, ob man ego shooter verbieten lassen sollte. Mein Gott! Führt Euch doch nicht auf wie Trottel, Ihr Trottel! Nicht die Ballerspiele sind das Problem, sondern die Gesellschaft, die Ihr geschaffen habt in Eurem neoliberalen Kleinmassenwahn, Ihr Wertkonservativen und Reformsozialisten. Da müßt Ihr eben auch mal das Kreuz durchdrücken, wie Ihr es sonst doch auch tut, wenn es an den Sozialabbau geht, oder wenigstens mit den Schultern zucken und dabei laut verkünden: "Tja, diese soziopathischen Kollateralschäden sind leider nicht zu vermeiden", und zurück zur Tagesordnung gehen. Wie Ihr es sonst doch auch immer tut.
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14.11.2006: Deutschland im Herbst

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12.11.2006: Angriffe auf die Kunstfreiheit
Ein Provinzskandal erschüttert zur Zeit den Großraum Stuttgart. Ein
Skandälchen eigentlich, das aber mittlerweile weit über Baden-Württemberg
hinausweist und daran zweifeln läßt, ob unsere Kunstfreiheit noch lange Bestand
haben wird.
Der Autor Matthias Ulrich aus Remseck veröffentlichte vor wenigen Monaten seinen
Krimi "Feuerreiter", für den ein Ort namens Pattonville (nahe Stuttgart) als
Inspiration für den Tatort diente. Der dortige Bürgerverein fühlte den Ort und
seine Arbeit durch den Krimi herabgewürdigt und hat mit einem wütenden Schreiben
an den Bürgermeister der Stadt Remseck, zu der Pattonville gehört, dafür
gesorgt, daß Ulrich eine bereits zugesagte Lesung gecancelt und wütend zum
Boykott seines Romans aufgerufen wurde, unter dem Motto: "Derartige Bücher
dürfen nicht öffentlich gewürdigt werden". Und das, ohne daß es sich dabei um
einen Schlüsselroman handelte, ohne daß Namen genannt, schon gar nicht
ortsbekannte Personen charakterisiert würden.
Ich habe, in meiner Eigenschaft als Stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) Baden-Württemberg, anschließend die regionale Presse eingeschaltet, die sofort reagierte, und die, wie zu erwarten, empört darüber war, daß nunmehr Krethi und Plethi glauben, befeuert durch eine heillos verwirrende Rechtsprechung in Sachen Persönlichkeitsrecht, ein Anrecht darauf zu besitzen, Maulkörbe zu verteilen und so die Kunstfreiheit, und daran anknüpfend auch die Presse- und Meinungsfreiheit, aufs Spiel zu setzen. Dem hat sich auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) angeschlossen und eine scharfe Pressemitteilung verfaßt, in der sogar von einer "Provinz-Fatwa" die Rede war.
Soweit kaum der Rede wert. Aber diese Woche ging die Posse in die zweite Runde. Der Regionalvorsitzende des DJV hat innerhalb weniger Tage insgesamt 14 Schmäh- und Drohanrufe erhalten. Einige Anrufer gaben sich als Bürgervereinsmitglieder zu erkennen, die ihm Rufschädigung vorwarfen, das "gesunde Volksempfinden" werde es nicht länger zulassen, daß dergleichen Schmutz verbreitet werde. Zum Schluß gab es sogar Anrufer, die grunzten, daß solche Bücher kurzerhand verbrannt gehörten und ihre Autoren und Fürsprecher gleich mit dazu.
Freilich, das Skandälchen von Pattonville ist und bleibt eine Provinzposse. Für sich genommen lächerlich unwichtig, eine dummdreiste Angelegenheit. Aber die Tendenz dahinter wirft ein Licht auf die Zustände der bundesrepublikanischen Gesellschaft im Jahr 2006, das Furcht einflößend ist. Immer mehr so genannte Bürgervereine schwingen sich dazu auf, Bürgerwehrarbeit zu leisten, um den guten Ruf einer Stadt zu "schützen". Mit populistischen Phrasen blasen sie zum Angriff auf jeden, der in ihren Augen "Rufschädigung" betreibt - und vergessen dabei nicht nur, daß eine Stadt nicht beleidigungsfähig ist im juristischen Sinn.
Viel schlimmer aber: Unter dem Mantel von Bürgern und Biedermännern, die ein wie auch immer geartetes "gesundes Volksempfinden" ins Felde führen, wagen längst wieder Kryptofaschisten ihr Maul aufzureißen und ihre menschenverachtenden Parolen zu blöken. Und damit - steht nicht mehr "nur" noch die Kunstfreiheit auf dem Spiel.
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10.11.2006: Kochen mit Effet

§1
Beim Einsatz der Pfanne ist immer darauf zu achten, mit ausreichend Öl und
Fensterlasur zu arbeiten.
§2
Brennende Pfannen gehören nicht in die Hände von Minderjährigen,
Guinness-Trinkern und Bundeswehrsoldaten.
§3
Jede Erfahrung ist eine gute Erfahrung. (Altes albanisches Sprichwort)
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25.10.2006: Wenn die "Unterschicht" zur Bundeswehr geht
muß man sich eigentlich nicht wundern, wenn sich Soldaten bei der angedeuteten Fellatio mit einem Totenschädel ablichten lassen. Die Frage ist nur, ob sie genug Guts hatten, ihr Unterfangen auch durchzuziehen.

PS: Viel interessanter ist jedoch diese Frage.
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12.10.2006: Deutschland, einig Fußball-Schland
Interessant: kaum ist die schländische Herren-Fußballnationalmannschaft wieder wer, wird auch gleich das rechte Gesocks lauter. Oh wie schön waren doch die Jahre des Verfalls!
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26.09.2006: Playlist des Monats September
-7- Elefant: My Apology
-6- Peeping Tom: Mojo
-5- Convoj: Glory Hole
-4- Muse: Exo-Polotics
-3- System of a Down: Stealing Society
-2- Thom Yorke: Black Swan
-1- Aberdeen City: God is going to get sick of me
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20.09.2006: Jó estét kívánok, Magyarország
"Wir haben am Morgen, am Abend und in der Nacht gelogen." - Nein, es ist beileibe nicht mehr allzu merkwürdig, wenn ein Ministerpräsident in einer Fraktionssitzung, während der ein Tonbandprotokoll erstellt wird, sich einmal an die Wahrheit hält und zugibt, sein Wahlvolk nach Strich und Faden belogen und verarscht zu haben (übrigens absolut nichts Neues, Ronald Reagan hatte einst bei einer Mikrofonprobe die Bombardierung der Sowjetunion verkündet, ein Scherzchen mitten in der Nachrüstungszeit, das ihn auch nicht das Amt gekostet hat). Merkwürdig ist eher, daß er gar nicht mehr versucht, sich in der Sache herauszureden, wie das ein findiger Kopf vom Format eines Roland Koch sicher getan hätte, vielleicht mit Hinweis darauf, daß die Veröffentlichung solcher Mitschnitte illegal sei. Gar nicht merkwürdig dagegen ist, daß er trotzdem oder gerade deswegen so an seinem Stühlchen klebt. Angeblich, um - pathetisch, wie der Osten manchmal eben ist! - Abbitte zu leisten und jetzt all das durchzusetzen, was man in den letzten Jahren schmachvoll verschlafen habe, als man vorwiegend damit beschäftigt war, sich um seine Mauscheleien zu kümmern. Merkwürdig wiederum eher, daß dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt passiert (oder veröffentlicht wird), da Ungarn den 50. Jahrestag seines Aufstands feierlich begeht. Es gibt kaum ein Datum, das für die politische Rechte emotional aufgeladener wäre. Schließlich rollten vor 50 Jahren fast um diese Zeit sowjetische Panzer über die Demokratiebewegung hinweg, wie die Politiker nun über ihr Wahlvolk.
Das schlimmste ist vielmehr, daß jetzt all diejenigen Macker nachträglich recht bekommen, die seit Jahren nicht nur in Ungarn die Stammtischparolen rauf und runter dreschen, Demokratie könne ja ohnehin nichts verändern, alles werde regiert von denselben Seilschaften, die hinter der Bühne eifrig mauscheln, ob Sozialist oder Konservativer, und man gehe deshalb am besten gar nicht zur Wahl. (Sondern auf die Straße. Ein paar Autos anzünden. Oder vielleicht auch Menschen. Mal sehen, was die Nacht so bringt.) Würden Wahlen etwas verändern, wären sie ja verboten. - Genau diese unsäglichste Form der Politikverdrossenheit erweist sich angesichts einer solchen Politikerkaste in Ost und West so langsam als kaum widerlegbar. Und es ist beileibe kein ungarisches Problem, auch wenn in Deutschland der rechte Mob (noch) nicht unbedingt bei solchen Ereignissen auf der Straße wäre, sondern lieber mit seinen neuformierten Sturmabteilungen die Wahlkampforte sauber hält. Gar nicht einmal, was gewählt wurde, sondern wieviele in Meck-Pomm überhaupt noch gewählt haben, zeigt, was angesichts der Erstarrung der Parteienlandschaft noch von einem demokratischen System und den Ausgestaltungsmöglichkeiten innerhalb einer Demokratie erwartet wird. Hinter der Frustration lodert jedenfalls noch eine ganze Menge Wut. Das sieht man in diesen Tagen in Pest.
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18.09.2006: Wir sind Papst und haben den Salat
"Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage", hieß es in einer gestern im Internet veröffentlichten Erklärung der Qaida im Irak. "Wir sagen den Ungläubigen und Tyrannen: Wartet, was euch heimsuchen wird. Wir setzen unseren heiligen Krieg fort", hieß es weiter. "Wir werden das Kreuz zertrümmern." Demonstranten in Basra verbrannten heute aus Protest gegen Benedikt XVI. deutsche Fahnen und ein Abbild des Papstes. (tagesschau.de)
Super, nur weil wir Papst sind, rückt Deutschland jetzt endgültig in den Fokus islamistischer Wirrköpfe. Dabei wollte ich nie Papst sein. Nicht einmal Nikolaus oder Micky Maus.
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11.09.2006: Vor deutschen Amtsstuben
Handys wären schon ok, aber vermeiden Sie um Himmels willen den Gebrauch von "Handys" in deutschen Amtsstuben.

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16.08.2006: Kurze Unterbrechung: Neues aus der Sauren Günter-Zeit
Realschulmaurer und CDU-Kulturhinterschinken Wolfgang Börnsen aus dem extrem kunstprogressiven Wahlkreis Schleswig-Flensburg forderte Günter Grass in der Bild dazu auf, den Nobelpreis zurückgeben. Der Autor habe sein Leben lang hohe moralische Ansprüche vor allem an Politiker gestellt. "Diese Ansprüche sollte er jetzt auch an sich selbst stellen und alle Ehrungen, die er erhalten hat, in honoriger Weise zurückgeben - auch den Nobelpreis". - Meint Herr Börnsen damit, daß Günter nur seine Preise zurückgeben soll oder auch noch die Preisgelder? Könnte Herr Börnsen nicht mit gutem Beispiel vorangehen und erst einmal sein Sprachzentrum zu einer Generalüberholung zurückgeben?
PS: Mal ehrlich: Dieselben Schwachmaten, die Grass vergöttert haben, verteufeln ihn jetzt. Das Problem liegt, was das anbetrifft, wohl eher an ihnen. Und diejenigen, die nun voller Häme auf ihn zeigen, nach dem Motto: "Da hat das Gewissen der Nation, das sich immer so geplustert hat, ja selbst Dreck am Stecken, mähmähmäh", no, das ist dasselbe Kroppzeug, das seit Jahrzehnten mit teutonischem Ernst darauf gelauert hat, bis endlich bekannt würde, daß die Gutmenschennationen - Dänemark und die Niederlande - auch ihre Leichen im Keller hätten. Beide Sorten Mensch sind nicht ganz ernstzunehmen.
Vielleicht besser ein spätes Bekenntnis als gar keines. Ich frage mich eher, warum Grass sich das angetan hat. Wie lange hätte der Mann noch unbehelligt leben können? 5, 10 Jahre maximal. Die versaut man sich doch nicht freiwillig. Warum also hat er das getan?
Plagte ihn wirklich so sehr das Gewissen? Aber der eine oder andere aus dem Kollegenkreis hat es doch ohnehin schon gewußt. Dabei hätte man es belassen können.
Promotion für das neue Buch? Eine Unterstellung des Zentralrats. Außerdem kennt Grass Walser gut genug, um zu wissen, wie solche "Promotionevents" in die Hose gehen können. Walser wird seines Lebens nicht mehr froh, er ist ein mehr oder weniger gebrochener Mann. Wer wird dem nacheifern wollen?
Wollte er noch die Möglichkeit haben, zu Lebzeiten darauf zu reagieren?
Hatte er wie sein Verlag (angeblich) nicht mit solch einer wuchtigen Gegenreaktion gerechnet? Nach dem Motto: "Jetzt nach der WM herrscht hier plötzlich ein solch positives Allgemeingefühl, besser wird's nicht mehr, jetzt laß es raus!" Aber so naiv kann man inclusive Verlag doch nicht sein, daß man die Profilierung kultureller Hinterbänkler aus der deutschen Flachlandzone unterschätzt, besonders wenn es sich dabei um geistig und moralisch kränkelnde CDUler handelt.
Interessant ist mal wieder die internationale Presse, die sich im großen und ganzen totlacht über die übertriebenen deutschen Reaktionen. Wir sind immer noch Weltmeister der Selbstbezichtigung. Mit Ausnahme der Polen, die geifern und geifern, und die es gerade nötig haben mit ihrer xenophoben Regierung, der das natürlich genau in die deutschlandfeindliche Politik paßt.
Übrigens sollte ich noch dazusagen, daß ich kein Grass-Fan bin, weder literarisch noch menschlich. Sein Austritt aus dem Schriftstellerverband hat mich damals sehr getroffen, seitdem kann er mich endgültig. Trotzdem finde ich die Reaktionen unmäßig, dämlich, doof, sauregurkenunzeitig und echt - doioioioioitsch.
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05.08.2006: Hirnsensationen :: Hautsensationen geht in die Sommerfrische
Hoffentlich beibt es so frisch wie jetzt. Die nächsten vier Wochen.
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31.07.2006: Das Materazzi-Prinzip*
Ausgezeichneter Telepolis-Artikel von Rüdiger Suchsland über die verspielte Chance in Italien, sich endlich einmal, nach Jahren der Berlusconi-Korruption, rechtstreu zu machen.
* "Ich bin klein, mein Herz ist rein, ich hab doch nur Volksschulabschluß, und der is lang her."
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30.07.2006: Seltene Sportarten. Heute: Zauselfriemeln

Anfangs nur mit Widerstand in den deutschen Sportbund aufgenommen, haben die 22 Zauselfriemler-Riegen deutschlandweit mittlerweile mehr als 1200 Mitglieder, die meisten im Weserbergland, wo alljährlich die deutsche Meisterschaft ausgetragen wird. Amtierende Titelträger sind (Foto v.l.) Pina Piepenklöpper und Wunibald Wuttke.
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26.07.2006: Alle gehen sie in Berufung, für und für
Und das wird auch noch werden, schätze ich. Mit der nächsten Instanz werden Juve, Lazio, Milan und Firenze nicht nur vollkommen freigesprochen von allen Korruptionsvorwürfen, sondern auch gleich für die Heiligsprechung vorgeschlagen. Und Berlusconi wird Papst, sobald sich das unwürdige deutsche Zwischenspiel erledigt haben wird.
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25.07.2006: Anglizismus der Woche:
"Ist das bei allen verstanden?" (Fernsehreportage)
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24.07.2006: Schilderwald
Man wünschte sich wirklich mehr solch hilfreicher Hinweise im täglichen Leben.

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17.07.2006: War in Hameln.
Die Stadt gibt's ja wirklich. Wenn auch eher in einem ziemlich unwirklichen Rahmen.
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10.07.2006: Offener Brief an die FIFA.
Fédération Internationale de Football Association
FIFA-Strasse 20
P.O. Box 8044
CH-Zuerich
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Platzverweis für Zinedine Zidane nach der Kopfstoßattacke gegen Marco Materazzi im FIFA-Weltmeisterschaftsendspiel 2006 Italien gegen Frankreich war völlig korrekt. Dennoch sollte man nicht übersehen, dass ein altgedienter und verdienstvoller Spieler wie Zidane dergleichen nicht ganz ohne Grund unternimmt. Es kann nicht sein, dass ein Spieler einen anderen unablässig provoziert, so dass dieser sich nicht mehr anders zu helfen weiß als mit primitiven Mitteln den anderen zum Verstummen zu bringen.
Ich möchte Sie daher im Namen der sportlichen Fairness und der Plausibilität des Fußballsports bitten, den Vorfall genauestens zu untersuchen und gegebenenfalls, sollte sich heraus stellen, dass der körperlichen Tätlichkeit eine grobe verbale Unsportlichkeit des "Opfers" vorausgegangen ist, den italienischen Spieler Marco Materazzi mit voller gesetzlicher Härte zu bestrafen. Auch verbale Gewalt ist Gewalt und hat in einem Fußballstadion nichts zu suchen. Das sollte auch Ihr erstes Anliegen sein, nicht nur bei einer Weltmeisterschaft, und könnte so Signalwirkung haben.
Mit freundlichen Grüßen XY
PS: Briefvorlage im Netz verbreiten und an die FIFA schicken, wer nicht möchte, daß solche Nickligkeiten ungesühnt bleiben.
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09.07.2006: Na herrlich.
Glückwunsch Italien: der schlechteste, lauffaulste und glücklichste Weltmeister aller Zeiten.
Und ab morgen spielt Ihr alle dritte Liga.
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08.07.2006: Den Unkenrufen der Kultur(nacht)wächter zum Trotz:
Ich halte den Beitrag unserer neuen Bachmannpreisträgerin Kathrin Passig für einen der seltenen gelungenen Momente dieser öffentlichen peinlichen Befragung. Seit Andreas Maier habe ich nicht mehr gelacht, wenn ich an Klagenfurt denke in der Nacht. Danke, Kathrin.
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05.07.2006: Freud und Leid, so eng beieinander
Sportfreunde Stiller, "Volksmusik für Studierende" (Max P. Möbel), diese erbärmliche Anbiederung an die Massenakkumulation, die nun rascher als geplant Sondermüll der Geschichte wird - allein deshalb war es nötig, gestern zu verlieren.
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03.07.2006: Krieg auf Deutschlands Straßen: Von der Ausweitung der Flaggenzone
Überall habe ich in diesen Tagen panische Angst, Prä- und Spätpubertierende, die in Hinterhalten beflaggt auf vorbeifahrende, ebenso beflaggte PkW lauern, versehentlich bei der freundlich gemeinten Flaggenweihe totzufahren. Nicht einmal der neue Aufkleber scheint etwas zu bringen.

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01.07.2006: Wenn das mal klappt...

Angeblich kein Scherz der Couleur "Einsamer sucht Einsame zum Einsamen".
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30.06.2006: Gute Idee, Tourleitung,
die fünf Favoriten der Tour de France möglicherweise, vielleicht, mal schauen, wegen Dopings zu sperren. Richtig gute Idee. Dann schauen wir die Tour dieses Jahr also einfach mal nur wegen der schönen Impressionen aus den Alpen und Pyrenäen. Aber klar doch.
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26.06.2006: Der Kapitalismus präsentiert sich trotz aller Beschwörung von Innovation und Kreativität im Grunde mit sehr primitiven Mustern.
"Willkommen zur Selbstbereicherung - Aber Sie stellen sich gefälligst hinten an, da könnte ja jeder Habenichts kommen!" - Faszinierendes und grundwichtiges Interview in Telepolis mit dem Publizisten und Korruptionsforscher Werner Rügemer über die "Kultur" der Selbstbereicherung, Privatisierungsgewinnlertum in den und Gleichschaltung der Medien, die schleichende Selbstentmachtung des Staates unter dem Heilswort der Privatisierung und den Stallgeruch wirtschaftsliberaler Eliten. Pflichtlektüre!
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18.06.2006: Hundert Nationalhymnen
Heute: Amerikanisch-Samoa
(Text: Mariota Tiumalu Tuiasosopo, Musik: Napoleon Andrew Tuiteleleapaga)
Lo'u Atunu'u pele 'oe
Oute tiu I lou igoa
O 'oe o lo'u fa'amoemoe
O 'oe ole Penina ole Pasefika
E mo'omia e motu e lima
E ua ta'uta'ua au aga I fanua
Ma ou tala mai anamua
Tutuila ma Manu'a
Ala mai ia tu I luga
Tautua ma punou I lou Malo
Ia manuia ia ulu ola
Amerika Samoa
Ole Malo ole sa'olotoga
(repeat)
Tautua ma punou I lou Malo
Ia manuia ia ulu ola
Amerika Samoa
Ole Malo ole sa'olotoga
Soifua ma ia manuia,
Teine Samoa
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16.06.2006: Wer hätte das gedacht?
Die Stadt Szczebrzeszyn ist vor allem durch den Zungenbrecher W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie bekannt.
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15.06.2006: Alle spielen
Platitüdenbingo. Wer den Kommentatoren genau aufs Maul schaut und als erster drei Platitüden erkennt - das geht schnell! -, gewinnt. "Ein Tor würde dem Spiel gut tun!" Aber gewiß, Johannes B. (Danke an Iris für den Hinweis!)
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14.06.2006: Heute im Angebot in unserer Heimwerker-Abteilung:
Die Rauhfasertapete 'Wittenberg' mit dem fortlaufenden Text des Neuen Testaments für Sehbehinderte.
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13.06.2006: Alle lieben König Bhumipol
Wir doch auch. Und sei es auch nur wegen des Namens. Und trotz oder wegen 19 Militärputschs, dem regelmäßigen Abbrennen von unter Verdacht der kommunistischen Agitation stehenden Dörfern, der mutmaßlichen Beteiligung am mafiös organisierten "Gewerbe", undundund. Es gibt viele Gründe, zum 60. Besteigungsjubiläum zu gratulieren. Thronbesteigungsjubiläum natürlich.
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11.06.2006: Die Verteidiger der Aufhebung von "U" und "E" in der Kunst
dürfen sich, falls sie das schaffen, in den Wertesten beißen, oder sich, was bei ihnen gegebenenfalls aufs selbe hinausläuft, in die Wange zwicken, denn wie kürzlich verlautete (Wolfgang Ullrich: Was war Kunst? Frankfurt 2005) und mittlerweile höchstrichterlich nachgewiesen, heißt das sie allgemein befeuernde Kunst-Zitat von Horaz nicht, wie bislang angenommen,
Delectare ET prodesse,
sondern vielmehr
Delectare AUT prodesse.
Kurz: allen Kunstklitterungen zum Trotz sahen schon die alten Römer einen Unterschied zwischen der Kunst, die nützt und der Kunst, die unterhält. Scheiße gelaufen. Und wen holt Ihr Euch jetzt als neuen Fürsprecher?
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09.06.2006: Meldungen von Gestern
Bei einer außer Kontrolle geratenen amerikanischen Flugschau wurde gestern Mussab Al Sarkawi oder einer seiner dreiundzwanzig Doppelgänger getötet. "Wen auch immer wir da erwischt haben: es war eine großartige Leistung", begrüßte das Pentagon den Meisterschuß.
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08.06.2006: Nicht mal mehr eine Antwort. Nicht mal mehr eine Absage.
Franz Xaver Kroetz geht es also auch nicht mehr anders als den weniger Arrivierten seiner Zunft. Weiß nicht, ob ich mich damit als Mensch rehabilitiert oder als Autor noch mehr angeschissen fühlen soll. - In jedem Falle empfehlenswertes Interview mit dem Dramatiker.
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04.06.2006: Nils Mohl: High and Low Level Litbizz
Seit einigen Jahren, spätestens mit den "Pop-Literaten", wollen all diejenigen, die immer Rockstar oder Schauspieler werden wollten, Schriftsteller werden. Mit einem Buch "Über den Berufs- und Karrierestart von Schriftstellern heute", erschienen bei Artislife Press Hamburg, hat der junge Hamburger Autor Nils Mohl eine Lücke geschlossen zwischen den allenthalben wie Pilze aus dem Boden schießenden "Handbüchern für Autoren" und den Merkantilberichten über das deutsche Verlagswesen.
Es ist eine hochintelligente Untersuchung, ein äußerst fleißig
zusammengetragenes Kompendium des deutschprachigen Literaturbusiness, das Mohl
vorlegt, und das auf schmalen 160 Seiten. Wo andere geschwafelt hätten, hat der
Autor seinen Inhalt und dessen klare und zielsichere Vermittlung im Sinn. Wie
bei seiner Kurzprosa sitzt jeder Satz, stimmt jedes Zitat.
Wie bereits das Präfix "High & Low Level" suggeriert, unterscheidet Mohl
zwischen dem großen Geschäft im ersten Teil und den Zurüstungen dafür im zweiten
Teil des Buches. Der erste konzentriert sich auf eine Analyse des
Marktgeschehens der letzten zehn Jahren, und zwar eine Ist-, keine Soll-, oder
schlimmer noch: keine moralisierende Sollte-Analyse. Im zweiten Teil präsentiert
das Buch Tips und Kniffe für Einsteiger, weshalb es gerade jungen AutorInnen
unbedingt zu empfehlen ist.
Nachbemerkung: Der Verband deutscher Schriftsteller sollte sich ein ganzes Lager von Litbizz anschaffen und es unter den Neumitgliedern verteilen. Auch das schlösse so manche Vermittlungskücke.
ISBN: 3938378115 + + + Litbizz bei Amazon.
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01.06.2006: Irgendjemand sagte mir:
"Lies Dan Browns 'Illuminati', und sag mir was dazu. Nicht nur als Religionswissenschaftler." Ok. Ähm... ja: wer noch nie in seinem Leben einen Krimi gelesen hat, könnte davon vielleicht positiv überrascht sein.
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23.05.2006: Dann eben auch noch Montenegro
Schließlich haben wir uns an so manches gewöhnen müssen in den letzten 17 Jahren. Büffeln wir also schon mal: Einwohnerzahl: 600.000. Hauptstadt: Podgorica. Sprache: ja. Währung: Euro. Schwarze Berge: Fehlanzeige. Nationalhymne: Oj svijetla majska zoro. Flagge:
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Folglich Nationaltrikot: Rot mit gelben Stullen. Hätte schlimmer kommen können.
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18.05.2006: Zu Gast bei Blöden
Uwe-Karsten Heye, Vorstandsvorsitzender des Vereins "Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland", weist hin auf "kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo", in denen er "keinem, der eine andere Hautfarbe" habe, "raten würde, hinzugehen". Die Besucher könnten an solchen Orten in große Gefahr geraten und würden diese "möglicherweise lebend nicht wieder verlassen". - Abgesehen vom falschen Konjunktiv - hat er denn etwa nicht recht?
Eben. Eben. Mach mal keinen Wind, Schönbohm. Die Betonung lag schließlich auch auf "und anderswo". Also eigentlich überall im Osten.
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16.05.2006: Der 7. Sinn
Mein Verkehrstip der Woche an ungefähr 80% der Irren auf deutschen Straßen: Stationäre Geschwindigkeitsmeßgeräte zur Verkehrsüberwachung - auch "Radarfallen" oder "Starenkästen" genannt - sind keine Bewegungsmelder. Man darf ohne vorherige Vollbremsung mit Blockieren aller vier Räder durchfahren.
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15.05.2006: Lieber Bundesvorstand der WASG
Ein wenig ermangelt es Dir am lyrischen Beistand, so scheint mir, und daher widme ich Dir nach der heutigen Entscheidung, die "abtrünnigen Landesvorstände" in Mecklenburg und Berlin abzusetzen und durch "Beauftragte" des Bundesvorstands zu ersetzen, nachfolgendes Gedicht als Tageslosung (die Urheberrechtsverletzung bitte ich zu entschuldigen):
Bertolt Brecht: Die Lösung + Nach dem Aufstand des 17. Juni / Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands / In der Stalinallee Flugblätter verteilen / Auf denen zu lesen war, daß das Volk / Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe / Und es nur durch verdoppelte Arbeit / zurückerobern könne. Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?
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02.05.2006: Mein freundlicher Gruß des noch jungen Tages
geht heute nach Bolivien, wo man soeben damit begonnen hat, staatlicherseits die Kontrolle über die Gasfelder und Raffinerien zu übernehmen, um Erträge aus den Bodenschätzen des Landes auch mal ins Land selbst fließen zu sehen. Hübsche Idee. Weitermachen.
PS: Interessant, wie unsere von neoliberalem Denken gleichgeschalteten Medien auf die Nachricht reagieren. Das heute-Journal beispielsweise denunziert die neue bolivianische Regierung als "linksnationalistisch" (Aber hallo! Ein Anwärter auf die Hohlphrase des Jahres) und entblödet sich nicht, bedenkentragend vor allem darauf hinzuweisen, daß das Auswirkungen auf den Ölpreis haben könnte. Und mit schlimmerem kann man dem Deutschen gerade ja gar nicht kommen. Spitze recherchiert. Spitze populistisch. Spitze propagandistisch. Weitermachen!
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30.04.2006: *gääääääääääääääääääääääääääähn*
"Mit gewohnt minimalistischem Spiel und minimalem Ergebnis hat der FC Bayern den DFB-Pokaltitel verteidigt. Mit erklecklichem Abstand zum Tabellenzweiten dürfte den Bayern auch die Meisterschaft kaum mehr zu nehmen sein, womit der Verein erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs auch den 'Double'-Gewinn wiederholt hätte."
Kein Kommentar. Oder doch: Wann hat diese Bratwursttruppe eigentlich zum letzten Mal einen internationalen Titel geholt? Muß verdammt lang her sein.
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29.04.2006: Boing!, lieber Gregor Gysi,
muß es gemacht haben, man hörte es bis in den Süden der Republik, als Sie verkündeten, Sie ließen sich "durch ein paar junge Trotzkisten nicht blind machen." Gut, ich finde die Querelen der Berliner WASG auch eher ärgerlich bis peinlich und typisch für die europäische Linke, aber jetzt wieder mit der Trotzkisten-Nummer zu kommen, das ist doch ein ganz alberner alter Kaninchentrick, Simsalabimsaladusalada, und auf ein neues. Schwache Leistung. Setzen!
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28.04.2006: Survival-Camp in Minsk
Wenn der Wohlstandsstreß Sie nicht mehr losläßt. + Wenn Sie immer schon wissen wollten, wie sich Stasi-Knast angefühlt hat. + Überlebensstrategien direkt von einem Team erfahrener Geheimpolizisten. + Buchen Sie noch heute über Lukaschenko-Tours Ihren Survival-Aufenthalt im vorrevolutionären Weißrußland. + Incl. 15 Tagen Vollpension in ausgesucht zentraler hauptstädtischer Lage. Mindestalter: 12. Verpflichtende Teilnahme an genehmigter Demonstration. + Schon hunderte zufriedener Kunden!!!

A. Milinkewitsch (59, Physiker) über das Camp: "Tolle Aussichten hier. Mal sehen, was die nächsten vierzehn Tage so bringen werden."
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23.04.2006: Zum Welttag des Buches
ist man als Autor nolens volens wohl verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten. Hier also zwei aktuelle Buchempfehlungen mit salvatorischen Kurzbegründungen, fernab vom Lesen!-Geschnatter:
1. David Lodge: Autor, Autor. Haffmans bei Zweitausendeins. Eindrucksvolle und sehr eindringliche britische Tragikomödie um die schriftstellerische Biografie von Henry James, britischer Autor mit amerikanischen Wurzeln. Für Schaffende eine Pflicht. "Wir arbeiten im Dunkeln - wir tun, was wir können - wir geben, was wir haben. Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und unsere Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Der Rest ist der Wahnsinn der Kunst."
2. Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen. Klöpfer&Meyer, Tübingen. Die radikalste Abrechnung mit der allenthalben statthabenden Torpedierung des Sozialen, eine tiefschwarze Humoreske, die die Sinnhaftigkeit der Arbeitsagentur unter Dauerbeschuß nimmt. Wer wissen möchte, wie es mit der Arbeitslosigkeit in ein paar Jährchen weitergehen wird, und v.a. mit den Arbeitslosen, kommt um dieses Buch nicht herum.
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20.04.2006: Es wird zurückgeschossen!
Keine Lust, einen Scheißjob anzunehmen, auf den man sich eigentlich hätte bewerben müssen? Auch eigentlich keine Lust, sich zum hundertsten Mal für ein ebenso popeliges wie dämliches Literaturstipendium zu bewerben (das man als ohnehin nicht erhält, weil man nicht der Neffe eines Kuratoriumsmitglieds ist)? Wer trotzdem Kontakt aufnehmen möchte mit den entsprechenden Institutionen, ohne sich gleich eine Blöße zu geben, sollte sich auf den Seiten der Absageagentur umsehen. Jede Menge vorformulierter Absagebriefe mit herzzerreißend schönen Wendungen, die man mindestens einmal im Leben versenden sollte.
Kleines Beispiel gefällig?
"Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihr Angebot einer Stelle als Leiter des Kulturamtes. Leider kann ich diese Stelle jedoch nicht antreten. Wie ich Ihrer Anzeige entnehme, haben Sie selber keine klare Vorstellung davon, was meine zukünftigen Aufgaben sein sollten. Offensichtlich erhoffen Sie sich nur, dass meine Tätigkeit zur Steigerung des Standortwertes der langweiligen Stadt Pforzheim beiträgt. Wenn Sie Kunst und Kultur nur noch unter Marketinggesichtspunkten sehen, sollten Sie vielleicht lieber ein neues attraktives Einkaufszentrum eröffnen.
Mit freundlichen Grüßen"
+ + +
17.04.2006: Herzlichen Glückwunsch!
Mit Alemannia Aachen kehrt nach etwa zweihundert Fußballjahren ein Verein in die erste Bundesliga zurück, der bereits in der Nazizeit eine nicht immer ganz ehrenhafte Rolle gespielt hat, sich in den 90ern nicht entblödete, mit den Aktionen eines Sascha Wagner munter wieder daran anzuknüpfen und sich enorm schwer damit getan hat, reaktionären Fans die rote Karte zu zeigen. Genau sowas brauchen wir im Jahr der Weltmeisterschaft in Deutschland.
Zwo, drei: Alemannia kommt gefahren...!
+ + +
11.04.2006: Von Lukaschenko lernen, heißt siegen lernen
Seltsam. Da ist Aleksandr Lukaschenko mehrere Wochen verschwunden und niemand weiß, ob er nur eben mal Zigaretten holen ist. Dann munkelt man, er habe Berlusconi mit Einflüsterungen versorgt, denn der wurde plötzlich so seltsam, schlingerte, polterte und änderte gar das italienische Wahlrecht zu seinen gunsten. Und jetzt, was ist jetzt? Alle Einflüsterungen für die Katz. Berlusconi verliert und moniert eine Überprüfung der Wahl. Ja wo gibt's denn sowas! Das ist doch Sache der Opposition, lieber Silvio, hat Dir der Sascha das nicht mit auf den Weg gegeben? Mein Gott, die Spielregeln sind doch nun wirklich ganz einfach: Koalition: Wahlrechtsänderung - Wahl gewonnen - Opposition verhaften + Opposition: Protestieren - Wahl anfechten - Fresse halten, da verhaftet.
Und jetzt alle: Koalition: ...
+ + +
03.04.2006: Ist das noch Fußball?
"In Sevilla warfen Zuschauer beim Lokalderby Betis - FC Sevilla (2:1) eine Leuchtrakete, eine Rumflasche und eine lebende Katze auf das Spielfeld." - Statt sie zu essen, statt sie zu trinken, statt sie in eine Versammlung von Rechtsradikalen zu werfen. So ist er, der Spanier!
+ + +
02.04.2006: Danke, liebe Mitglieder der Union,
daß Ihr bereits zu einem so frühen Zeitpunkt im Jahr für dessen Unwort gesorgt habt. Es heißt - wie auch sonst? -: "Schnupperknast". Und es paßt rundum wie angegossen zu Eurer anrüchigen Politik. Tofte Leistung, weitermachen!
+ + +
31.03.2006: Ihr Schnarchzapfen vom Zweiten Deutschen Fernsehen
Karol Wojtyla - Geheimnisse eines Papstes. Was, bei allen Heiligen des
Medienhandwerks, gebenedeiet seien ihre Glieder, war denn das? Daß Ihr nicht
gerade die Garde des neuen deutschen Fernsehfilms auf Euren heiligen Kanälen
sendet und die Kirchenvertreter, die Euch im Nacken sitzen, eine wahre Plage
sind, kann man ja verstehen. Aber diese saublöde, geschwätzige, erzkonservative,
oberhirschige, tendenziöse und maliziöse katholische Sudelei, die Ihr da
verbrochen habt, kann doch unmöglich einem Hirn entsprungen sein, das noch einen
Fünkchen Verstand sein eigen nennt und nicht auf manuellen christlichen
Zweitakter-Betrieb umgeschaltet hat.
Deshalb arbeitet der Drehbuchautor ja fürs ZDF, sagt Ihr? Ja dann.
+ + +
29.03.2006: Bye, Nikki
Im Alter von 50 Jahren starb letzten Samstag überraschend der britische Gitarrist, Sänger und Songwriter Nikki Sudden in New York. Sudden war einer der Ziehväter der britischen Underground-Musik der 70er und 80er Jahre, fernab des Brit-Pop und anderer kommerzieller Spielarten, und hatte wegen seiner anspruchsorientierten Texte und ehrlichen Melodien immer einen Platz im Herzen der eine Generation Jüngeren. Mehr zu Sudden bei Wikipedia.
+ + +
23.03.2006: ETA sucht sich den falschen Zeitpunkt aus
Angesichts einer zunehmend alternativlosen, sich militarisierenden
globalkapitalistischen Bewegung suchte sich die baskische Untergrundorganisation
ETA exakt den falschen Zeitpunkt aus, um sich auszusöhnen. Auszusöhnen mit sich,
mit der Welt und mit dem (spanischen) Kapital.
Es bedarf mehr revolutionärer Zellen, nicht weniger. Und zwar nicht als von
außen auf unsere Systeme einprügelnde, wirrköpfige islamistische Grüppchen,
sondern endlich wieder von innen agierende. Sonst ist das Gleichgewicht des
Zynismus bedroht.
Arme ETA, die Generationenpyramide hat jetzt also auch Dich erwischt. R.I.P. Du
wirst Folklore.

Lustige Mützchen und handgestrickte baskische Schals. Die ETA war schon immer fürs Handwerkliche zu haben. Ab jetzt jeden Sonntag große ETA-Hobbykünstler-Ausstellung im Gemeindezentrum San Sebastián.
+ + +
17.03.2006: Live von der Leipziger Buchmesse
Aß eben ein kaltes Schnitzel, das Ähnlichkeiten hatte mit Brigitte Kronauer.
+ + +
15.03.2006: Tokio Hotel
30 Jahre später.

+ + +
10.03.2006: Mozart-Jahr 2006: Spoken Word / Die gelesene Mozart-Partitur
Für den Mozart-Freund, und selbstredend auch für die Mozart-Freundin, hier das äußerst seltene Tondokument einer gelesenen Mozart-Partitur, eine historische Aufnahme aus dem Jahr 1952.
Hubert von Stranzl spricht Mozarts Adagio für Glasharfe KV 617
+ + +
03.03.2006: Lustig, Herr Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart,
das streikende Pflegepersonal im Namen der Menschlichkeit (muhaha) dazu aufzufordern, wenigstens Krebskranke und Hirntote zu behandeln. Sie wissen ja wirklich, wie man auf der Schnulzenklaviatur klimpert!
Wie wär's, Sie gingen mit gutem Beispiel voran, verzichteten auf einen Gutteil Ihrer stetig steigenden Diäten, und verabreichten das Ihrem Städtischen Pflegepersonal. Damit wäre nicht nur den Hirntoten gedient.
+ + +
01.03.2006: Zum Mozart-Jahr 2006: Wir basteln uns eine total schicke Wolfgang Amadeus-Perücke.
Als Material benötigen wir: Pappe, eine Schere, Klebstoff und Kreppapier.
Um den "Leisten" für die Perücke zu erhalten, beginnen wir damit, die Kopfform
abzunehmen.
1. Wir schneiden aus Pappe einen langen Streifen zurecht und legen ihn wie ein
Stirnband um den Kopf. Dann kleben wir die Pappe am Hinterkopf zusammen, um
einen Ring vom Volumen des Kopfes zu erhalten.
2. Wir nehmen einen zweiten Streifen Pappe und ziehen ihn, von der Stirn
ausgehend, zum Hinterkopf. Dort kleben wir ihn am ersten Band fest.
Gegebenenfalls macht das unsere Mutti für uns.

Nun gestalten wir die Locken aus Kreppapier. Und nicht den gar lieblichen
Zopf vergessen!
3. Wir beginnen an der Vorderseite der Perücke und kleben dann rundherum
Kreppapier-Streifen in der Länge, die die Perücke des 18. Jahrhunderts notwendig
braucht.
4. Für die Gestaltung der Schädelplatte nehmen wir ein großes Stück Krepp und
kleben es just in der Mitte des Kopfes an. Anschließend schneiden wir es bis auf
Höhe der mittleren Kopfhöhe in Streifen.

Nicht kirre machen lassen: die Zwischenergebnisse sind meistens noch recht grottig...
Zum Schluß streuen wir etwas Puderzucker drauf und schmecken das ganze mit Zimt und Melasse ab - fertig!

... aber das Endergebnis kann sich doch wirklich sehen lassen!
+ + +
28.02.2006: Lachen mit Getier.
Tiere sind nicht nur eine possierliche Bereicherung unseres Lebens, sie nachzustellen kann auch industrialisierten Kulturen eine ungeheure Freude bereiten.

+ + +
27.02.2006: Ein erster Beitrag zum Mozart-Jahr 2006.
Die schönsten Pausen aus Mozart-Werken: 1. Zauberflöte / Halász / Failoni Orchester 1974, 2. Symphonie Nr. 27 / Arigoni / Orchestra Filarmonica Italiana 1981, 3. Symphonie Nr. 38 / Arigoni / Orchestra Filarmonica Italiana 1981, 4. Requiem / Hogwood / The Academy of Ancient Music 1984, 5. Posthorn-Serenade / Böhm / Berliner Philharmoniker 1971. Hier eine kleine Hörprobe.
+ + +
24.02.2006: Brigitte Kronauer: Teufelsbrück.
Ein ebenso geschwätziges wie sterbenslangweiliges Konglomerat aus Schuhen, Vögeln, vögeln und Schuhen. Wahrscheinlich muß man die 64 locker überschritten haben, um dieses Buch goutieren zu können. Aber so leicht bringt man mich nicht zur Kapitulation! Jeden Tag eine Seite, und schon am 25.7.2007 bin ich damit fertig.
Wo waren wir? Aaaah, beim Riesentukan.
+ + +
20.02.2006: Ein weiteres Wort zu Olympia 2006.
Weißrußland (Belarus) muß wegen der anstehenden Präsidentenwahl (Militäreinsatz gegen Falschwähler) sparen, entsendet gleichwohl sein Viererbob-Allstar-Team nach Turin.

Von links nach rechts: A. Souvkov, G. Souvkov, I. Souvkov mit Pilot P. Lukaschenko. Im Hintergrund der Präsident des belarussischen Bob-Verbands S. Lukaschenko sowie ein verwackelter Unbeteiligter.
Der schmiedeeiserne Bob stammt, ebenso wie die aus Büroklammern entwickelten
Steigbügel, noch der Sport-Produktionsstätte Belaruskaja Tschyhunka (abgekürzt:
ADLER), in der in den 70er Jahren mit dem ersten Stabhochsprungstab aus Kuhdung
bereits Sportgeschichte geschrieben worden ist.
Dem Bob Belarus 1 werden durchaus Chancen auf die Medaillenränge eingeräumt.
Zumindest von unserem rumänischen Korrespondenten Ioan Radulescu.
+ + +
19.02.2006: Heinrich Heine.
Zum 150. Todestag des Dichters nachfolgend kein Heine-Zitat:
Der Optimist: ein hoffnungsvoller Mensch. Also ein hoffnungsloser Idiot.
PS: Bin gespannt, wie lange es dauern wird, bis irgendwelche Google-Äffchen das trotzdem als Zitat des geschätzten Dichters verbuchen werden.
+ + +
17.02.2006: Ein Wort zu Olympia 2006.
Stetig wachsende Zuschauerzahlen lassen auch seltene Sportarten zu schönen Hobbys werden.

Im Dreikampf der Farbblinden schafft nicht jeder den Sprungs aufs Podest.
+ + +
10.02.2006: Sprachen, die keiner braucht versteht.
Heute: Grönländisch.
Aamma aak Guutip isaani illernartuuvoq. Guuti oqarpoq tarneq, imaluunniit inuuneq, aammiittoq. Taamaattumik aattorneq eqqunngitsuliorneruvoq. Aammattaaq uumasup aaverneqarsimanngitsup neqaanik nerineq eqqunngitsuliorneruvoq. Uumasoq ipisoq imaluunniit napiagaq nerineqartariaqanngilaq. Uumasoq kapillugu aallaalluguluunniit toqukkaanni nerineqarsinnaassappat ingerlaannaq aavertariaqarpoq.
+ + +
07.02.2006: Schöner zündeln.
Hallo, Muslime! Nur rasch zu Eurer Orientierung: das hier ist die Fahne von
Dänemark:
![]()
während das hier die von Norwegen ist:
![]()
Es ist eine verwirrende Welt, ich weiß. Vor allem für die Farbblinden unter uns.
+ + +
02.02.2006: Jyllands-Posten bleibt zu empfehlen
nächstens Karikaturen dieser Manier lieber an isländische oder färöische Zeitungen abzutreten. Bis die Muslime dieser Welt mal Produkte aus den beiden Staaten gefunden haben, die sie boykottieren könnten, haben sie auch schon längst vergessen, worüber sie sich eigentlich aufregen.
+ + +
30.01.2006: Kein Anschluß unter dem Thema Mozartjahr
Obwohl, wenn ich mir's so recht überlege, ich müßte doch irgendwo noch die gesprochene Partitur besitzen. Mit ein bißchen Gedöns läßt sich auch sowas für teuer Geld zum Gedenken ans Wolferl verkaufen.
Wo hab ich die nur...?
+ + +
26.01.2006: Verpaßt - in der Rubrik: Schöner gedenken
Vorgestern vor 1965 Jahren fiel der römische Kaiser Caligula, der beinahe einmal nach Britannien gesegelt wäre, einem Anschlag zum Opfer.
![]()
Caligula achtete auch im Winter auf ausreichende Belüftung der Fußinnenseiten.
+ + +
21.01.2006: Klare Worte
Als ich heute nachmittag in L. zu meinem parkenden Auto zurückkam, fand ich
eine Visitenkarte in das Seitenfenster geklemmt. Natürlich dachte ich sofort,
daß irgendjemand mein nietennagelneues Auto angefahren habe, ich konnte aber
nichts entdecken, was mich beunruhigt hätte. Trotzdem habe ich sofort unter der
angegebenen Nummer angerufen, als ich nach Hause kam. Es entspann sich ungefähr
folgender, für mich in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerter Dialog:
S: Stanke (Name aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert).
A: Ja, hier ist A. Ich hatte Ihre Visitenkarte an meinem Auto und -
S: Mensch, det is ja prima, dat Sie jleich anrufen. Primaprima. Ick hoffe, Sie
ham nich jedacht, dat ick Ihr Auto anjefahn hab. (lacht)
A: Äh, eigentlich schon...
S (lacht): Nee nee, Meista, dafür hab ick jar keene Zeit. Aber dahf ick Ihnen
zwee Minuten von Ihra kostbahn Zeit stehln? Jeben Se sich eenen Ruck, Sie
werden's nich bereun.
A: Ja, worum -
S: Sehn Se, det find ick jut. Wir beede kommen jleich uffen Punkt. Et is so: Ick
bin aus Berlin -
A: Ach?!
S: Ja, aba ick leb schon lange im Süden. Ick sach mir imma: wer nich fragt,
bleibt dumm. Und ick komm imma jleich auffen Punkt.
A: Hmhm.
S: Et is so: ick hab Sie vorhin beobachtet, heimlich, ick hoffe, Sie nehmen mir
det nich übel.
A: Hm...
S: Ick sach imma: et jibt Leute, die haben's und et jibt Leute, die haben's
nich. Und Sie, Sie ham's.
A: Habe - was?
S: Die Ausstrahlung, Sie haben die Ausstrahlung, die ick brauche.
A: ...?
S: Et is so: ick hab vor zwee Jaahn in V. een Wellnessstudio aöffnet. Der
Bereich buumt wie blöde, vielleicht ham Se mich ja ooch jesehn, ick war der im
schwarzen Porsche -
A: Aha.
S: Ja, und jetz ratense - wa?
A: Rat ich - was?
S: Ebent, frisch jekooft - der POorsche - det Wellnessjeschäft!!!
A: Und was jenau, äh, genau soll ich...?
S: Sie - sind - meen - Mann. Ja: Sie sind meen Mann. Ick hab jleich jesehn: Sie
sind jemand, der mit beede Beene uff de Erde stehen tut. Sie sind jroß, kräftig
jebaut und legen Wert auf Ihr Äußeres.
A: ...?
S: Ja, der eene hat's, der annere nich. Jeden Tach kommen dutzende Leute in meen
Büro, die kann ick jleich wieda nach Hause schicken, jleich wieda nach Hause,
weil: die ham's nich.
A: Und ich "hab's"?
S: Ja, Meista, einwandfrei.
A: Und was empfehlen Sie mir jetzt, was ich mit dieser Gabe anfangen soll?
S: Ick würd Sie jern mal einladen, mit mir een Kaffee zu trinken. Sie sind der
jeborene Vakäufa für Wellnessprodukte.
A: Ja, ich hatte sowas schon geahnt...
S: Und die Vadienstmöjlichkeiten - eerste Sahne, wa!
A: Ich wollte mich tatsächlich beruflich verändern -
S: Sehn Se, sehn Se?! Also, wann kann ick mit Ihrem Besuch rechnen? Oder soll
ick Sie abholen?
A: Ähm, ich glaube nicht, daß das was wird. Ich komme wohl eher von einem
anderen Stern. Sozusagen der wellnessabgewandten Seite der Erde. Ich bin
Schriftsteller, ich -
S: Een Kreativa! Ja, Meista, det is meen jroßer Tach! Besser kann et doch jar
nich sein!
A: Sie verstehen mich nicht, ich -
S: Na, klaar versteh ick det! Det is perfekt! Sie ham die Leute doch schon nach
eener Minute inner Tasche.
A: Nein, hören Sie: ich finde schon das Wort Wellness abstoßend. Dämlich.
Sinnfrei. Es - es macht mich aggressiv. Ich würde mir selbst prinzipiell keine
Wellnessprodukte kaufen, schon allein, weil "Wellness" auf ihnen draufsteht. Ich
bin der potentielle Antiwellness-Terrorist, ein umgedrehter Wellness-Mann.
Ebensogut könnten Sie ein dressiertes Zebu vor Ihre Produkte setzen und es sie
anpreisen lassen. Sehr schmeichelhaft, daß Sie an mich dachten, ich meine:
irgendwie schmeichelhaft, sozusagen, aber Sie sind auf dem ganz ganz falschen
Dampfer.
S: Sicha?
A: Sicher.
S: Na, det sind doch klare Worte, Meista, sehn Se, ick bin een Freund klarer
Worte.
A: Ihnen auch noch einen schönen Tag -
S: Aba Sie ham ja meene Karte - wenn Se sich's anders übalejen - jehn Se nich
zur Konkurrenz! (lacht)
A: Nein, nein, natürlich nicht, Attac braucht wohl auch keine Leute wie mich.
+ + +
15.01.2006: "Unser Problem heißt nicht Überalterung, sondern Unterjüngung!"
Sagt Matthias Platzeck, der neue Platzhirsch der SPD. Nun gut, was von ehemaligen Ministerpräsidenten an Redebrachen so in die Lande geworfen wird, hat ja schon üble Tradition, aber - "Unterjüngung"? Dein Problem, liebe SPD, erinnert mich vielmehr an eine Gedichtzeile von Ezra Pound: Fische schwimmen im See und haben nicht mal Kleider.
+ + +
12.01.2006: Daniil Charms zum 100. Geburtstag: Aus den Puschkin-Anekdoten
Puschkin warf für sein Leben gern mit Steinen. Wo immer er einen Stein erblickte, fing er auch schon an, mit ihm zu werfen. Manchmal traf es sich, daß er so dastand, hochrot im Gesicht, mit den Armen rudernd, und Steine warf - einfach entsetzlich!
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01.01.2006: Rohes neues Jahr!
+ + +
23.12.2005: Scheiße, Heiligabend naht.
Oje.
Ojeoje.
Ojeojeoje.
Ojeojeojeoje.
Ojeojeojeojeoje.
Ojeojeojeojeojeoje.
Ojeojeojeojeojeojeoje.
Ojeojeojeojeojeojeojeoje.
Für die Freunde konkreter Poesie nachfolgend ein kleines Jammerbäumchen.
Oje.
.ejOOje.
.ejoejOOjeoje.
.ejoejoejOOjeojeoje.
.ejoejoejoejOOjeojeojeoje.
.ejoejoejoejOOjeojeojeojeoje.
.ejoejoejoejoejOOjeojeojeojeojeoje.
.ejoejoejoejoejOOjeojeojeojeojeojeoje.
.ejoejoejoejoejoejOOjeojeojeojeojeojeojeoje.
ejO.Oje.
ejO.Oje.
ejO.Oje.
+ + +
17.12.2005: Winterfarben für den neuen Anstrich
Angeblich sollen saisonale Farben den Erfolg einer Homepage erhöhen.
#cebf94
ist heuer die erdigste Winterfarbe auf dem Markt. Lange halte ich sie als Hintergrund wahrscheinlich nicht aus, aber die Monate der Vergänglichkeit fordern eben ihren Tribut.
+ + +
15.12.2005: Noch mehr Tod
Ich nehme Abschied von Dariu, meinem kleinen rumänisch-französischen Freund. Er ist nur zehn Jahre alt geworden, wobei er fünf in meiner Obhut verbracht hat. Ich war nicht immer ein guter Pflegevater, gerade an der Pflege habe ich es immer wieder vermissen lassen, äußerlich wie innerlich, und das hat ihm, ich bekenne mich schuldig und klage mich selbst an, auch den plötzlichen Herztod gebracht.
Trotzdem war es mein bislang treuester Freund auf vier Rädern. Ich werde einen Salut spielen und mehr als nur eine Träne zum Abschied verdrücken. Und vielleicht sehen wir uns einst wieder, wenn Du mir als Coladose ins Haus geflattert kommst. Sănătate! La revedere!
+ + +
07.12.2005: Tokio Hotel...
Gestern fragte mich eine ehemalige Chefredakteurin der Musikzeitschrift, für die ich beinahe zehn Jahre geschrieben habe, was es zu Tokio Hotel zu sagen gebe. Nach kurzer Bedenkzeit würde ich nun gern folgendes antworten:
... lassen bei mir erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit musikalischer Früherziehung aufkommen.
+ + +
04.12.2005: Bundeswehr, jawollja!
Die Presse überrascht uns Schriftsteller doch immer wieder aufs neue. Hörte heute nach einer Lesung in Calw im Rahmen des üblichen pressetechnischen Nachfassens der Journalistin erstmals die Frage: "Haben Sie gedient?"
Hoppla! Nö, müßte ich?!
+ + +
30.11.2005: Amazon - kill your Idols!
Gelegentlich hörte ich früher, doch angelegentlich der Wiederveröffentlichung meines Erstlings höre ich immer häufiger die Frage, weshalb ein Großteil meiner Bücher über Amazon nicht mehr erhältlich ist. Das hat einen einfachen Grund: Amazon hat begonnen, Kleinverlage ebenso scheiße zu behandeln wie die krämerkrautige Buchhandlung um die Ecke. Und zwar unabhängig vom Ertrag: wessen Sortiment zu klein ist, der fliegt. Wohlgemerkt: nicht zu wenig effizient, nur zu klein. Davon sind deutschlandweit hunderte kleinerer Verleger betroffen und tausende Schriftsteller; mit Ausnahme übrigens der Selbstverleger, über BOD vertriebene Bücher der Marke Selbstgestricktes werden nämlich auch bei Amazon weiter angeboten, eine ungeheuere Qualitätssicherungsmaßnahme.
Deshalb bietet es sich mittlerweile an, Amazon zu meiden, wenn man sich nicht ganz dem literarischen Mainstream verschrieben hat. Für die Buchhandlung umme Ecke hilft es kolossal, die ISBN (Sammelbestellnummer) des betreffenden Buchs zu kennen. Allzu oft wird man dort nämlich mit den Worten: "Das Buch ist vergriffen / gibt es nicht / hat es nie gegeben / soll es auch nie geben, das verhüte Gott!" abgefertigt und in die Abteilung für Promi-Kochschinken weitergeleitet.
Ein weiterer Weg ist die Bestellung direkt beim Verleger. Für private Kunden ist sie nämlich nicht selten portofrei, ein schöner Service, den man nutzen sollte. Zumal es in Zeiten des Internetshops auch keine Probleme mehr gibt mit der Informationsübermittlung von hier nach da.
+ + +
19.11.2005: Neuer VS-Vorstand Baden-Württemberg
Der VS Baden-Württemberg hat seit heute einen neuen Vorstand. Die Mitgliederversammlung in Stuttgart wählte Josef Hoben (Überlingen) zum Vorsitzenden, Jutta Weber-Bock (Stuttgart) und mich zu Stellvertretern, Beisitzer (weibliche Form mitgedacht) sind Vera Zingsem (Tübingen), Matthias Kehle (Karlsruhe) und Eva Christina Zeller (Tübingen). Freue mich auf vier mit konstruktiver Arbeit zuzubringende Jahre!
+ + +
8.11.2005: Alle Bekloppten dieser Welt schreiben mir
Gestern abend erreichte mich folgende Mail, die ich zum Glück nicht sofort gelöscht habe, und deren innere Schönheit mich erschauern ließ und läßt, auch jetzt, da ich sie ein siebtes und achtes Mal lese, deren Mittelteil ich sinngerecht (?) gekürzt und deren Absender ich natürlich unkenntlich gemacht habe, nicht daß ihm noch jemand zurückschreibt, denn eines dürfte sicher sein: das Geschäftsangebot, sollte es sich tatsächlich um ein solches handeln, scheint mir wenig lauter.
Die Mail also:
LIEB MARTIN VARNDT,
WIR SIND MINISTER VON AGRICULTURE VON LESETHO1. LESETHO IST EIN SCHMAL LAND IN AFRICA, WO ES GIBT SCHON NATUR2 UND ELEPHANTSEN.
FUR DASS SIE KONNEN KOMMEN WIR WURDEN UNS FREULICH BEDIENEN.3
ABER IN LESETHO ES GIBT AUCH GROSE VORKOMEN VON SCHATZ VON FUSS-BOTEN4.
FUR DAS WIR KONNEN SIE MACHEN EIN SPEZIAL-OPFER DARAUS.5
BITTE SIE ANWORTEN SCHNELL FUR DIESE OPFER. ANDERWEIS WIR SOLLTEN BESORGEN DIESE OPFER MIT ANDERE LEIB-PARTNER.
MIT FREULICHEN GRUSSEN
1 Lesetho? Die können nicht mal den Namen ihres Heimatlands richtig schreiben. Skepsis angebracht!
2 Es muß natürlich heißen: "wo es gibt noch Natur".
3 Bedienen würdet Ihr Euch, ja, das kann ich mir durchaus vorstellen.
4 Von diesen sogenannten Fußboten-Opfern hat man ja bereits gehört.
5 Gulp?!
Was genau wollen die denn nun eigentlich von mir?
Mich essen???
PS: Salvatorische Klausel: Letztere Bemerkung ist nicht mit rassistischem Impetus verfaßt.
+ + +
3.11.2005: Du bist Deutschland - kleiner Nachtrag für alle, die's noch nicht ganz satt haben
Frage: wie zugekokst müssen eigentlich die Werber gewesen sein, die für eine Vermarktung des Produkts Deutschland den Spruch
Gib nicht nur auf der Autobahn Gas
erfunden haben?
+ + +
1.11.2005: Liebe, Hunger, Fußball: Der Aphorismus der Woche
Fußball ist ein Instinkt, ebenso unerklärlich wie Liebe oder Hunger.
+ + +
31.10.2005: Anna Karenina
Die Tolstoi-Spezialistin Karla H. erklärt, der eigentliche Plot in Tolstois Anna Karenina, die Ehebruchgeschichte der Karenina mit Wronskij, sei im Grunde eine recht banale Angelegenheit. Erst deren Kontrastierung mit dem zweiten Liebespaar Ljewin - Schtscherbatzkaja mache die Größe des Romans aus. - Nun, über "Größe", verehrte Frau H., läßt sich ja trefflich streiten. Unbestritten jedoch macht sie die - Länge des Romans aus.
(Und gewiß auch seine Längen.)
+ + +
24.10.2005: Werben für die Utopie - Russianposter.ru
Verdienstvolle und hochspannende Page, die die russische Plakatkunst von den Anfängen bis heute dokumentiert. Wo sich Kunstgeschichte und Agitprop berühren, gibt es manche Neuentdeckung. - Eine unbedingt empfehlenswerte Ausstellung der schönsten Plakate seiner Art läuft derzeit in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen (bei Stuttgart). Hingehen, ansehen!
+ + +
20.10.2005: Öch bön wiederrrr da!
Liebes Tagebuch,
dieser Tage wieder viel Führer im Fernsehen. Beim Blick in den vor mir
aufgeschlagen liegenden Kalender festgestellt, daß vom
Kriegsbeendigungsjubeljahr nur noch 72 Tage bleiben. Gottlob. Die reiße ich
jetzt vollends auf einer Arschbacke ab. Die andere habe ich schon drangeben
müssen an die vielen Führer-Fernsehauftritte.
Nachts schlecht geschlafen. Geträumt, daß mir ein eregierter Riesenpenis mit
Oberlippenbart nachstellt. Später gut gegessen - Alkaselzer an Gemüsesaft mit
pappiger Zimtmelassen-Mehlspeise, angeblich Führers Leibspeise, und ausgiebig
gebrochen. Jetzt blicke ich unter die Zimmerdecke und versuche die Geheimschrift
der Fliegen zu entziffern. Insektensütterlin. Heute abend wieder "Der
Untergang", drei Alkaselzer, Mehlpapp und ab ins Bett.
Hoffentlich erlebe ich den 70. Jahrestag des Kriegsendes ohne Fernsehen.
+ + +
13.10.2005: Koalition der Intelligenten: Nobelpreis für Literatur an Harold Pinter
Auch wenn's die Ausgewogenheit des Nobelpreises torpediert, weil ihn schon
wieder ein Europäer erhält: herzlichen Glückwunsch, das ist eine gute Wahl!
Pinter, seit den 60ern wichtigster Bühnenautor Großbritanniens, war ein
verdienstvoller und v.a. auch international renommierter Kandidat für den Preis.
Und so ziemlich der einzige professionelle Autor, der über eine
Website verfügt (die
leider nicht gerade tagesaktuell ist).
+ + +
12.10.2005: Motto für Mittwoch, den 12.10.2005, 10. Ramadan 1426
Wir verhungern alphabetisch genau.
+ + +
15.09.2005: Nein, aufgegeben
habe ich das Blog noch nicht, aber da das Jahr sich anstregender anläßt als geplant, ist es erst einmal auf Eis gelegt.
Danke der Nachfragen!
+ + +
28.07.2005: Der Tod ist ein Postmann©
Ein Bekannter, dem ich seit Monaten Briefe zu schreiben suchte, sei, wie ich höre, jüngst verstorben. Meine Schreiben sind stets mit dem Vermerk 'Unbekannt verzogen' zurückgekommen. Unbekannt verzogen. Wohl wahr. Ob unserer Post da ein Spagat hin zu den letzten Dingen gelungen ist?
+ + +
27.07.2005: Aus einem "Handbuch für das 21. Jahrhundert"
In wenigen Jahren schon wird man mit Verachtung herabblicken auf uns
Angehörige einer Friedensgeneration. Wenn sie die Welt endlich wieder ganz und
gar mit Krieg überzogen haben werden. Und es wieder salonfähig sein wird, Teil
dieses Krieges zu sein.
Es ist ein schleichender Prozeß. Und er ist in vollem Gange.
+ + +
20.07.2005: Gedenktage der Menschheit: Heute vor 118 Jahren
In Dortmund wird Franz Jacobi geboren, Hüttenbeamter in der Dortmunder Stahlindustrie, Kassierer und Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Aus seiner Feder stammt die erste Vereinssatzung des Vereins. Die umstrittene Hymne mit den Zeilen:
Wir halten fest und treu zusammen, Ball-Heil, Hurra! Borussia!
stammt allerdings aus der Feder seines Jugendfreunds Waldfried Klopkowski,
dessen symphonisches Fragment "Eine
Liebe in Recklinghausen" erst vor drei Jahren in einem selbstgenähten
Fußball wiederentdeckt worden ist.

Waldfried Klopkowski
+ + +
18.07.2005: Den Archäologen ins Stammhirn geschrieben
Ich weiß nicht, ob ich's schon mal erwähnt habe: ich bin ja ein großer Freund
der Archäologie. Am liebsten wäre ich Archäologe geworden. Es war eine fixe
Idee. Wie Grisu schlauchtragend ums Feuer schlich, schlich ich, bürstenhaltend,
um Ausgrabungsstätten. Daher kommt es, daß ich Mitglied einer Archäologischen
Gesellschaft geworden bin, deren Jahresgabe in Buchform mich jeden Juli aufs
neue erheitert. Und jedesmal, wenn ich darin lese, weiß ich wieder, weshalb ich
es im Studium nicht länger als zwei Semester damit ausgehalten habe:
archäologische Kampagnenberichte bringen es fertig, aus dem schönsten Zwirn
einen langweiligen Stoff zu wirken.
Ein wenig alkoholisiert und von einem arbeitsreichen Wochenende benebelt las ich
heute folgendes:
Eine Kulturschicht ist lediglich im Bereich von Lehmen
vorhanden.
Lokale längsseitig angeziegelte Lehme lagen im wenig strukturierten
Lehmgemenge.
Parallel orientiert finden wir horizontale und teilweise schräg
nach unten ziehende Hasel- und Eschenprügel, die offenbar in die liegende Mudde
gesackt waren.
Den Höhepunkt dieses Texts bildet allerdings ein Foto, auf dem in schöner
Weißernebelwiesewunderbar-Stimmung ein Mann in die Kamera grinst, neben dem
folgender Satz zu lesen ist:
Graben C. Grundwasserabschöpfungsvornahme im Bereich tief
reichender Lehmbefundsanalysen unter Zuhilfenahme der Lachenschapfe.
Lachenschapfe? Lachenschapfe?
Das arme Vieh...
Anmerkungen:
1 Lehmen? Meint der "Bremen"? Aber die
Kampagne fand doch in Süddeutschland statt. Sollte er "Lehm" meinen: das ist in
der Hochsprache ein Singularis tantum, sagt zumindest mein Wörterbuch.
2 Huch? Diese Poesie! Aber was bedeutet dieser Satz
eigentlich? Oder trägt er, wie in Gedichten von Stefan George, seine Bedeutung
in den schön gesetzten Worten?
3 Es tut mir leid, aber spätestens jetzt muß ich
davon ausgehen, daß ich veralbert werde.
4 Die Lachenschapfe ist:
A Eine seltene Rohrdommelart
B Umgangssprachlicher Ausdruck für "lustige Person"
C So'n Ding
+ + +
30.06.2005: Per Anhalter durchs Weltall - wozu?

Ich hatte schon immer befürchtet, es könnte sich als große Enttäuschung erweisen.
+ + +
27.06.2005: Toilettenmännchen

Was will uns diese freundliche Beschilderung einer Herrentoilette nur sagen?
- Daß Herren nur auf der Toilette rauchen dürfen, Damen auch im Treppenhaus?
- Daß richtige Männer rauchen (jo eh)?
- Daß man die Toilette nur rauchend betreten darf?
Wer läßt sich nur immer wieder solchen Mist einfallen?! Es ist eine rätselhafte Welt, in der ich lebe.
+ + +
21.06.2005: Neuer VS-Vorstand
Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) hat einen neuen Bundesvorstand. Der Schriftstellerkongreß, der vergangenes Wochenende in Ingolstadt tagte, wählte Imre Török aus Baden-Württemberg zum neuen Bundesvorsitzenden. Seine Stellvertreterinnen sind Anna Dünnebier (NRW), Regine Möbius (Sachsen) und Gerlinde Schermer-Rauwolf (VdÜ/Übersetzer). Als Beisitzer fungieren Thomas Krafft (Bayern), Thomas Krämer (Rheinland-Pfalz) und Reimer Eilers (Hamburg).
+ + +
20.06.2005: der ordnunghalter
nicht auf anhieb erschlossen hat sich mir die logik dieses schildes aus einer volkshochschule. ein deutsches problem: das ordnunghalten vor dem getränkeautomaten? (irad)

+ + +
12.06.2005: Scheiße!
Wir begrüßen hier ab sofort recht herzlich die Besucherinnen und Besucher von www.scheisse.ch.vu, dem kleinen (P)Ort(al), auf dem Ioan Radulescu seine Publikumsbeschimpfungen durchgeführt hat. Herr Radulescu wird ab sofort in diesem Blog schreiben. VONARNDT.DE schätzt sich glücklich, Herrn Radulescu als festen Mitarbeiter gewonnen zu haben und trinkt auf eine gut-glückliche Zusammenarbeit.

+ + +
11.06.2005: Kleine Bastelarbeiten
erfreuen das Herz und sind stets ein gerngesehenes Mitbringsel.

+ + +
10.06.2005: Hirntotes Gestammel
macht das Internet erst zu dem, was es ist: neben manch anderem ein Ort und Hort der Verbreitung hirntoten Gestammels. Ganz schlimm wird es, wenn (selbst)ernannte Marketingexperten dem überraschten Lottospieler erklären, er solle es mal mit einer Geschäftsidee probieren und nicht mit sechs Kreuzen auf roter Quadratur. Ein wunderhübscher Text (wenn auch nicht mehr ganz taufrisch) unter dem Motto: wenn's draußen regnet, wird die Welt naß. So funktionieren also Wirtschaftshirne. Was wunder!
+ + +
29.05.2005: Hier werden Träume wahr:

Und dabei handelt es sich nicht einmal um ein international renommiertes Filmproduktionsstudio in der bayerischen Landeshauptstadt.
+ + +
22.05.2005: Tiefschwarze Grüße nach NRW

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19.05.2005: System Of A Down: Mezmerize :: Back to the rotten Roots
Fast
drei Jahre durften wir warten auf das neue System Of A Down-Album. Damit erhöhen
sich die Erwartungen gleichsam von selbst, zumal die Neuwelt-Armenier zuletzt
mit "Steal this Album" die Meßlatte sehr hoch gesetzt hatten und die Kritiker
(auch der Unterzeichnete) darüber befanden, es sei jetzt schon eines der Alben
der "Nuller-Jahre".
Pendelte "Steal this Album" kongenial zwischen Punk und Alternative-Rock, irgendwo zwischen The Birthday Partys "Junkyard" und Faith No Mores "King for a Day", besinnt man sich nun wieder auf seine Ursprünge und metalt. Oder um es anders zu sagen: Wer wie ich ein Freund von "Steal this Album" gewesen ist und die früheren Werke primär als Erstlingswerke ansah, wird von "Mezmerize" enttäuscht zurückgelassen.
Insgesamt sind die elf neuen Stücke sehr nah am ersten Album "System Of A Down", zuweilen blitzt noch etwas vom neuen Weg der Band auf, den man auf "Toxicity" eingeschlagen hat, indem man den (mehr oder weniger authentischen) Angry-Young-Men-Sound zugunsten eines besser überarbeiteten Songwritings zurückschraubte. Im großen und ganzen kommen die Stücke nun aber wieder vergleichsweise naiv daher: schnelle punkige (halbtonale) Passagen wechseln sich in rascher Folge mit ruhigeren Metalriffs und ebensolchem Chorgesang ab. Eigentlich eine kaum auszuhaltende Mischung, wenn man nicht metal-sozialisiert ist. Doch auch jenseits der instrumentalen Einzelkritik besitzen die Songs nicht den Esprit und auch nicht die Originalität der letzten Scheibe und laufen sich in den üblichen Hardcore- und Metal-Akkorden tot. Wären da nicht die gewohnten SOAD-Versatzstücke aus der armenischen Folklore, wäre da nicht die Stimme Serj Tankians, zweifellos eines der besten Sänger der derzeitigen amerikanischen Rockmusik, würde sich "Mezmerize" ausnehmen wie Album 57002/Jahr 2000ff., Abt. Metal. Immerhin retten "Radio Video" und "Sad Statue" noch die Würde der Band, ebenso wie die anspruchsorientierten Texte, die sich einmal mehr dem dämlichen Metal-Tralala verweigern und sich mit der amerikanischen Kriegsregierung und dem aggressiven Republikanertum auseinandersetzen.
Mein Fazit: "Mezmerize" hat mich um drei Jahre Wartezeit betrogen. Aber das macht nichts, das gleicht die beginnende Senilität jenseits der 29 schon wieder aus, und in einem halben Jahr wartet man auf das fünfte Album, mit derselben Inbrunst und demselben (vergeblichen) Hunger nach musikalischer Erfüllung.
+ + +
10.05.2005: Wir sind wieder wer.
Nämlich Erste Liga! Oheoheoheohe!
Prost, MSV Duisburg!
+ + +
09.05.2005: Ich kauf mich einen Wurstteppich.
Und zwar Bierschinken. Der ist nicht nur pflegeleicht, sondern auch noch
etwas, für um die Seele am Baumeln zu halten.
Die anderen Teppichsorten gibt's
hier.

+ + +
07.05.2005: Auf die Befreiung!
Lieber Gott, mach, daß dieser beschissene 8. Mai endlich vorübergeht, daß der erste Wortfetzen, den ich beim Zappen in jedem Programm erfasse, nicht mehr "der Führer" ist.
Die ganz Unentwegten sollen sich meinethalben bis zum Ende aller Tage mit Guido Knopp erfreuen oder beim virtuellen Rundgang durch den Führerbunker. Festes Schuhwerk empfohlen.
+ + +
06.04.2005: Mein Gefühlstyp ist archaisch - Zum Tode von Saul Bellow
Ohne ihn wäre ein Philip Roth (fast) undenkbar gewesen. Ebenso ein Maxim Biller.
Geschweige denn eine Generation moderner jüdischer Autoren in den USA, die ihn
mit viel Respekt als ihren Übervater anerkannt hat. Dann war es still um ihn
geworden, sehr still, der literarischen Szene hatte er sich zum Schluß immer
mehr verweigert, das literarische Business hatte ihn schon fast vergessen. Nun
ist er, intellektuell hellwach, 89jährig in seinem Haus in Massachusetts
gestorben. Mit Saul Bellow verliert die moderne amerikanische Literatur eine
ihrer Autoritäten und einen ihrer merk-würdigsten Vertreter.
Das Besondere an seinem Schreiben war, daß er wohl als erster genuin
amerikanisch-jüdische Themen zum Inhalt seiner Werke genommen hat. Zuvor waren
jüdische Schriftsteller als Exilierte in den USA. Bellow dagegen ist, Kind
russischer Einwanderer nach Kanada, im Nordamerika der Jahre zwischen den
Kriegen, der Jahre der großen Depression aufgewachsen und hat die Themen der
"zweiten Generation" verarbeitet. "Ich fühlte mich plötzlich wie der Schöpfer
einer Sprache und war davon regelrecht berauscht. Ich konnte es nicht
kontrollieren und es kostete mich einige Romane, um es zu zügeln." Seine
Protagonisten sind Kinder der modernen Großstadt, Männer, die versuchen, zu sich
selbst zu kommen. Die autobiographischen Züge treten v.a. bei "Herzog", einem
modernen Picaro-Roman (Schelmenroman), in den Vordergrund.
Bellow erhielt dreimal den National Book Award, im Jahr 1976 den Pulitzer Preis
und den Nobelpreis für Literatur. "Ein tiefes menschliches Verständnis"
attestierte ihm das Komitee in Stockholm. Zu den Hauptwerken des Romanciers,
einem studierten Soziologen und Anthropologen, der auch langjähriger Professor
für Soziologie in Chicago war, zählen neben "Herzog" auch "Der Regenkönig" und
"Humboldts Vermächtnis".
"Bellow ist der Romancier der Intellektuellen und der Lesermassen, wie vor ihm
im gleichen Alter nur Hemingway es war." (F. Bondy)
+ + +
05.04.2005: Der Papst der Herzen
Ersten inoffiziellen Verlautbarungen aus dem Vatikan zufolge, hat das Management
von Elton John angeboten, das musikalische Rahmenprogramm für die Erdlegung von
Joh. Paul II. zu gestalten.
In das traditionelle Requiem, das der britische Sänger komplett auf dem Flügel
präsentieren möchte, wird er seinen neuesten Hit "Goodbye Catholic Rose"
einflechten. Man darf gespannt sein.
+ + +
26.03.2005: Aphorismen zum Osterwochenende, frisch entdeckt
Jeder Ismus lebt nur auf Basis der Reduktion von Ismen.
Nur die Tatsache, daß er 1822 stirbt, hat ihm das Leben gerettet.
+ + +
16.03.2005: Urheberrechtsschutz auf neuem Prüfstand?
In Telepolis findet sich heute ein hochinteressanter Artikel zum Thema
Urheberrechtsschutz, der sich zwar hauptsächlich mit Musik beschäftigt, aber
auch Autoren nicht ganz unberücksichtigt läßt. Kernsatz: "Mit der Anzahl
zirkulierender Kopien eines Werkes steigt der Bekanntsheitsgrad und damit auch
der Marktwert des Künstlers. Hinzu kommen Spillover-Effekte: Je größer der
Bekanntheitsgrad, desto größer sind die Verdienstmöglichkeiten eines Künstlers
durch Live-Auftritte, Engagement in der Werbung oder den Verkauf von
Handy-Klingeltönen. Musiker und Autoren können nur dann durch eine rigide
Urheberrechts-Schutz Politik gewinnen, wenn ihre Beteiligung am Gewinn, der
durch Verkäufe von Medienprodukten entsteht, sehr hoch ist. Im anderen Falle
überwiegen die Spillover-Effekte: Gewinne durch zusätzliche Einnahmen bei
Auftritten wiegen stärker als Einbußen durch geringere Stückzahlen im Verkauf."
Der Autor plädiert dafür, gerade im Namen "kleinerer" Künstler das derzeitige
Urheberrecht nicht stärker als bisher zu verteidigen.
Die Argumentation ist nicht uninteressant, wie mir scheint, wenn sie auch für
den Buchmarkt wenig durchdacht und ein bißchen weltfremd ist. Trotzdem: man
sollte diese Argumentationsketten unter dem Zeichen allgemeiner
Informationsfreiheit (hoc signo vinces) kennen. Sie werden einem in Zukunft
sicher noch häufiger begegnen.
+ + +
14.03.2005: Sympathischer Abschied
Die Band TAUT hat sich aufgelöst - Sänger Tim Meyer verlautbarte, ihm fehle "Kraft und Leidenschaft für die Band", er habe seit langem den Druck immer weiter erhöht und halte dem nicht mehr stand. Abgesehen davon, daß das eine ungewohnt ehrliche Art ist, hat die Band sich kurzerhand entschlossen, das gesamte Oeuvre auf MP3 zum freien Download anzubieten. Man sollte dergleichen als Manifest verstehen und es den richtigen Pappnasen im Musikgeschäft rechts und links, aber jedenfalls wiederholt, um die Ohren schlagen.
Und natürlich sollte man sich schleunigst die Dateien ziehen; nicht nur, daß es sich musikalisch lohnt - es ist auch eine schöne Art, der Band Adieu zu sagen und: "We appreciated your songs."
+ + +
20.04.2005: Habemus Ratziputz
Jaja, 'nen neuen Papst ham wa och, schlimm genug. Viel wichtiger aber ist dieser Beitrag des Kamelopedia-Projekts zur Übersetzung der Aussage "Es ist drei Uhr" in die führenden Weltsprachen. (Man beachte v.a. die finnische Variante. Irgendjemand noch ohne?)
+ + +
07.03.2005: GEZ schreibt viel aber nix passiert
Unbestätigten Gerüchten zufolge haben die deutsche Gebühreneinzugszentrale GEZ
und ihr österreichisches Pendant GIS zum 1.3.2005 ihr Vorgehen geändert.
Entgegen bisherigen nicht operationalisierten Gebührenermittlungserhebungen
eines Ermittlungsbeamten mit geringem Involvierungspotential ("GEZ schreibt viel
aber nix passiert") schickt man nun zwei operationelle Beamte in die Haushalte.
"Das Vorgehen ist unkonventionell, aber äußerst effektiv" bestätigte der
niederösterreichische GIS-Generalpräsident Hader in einem Interview gegenüber
dem MA. Daß das Konzept letztlich an das der Zeugen Jehovas angelehnt ist, will
RA Th. Pfeffernuss, Spezialist für ernste Bibelforschung und Medienrecht,
allerdings nicht bestätigen.
Macht auch nichts, sagen wir, solange es nur effektiv ist und irgendwas
passiert.

Quelle: Silentium
+ + +
28.02.2005: Der Fußballcrash im Fernsehen
Dienstag, den 1.3.2005 wird mein Koautor beim Buch: "Der Fußballcrash: Fußball-Marketing - Die Chronik eines angekündigten Untergangs" Martin Grünitz in einem Interview zum Thema "Fußball und das große Geld" in der Sendung kulturzeit ab 19.20 Uhr auf 3sat zu sehen sein.
+ + +
21.02.2005: Briefe an die Leser: Du, liebe CDU,
kapierst es einfach nicht: "Rot-Grün ist abgewählt." Aua. Als Wahlsieger sollte man sich erst feiern lassen, wenn das Wahlergebnis auch wirklich vorliegt. Das Spielchen hättest Du spätestens nach Deiner blamablen Kasperle-Nummer zur letzten Bundestagswahl eigentlich kapieren müssen. Aber Du kannst es einfach nicht lassen, ne? Einmal doof, immer doof.
Wird der gute Peter-Harry uns jetzt wirklich mit den angedrohten Kinderbüchern schinden? Das wäre mal eine echt gemeine Wählerabstrafung, finde ich.
+ + +
11.02.2005: Ich und der Parasympathikus
Entgegen häufig zitierter anderer Meinungen mag ich ihn. Ja, ich mag den Parasympathikus! Der Parasympathikus ist ein freundlicher älterer Herr, der mir immer Schokolade mitbringt und dafür keine Gegenleistung verlangt als hin und wieder einen traumbefangenen Rülpser, den er zu Papier bringen kann. Oder ich. Je nachdem, wer rascher ist.
+ + +
11.02.2005: Literatur auf Brötchentüten
Wer liest nicht gern beim Frühstück (gegen 13 Uhr), wenn der Kaffee erst so langsam zu wirken beginnt, eine aufbauende und/oder lachnervenerschütternde Geschichte, und geht derart gestählt gegen 15 Uhr ins Café, seinem ersten Absacker entgegen? Lesefutter.org hat aus der Not, daß man nach dem Aufstehen meist keine Lektüre zur Hand hat und die Brötchentüte einem leider auch nicht allzu viel Neues verrät, eine Tugend gemacht und bringt nun die erste Edition von Literatur auf Brötchentüten heraus. Eine Superidee, ein Riesenspaß und eine echte Chance für Newcomer, denn im Gegensatz zu Renommiermarken, die ihr Schaumbad mit Lyrikhäubchen schmücken, schätzt man bei Lesefutter den literarischen Nachwuchs. Darauf eine Puddingplunder!
+ + +
04.02.2005: Bitte beachten:
Dr. Dippels Handbuch der Laubholzkunde hat jetzt auch sonn- und feiertags zwischen 0.00 und 24.00 Uhr geöffnet.
+ + +
03.02.2005: Raucher sündigen länger
Rauchen ist ja sowas von schädlich, na klar, da hilft es auch nichts, die Rauchersprüche auf Zigarettenschachteln als Koans zu benutzen und sich in sie zu vertiefen, bis sich alles in allem auflöst. Allerdings gibt uns erst diese Seite einen wirklich relevanten Hinweis darauf, weshalb mit dem Rauchen unverzüglich aufzuhören ist: weil es sich hierbei nämlich um eine Sünde am Sündenbaum handelt. Ach so ist das!
(Für Nichtchristen empfehle ich zur Lektüre Egyd Gstättner: Sterbende Nichtraucher. Habe selten eine so große Lust darauf bekommen, endlich mit dem Kettenrauchen zu beginnen. Großartiger Text.)
+ + +
01.02.2005: Tatort Deutscher Amtshumor
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Zuge der Neuorganisation des Kassenwesens des Bundes werden die Aufgaben der Bundeskasse Trier, Außenstelle Düsseldorf, mit Wirkung vom 14. März 2005 für Württemberg zur Bundeskasse Halle/Saale verlagert. Für Auskünfte, die im Zusammenhang mit dem o.g. stehen, ist die Bundeskasse in Halle/Saale ab dem 14. März 2005 erreichbar.
Mit freundlichen Grüßen
Bundeskasse Trier - Außenstelle Düsseldorf -
Sehr geehrte Damen und Herren,
aufgrund Ihres charmanten Schreibens vom 24. des Monats Januar kann ich nicht umhin, Ihnen fünf für meine berufliche Zukunft und mein personales Wachstum nicht unbedeutende Fragen zu stellen:
1. Wer ist eigentlich im Jahre des Herrn 1949 auf die lustige Idee gekommen, den Hauptsitz einer glanzvollen Institution wie der Bundeskasse in eine Stadt wie Trier zu verlegen, in der nicht nur der Hund begraben liegt, sondern die Einwohner auch schon vergessen haben, wo sie ihn begruben. Hätte man stattdessen die Bundeskasse nicht mit dem Bundesbeschußamt in Mellrichstadt zusammenlegen können?
2. Wer ist auf die noch viel lustigere Idee verfallen, einen Außenposten dieser Kasse in Düsseldorf zu installieren und den dann auch noch Trier zu unterstellen?
3. Und welcher Schelm hat, bei allen Heiligen!, dafür gesorgt, daß es nun ausgerechnet die Stadt Halle an der Saale ist, die Düsseldorf in ihrer Funktionalität beerbt, für den Schriftverkehr mit Württemberg zuständig zu sein? Warum Halle, und nicht etwa Ingolstadt, Meppen, Soest oder - da sei Gott vor! - Bruchsal?
4. Angenommen, ich zöge nun unmittelbar nach Erhalt Ihres Briefes nach Baden - welche Außenstelle wäre hierfür zuständig? Kleinrinderfeld?
5. Wären Sie so freundlich, mir eine Liste der zuständigen Außenstellen, geordnet nach den Regierungsbezirken des Wohnorts, zuzuschicken? Angesichts der schwierigen Frage, wo ich fürder meinen Wohnsitz nehmen soll, würde ich dies gern abhängig machen von der für meinen weiteren Verbleib zuständigen Amtsstelle.
In freudiger Erwartung Ihrer Antworten verbleibe ich mit stets gleichmäßig vorzüglicher Hochachtung
Der Unterzeichnete
+ + +
30.01.2005: Tatort Fernsehlangeweile
Wann wird eigentlich endlich dieser vollkommen sinnfreie Tatort aus Hamburg abgesetzt, diese endlose Betroffenheitswacke, die weder spannend ist noch ergiebig, mit dem unentwegt aus allen Himmeln herniederfallenden Dackelblick unseres Lehrers Dr. Specht, der sich durch die Sulzgrütze, die er in den letzten zehn Jahre gespielt hat, menschlich und schauspielerisch so dermaßen diskreditiert hat, daß mir jetzt sogar die Worte fehlen, um diesen Fragesatz auch nur einigermaßen anständig zu Ende zu bringen, und zwar mit einem ?
+ + +
27.01.2005: Probleme über Probleme: In Bruchsal tagte der Sprachkongreß
Gestern tagte in Bruchsal (Baden) der Kongreß über das deutsche Sprachwesen und beriet in zweiter Lesung über eine wichtige Frage zur Genusdefinition von Fremdwörtern im Deutschen. Wir alle kennen das Problem, das unser tägliches Leben berührt: Versenden wir die Mail, oder, wie mit sprachbehindert anmutendem Anklang, das Mail? Klicken wir einen Link oder, kaum weniger sprachversehrt, ein Link? Wie also ist grammatikalisch umzugehen mit den aus dem Englischen ins Deutsche importierten Fremdwörtern, sobald ihnen ein Definit- oder Indefinitartikel zugeführt wird?
Die Verfechter der in Fachkreisen auch Neutralismus benannten Theorie berufen sich auf die grammatikalische Ordnung der deutschen Sprache, der zufolge Fremdwörtern der Genus zukommt, der ihnen in der Originalsprache zueigen war. Also: "le ballon" wurde im Deutschen zu: "der Ballon", das altgriechische "theatron", ein Neutrum, blieb im Deutschen: "das Theater", also neutral. Nun funktioniert diese Regel natürlich nur, wenn in der Schöpfungssprache bereits Genera vorgesehen sind. Wie ist das im Englischen, einer an sich durch und durch geschlechtsfeindlichen Sprache?
Geschlechtsfeindlich? Weit gefehlt!, argumentieren die Neutralisten. Allerdings drücke sich das Geschlecht im Englischen erst in zweiter Ordnung aus. So erhalten Gegenstände, Tiere und Pflanzen, wenn sie mit einem Pronomen ersetzt werden, stets das sächliche "it": I see the dog
- I see it. Da es sich bei Mails und Links natürlich um Gegenstände im grammatikalischen Sinne handelt, müssen also auch sie alle neutral im Genus werden: das Mail, das Link.
Dem setzen die Anhänger der grammatikalisch-konsequenten Theorie (Konsequentisten) entgegen, daß die Regeln der deutschen Sprache für Fremdwörter nicht geändert, sondern einfach nur konsequent angewendet werden müssen. Die deutsche Grammatik sieht vor, daß einsilbige Wörter, die auf einen Konsonanten ausgehen, aber keine Liquide sind, dazu Gegenstände repräsentieren, im Regelfall den männlichen Genus erhalten: der Tisch, der Trick (übrigens ein ehemaliges englisches Fremdwort!), der Stoß, der Stein. Die grammatikalisch konsequente Anwendung dieser Regel liefert uns also: der Link.
Bei Liquiden (l, r, nicht aber bei liquiden oder nasalen Sonanten wie m, n), die im Deutschen wie in den meisten anderen Sprachen indoeuropäischen Ursprungs eigentlich Halbvokale sind, verhält sich die Regel ein wenig anders, d.h. sie wird insgesamt konfus (der Fehl, der Ball, der Hall, aber das Mehl). Hier sind die Konsequentisten bereit, Abstriche zu machen, aber aufgrund der Verwechslungsgefahr zwischen "das Mail" und "das Mehl", "das Emaille" und "das
E-Mail", entschieden gegen den neutralen Genus, der zudem, wie bereits betont, extrem sprachretardiert klingt. Als besonderen Höhepunkt der Veranstaltung verbuchte der Redakteur sohin auch den Moment, als vier der Konsequentisten ihre Strickjacken auszogen und darunter T-Shirts mit dem Aufdruck: "Alles, nur nicht 'das Mail'" zum Vorschein kamen (bestellbar über Shirt&Skirt, Grevenbroich). Da sich indes bereits in weiten Teilen der deutschsprachigen Bevölkerung die Formulierung "die Mail" herausgebildet hat, sollte man sie auch beibehalten, ungeachtet der Tatsache, daß sie grammatikalisch (noch) ungestützt scheint.
Der Vermittlungsversuch von Anhängern gemäßigter Richtungen scheiterte an der grundsätzlichen Weigerung der Neutralisten, ästhetische oder pragmatische Argumente in einer Diskussion zuzulassen, die die Bildung einer präskriptiven grammatikalischen Regel zur Folge hat. Man einigte sich folglich auf einen Termin zur dritten Lesung im Mai, um das Problem abschließend zu beurteilen. Bis dahin soll beiden Seiten nochmals die Gelegenheit gegeben werden, neue
Forschungsergebnisse in die Debatte einzubringen.
Veranstaltungsort wird dann Lützellinden sein.
Die Diskussionen waren ebenso bündig wie die Strickjacken.
+ + +
18.01.2005: Grass mahnt vor Verschlimmbesserung des Urheberrechts
Vor einer - wörtlich - Verschlimmbesserung des Urheberrechts und davor, daß das Justizministerium in vorauseilendem Gehorsam vor dem Lobbyismus der deutschen Verlegerschaft kapituliere, warnte Günther Grass gestern abend auf einem Symposium der VG Wort in Berlin. Artikel bei Spiegel online.
+ + +
11.01.2005: Es ruft der Mu-, der Muezzin / Und wir geh'n alle, alle hin
Wer tauscht mit mir Muezzinrufe? Biete Mekka, Medina, Ägypten und irgendwas aus Afghanistan. Hat jemand Algier oder Tirana?
+ + +
04.01.2005: Bar mit Niveú

Ob Madam Niveú heißt und aus Rumänien stammt? (Gesehen in Regensburg)
+ + +
03.01.2005: Gutes neues?
Das neue Jahr beginnt, wie das alte aufgehört hat: Mit Nichtigkeiten. Und Mahnbescheiden.
+ + +
13.12.2004: Herbstmeister!!!
Kurz vorm Herzinfarkt der rettende Abpfiff: Wir sind Herbstmeister!!!
Nä-nä-nä-nääää-nääää!
+ + +
07.12.2004: Formbriefe :: Verlagsangebote
1. Formbrief Verlagsangebot
In meiner Eigenschaft als baden-württembergisches Vorstandsmitglied des größten deutschsprachigen SchriftstellerInnenverbands bekomme ich hin und wieder Mails mit der Frage, wie denn seriöse Verlagsangebote aussehen. "Nun, das ist je nach Angebot zu beurteilen", schreibe ich dann gemeinhin zurück, "aber wenn Ihnen sowas auf den Tisch flattert, dann benutzen Sie ganz einfach dieses Formschreiben als mögliche Antwort darauf." (Originaltext im folgenden gekürzt.)
»B.C. Verlag GmbH Postfach D-...
Herrn
Dr. Martin von Arndt
Sehr geehrter Herr Dr. von Arndt,
als Buchverlag mit belletristischem Schwerpunkt (Lyrik und Prosa) sind wir auf Sie aufmerksam geworden. Unser Verlagsleiter XY regte daher an, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.1 Da wir neben unseren »Hausautoren« - annähernd jedes zweite bei uns verlegte Buch wurde von Autoren verfaßt, die mehr als 1 Buch mit uns gemeinsam machten - auch Ihnen gerne ein Forum für Ihre zukünftigen Publikationsvorhaben bieten möchten, laden wir Sie heute herzlich ein, uns näher kennenzulernen. (...)
Autor und Verlag sollten sich idealiter ergänzen. Die persönliche Betreuung unserer Autoren, unser Engagement bei der Erfüllung von Autoren- und Leserwünschen, die für jedes Buch von Fachkräften geleistete individuelle und aufwendige Buch- und Covergestaltung sowie unser langjähriges Know-how in puncto Werbung und Vertrieb haben eine sehr interessante Autorenschaft zu uns geführt. Den hohen Anteil an Literatur- und Kunstpreisträgern unter unseren Autoren2 sehen wir mit Stolz als Anerkennung unserer verlegerischen Arbeit an, zugleich aber auch als eine Verpflichtung, die wir gerne annehmen.
Bitte gestatten Sie uns in diesem Zusammenhang noch eine prinzipielle Anmerkung, die - wenn Sie so wollen - für die Philosophie unseres Hauses steht: Der B.C. Verlag strebt grundsätzlich eine erfolgreiche Vermarktung jedes Buches an.3 Im Hinblick darauf trägt der Verlagsleiter XY persönlich dafür Sorge, daß allen in seinem Verlag erscheinenden Büchern die gleiche lektorale und verlegerische Aufmerksamkeit, Betreuung und Sorgfalt zuteil wird. Jedes Buch verlangt u.a. einen professionellen Lektor, Korrektor, Buchsetzer und Umschlaggestalter. Sogenannte »Baukastensysteme«, bei denen Autoren die Wahlmöglichkeit haben, auf die eine oder andere wichtige Verlagsleistung zu verzichten, lehnen wir für belletristische Werke kategorisch ab! Täten wir dies nicht, würde angesichts der zu erwartenden unterschiedlichen Qualität der Bücher für den Buchhändler, den Zeitungskritiker, den Leser und jeden einzelnen unserer Verlagsautoren ein Problem entstehen. Oder was würden Sie als Autor davon halten, wenn in Ihrem Verlag auch Bücher erschienen, die vor Fehlern nur so strotzen bzw. die einen Buchsatz oder eine Umschlaggestaltung aufweisen, die eher an gutgemeinte Vereinsbroschüren erinnert als an Bücher, die auf Büchertischen erfolgreich konkurrieren wollen? Würden Sie sich dann noch für weitere Bücher dieses Verlages interessieren? Ist es nicht ohnehin ein befremdendes Verhalten, wenn ein Verleger den Verzicht auf geradezu elementare Verlagsleistungen zuläßt? Und gesteht dieser Verleger damit nicht ein, daß ihm an der Qualität des Buches und dessen Vermarktungsmöglichkeiten wenig liegt? Ehe wir auf die angesprochenen elementaren Verlagsleistungen verzichten, verzichten wir lieber ganz auf die Herausgabe eines Buches. (...)
Unser Angebot für Sie:
Um dem B.C. Verlag einen guten Start und Ihnen die Chance zu geben, von Anfang
an dabeizusein, hat XY, unterstützt von dem persönlichen Engagement seiner Frau
ZY, beschlossen, für eine ausgewählte Gruppe von Autorinnen und Autoren die
Kosten für die Inverlagnahme eines Gedichtbandes im Rahmen unserer Buchreihe
»xy« zu senken.4 Sie erhalten selbstverständlich innerhalb dieses
Angebotes alle bereits erwähnten verlagsüblichen Leistungen. Die Vorstellung auf
den neuen Internet-Seiten erfolgt zudem kostenlos für die Dauer von zwei
Jahren.5 Unser heutiges Angebot ist befristet bis zum X.Y.2004.
Für eine Buchveröffentlichung in der »edition xy« belaufen sich bei
Vertragsabschluß vor dem 30. November 2004 die Kosten für die Inverlagnahme
auf Euro 1.600,- inkl. 16 % MwSt (statt der sonst üblichen 1.980,-). Alle
Bände der Buchreihe »edition xy« haben einen Gesamtumfang von 48 Buchseiten6
und werden auf hochwertigem Werkdruckpapier mit doppeltem Volumen in einer
Startauflage von zunächst 300 Exemplaren gedruckt. Werden diese innerhalb von
zwei Kalenderjahren ausverkauft, so verpflichtet sich der Verlag,
Folgeauflagen auf eigene Kosten zu veranstalten und Honorarbeteiligungen an die
Autoren auszuschütten.7 (...)
Gerne lesen wir Ihre Manuskripte, die sie uns jederzeit zu unseren treuen Händen
und zur für Sie unverbindlichen und selbstverständlich kostenfreien Prüfung8
zusenden können. (...)
Mit freundlichen Grüßen«
1 Das glaubt doch echt kein Mensch, oder?
2 Na, das wüßte ich aber...
3 Wie auch nicht? Merkwürdig ist nur der ausdrückliche Hinweis
darauf, der darauf schließen läßt, daß man sich dergestalt distanzieren möchte
von sog. "Zuzahlungsverlagen".
4 Spätestens ab diesem Moment sollten die Alarmglocken
klingeln. Wie - "Kosten senken"? Ich sollte für getane Arbeit auch noch
bezahlen? Wagen Sie doch mal, das Ihrer Sekretärin vorzuschlagen! "Frollein
Meyer, eine gute Nachricht: ab nächsten Monat zahlen Sie nur noch 1600.- Eur, um
hier arbeiten zu dürfen." (Naja, das kommt demnächst sicher auch noch.)
5 Das versteht sich ohnehin von selbst. Schließlich möchte der
Verlag ja seine sorgfältig lektorierten Bücher absetzen und muß dafür Werbung
machen.
6 Wunderbar schmal. Und dafür 1600.- Eur verlangen? Spannend.
7 Sehr schön. Wenn das Buch läuft, wird eine
"Honorarbeteiligung" geboten. Das nenne ich echten Mut zum unternehmerischen
Risiko.
8 Ich schätze, ebenso gut könnte man seine Werke auch zur
Begutachtung in den Wald werfen. Aber das ist natürlich nur meine persönliche
Einschätzung, das würde ich nie zu behaupten wagen.
2. Formbrief Verlagsabsage
Guten Tag,
ich erhielt heute ein Schreiben Ihres Verlags mit einem Verlagsangebot.
Ich möchte Sie bei der Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß ich
professioneller Schriftsteller bin. Ich lebe von den Honoraren, die mir Buch-
und Zeitungsverlage auf basis geleisteter Arbeit und einem gültigen Vertrag
ausbezahlen und bin es keineswegs gewohnt, selbst einen Verlag zu bezahlen für
eine Buchveröffentlichung, die dessen ureigenstes unternehmerisches Risiko
darstellt.
Daneben bin ich Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und trete dort u.a.
ein für die Umsetzung des neuen Urheberrechts. Gestatten Sie mir, das in Ihrem
Brief vorgetragene Angebot und diese Sorte Geschäftsgebaren im Sinne des neuen
Urheberrechts weder als "handelsüblich" noch als "redlich" zu empfinden.
Ich weiß nicht, über welche Kanäle Ihnen meine persönlichen Daten zugänglich
gemacht worden sind.
Ich fordere Sie jedoch hiermit auf, unmittelbar nach Erhalt dieses Schreibens
sämtliche von mir in Ihren Datenbanken gespeicherten persönlichen Daten zu
löschen.
Ich fordere Sie desweiteren hiermit auf, mir keine weiteren Schreiben mehr
zugehen zu lassen, keine Briefe, keine E-Mails - außer zur Bestätigung der
Datenlöschung -, sowie keine etwaigen Einladungen zu Buchmessen.
Ich fordere Sie schließlich hiermit auf, nach Erhalt dieses Schreibens meine
persönlichen Daten nicht mehr an Dritte weiterzureichen.
Sollten Sie gegen diese Auflagen verstoßen, sehe ich mich gezwungen, rechtliche
Schritte einzuleiten.
Dr. phil. Martin von Arndt
Kopie der Mail an meinen Rechtsanwalt Dr. iur. AB
3. Nachbemerkung / Salvatorisches
Die Antwort ist formaljuristisch geprüft und absolut unbedenklich. Der dritte
Absatz ist in diesem Sinne jederzeit leicht modifizierbar.
Aufgrund der persönlichen wie verbandsinternen Erfahrung mit solcherart
Schwarzlisten werde ich den Namen des Verlags allerdings nicht veröffentlichen,
sondern meine Empfehlung nur privatim weitergeben.
+ + +
30.11.2004: Zu is' zu
Und manchmal wird das ebenso genial wie einfach auf den Punkt gebracht:

+ + +
26.11.2004: Wadenbeißereien, liebe Birgit Walter,
machen noch keinen seriösen und "informierten" Journalismus. Auch nicht Duckmäuserei als Lebensmaxime. Oder ebenso sinnfreie wie weinerliche Solidarität mit hochbezahlten wissenschaftlichen Mitarbeitern von Bundestagsabgeordneten. Noch weniger allerdings Horrorszenarien von geweckten Hunden, die den Sozialpolitiker dort hinbemühen, wo nun der vermeintliche Kulturpolitiker sitze, und dann werde also für den Künstler in diesem Lande alles umso schlimmer. Urgs.
Worum geht's? Um ein bißchen abschätzige Einschätzung der KSK-Mail-Lichterkette durch die Berliner Zeitung. Eigentlich nicht der Rede wert, handelte es sich dabei doch wenigstens um ein Vorzeigeblatt der bürgerlichen Presse und wäre der Artikel nicht so dummdreist geschrieben. Und ermüdete die Autorin rascher darin, ihre versuchsweise kulturpolitische "Informiertheit" Gassi zu führen. Und merkte man ihr nicht gleich im ersten Satz an, daß sie noch dringend ein Hühnchen zu rupfen hat mit einer großen Gewerkschaft (hat das seit neuestem etwas in einem Artikel zu suchen?).
"Wäre es nicht fabelhaft, wenn man das Versenden von E-mails ein kleines bisschen verteuern könnte? Wenn es nur ein kleines bisschen mehr kosten würde als gar nichts? Spam-Versender würden ihren Müll weniger hemmungslos auskippen und Großgewerkschaften wie Verdi würden zehn Sekunden lang nachdenken, bevor sie neurotisch Protest-Mail-Aktionen in Gang setzen, die mehrere Bundestagsbüros mit hoch bezahlten Mitarbeitern lahm legen."
Ach ja. Das Nachdenken.
+ + +
25.11.2004: KSK: Neueste Entwicklung
In einer Erklärung treten Enquete-Mitglieder der SPD und der Grünen erstmals an die Öffentlichkeit und verlautbaren, daß es ihnen keineswegs um die Abschaffung der KSK gegangen sei, üben jedoch zugleich scharfe Kritik an der Haltung von CDU-Enquete-Mitgliedern, die unseren Protest erst auf den Plan gerufen hat.
Im übrigen bitte ich darum, den zuständigen Kommissionsmitgliedern nun wirklich keine Mails mehr zu schicken. Und mir bitte auch nicht! Schaut doch einfach mal auf den Stichtag, den die ursprüngliche Mail gesetzt hat - der ist längst vorüber. Und mittlerweile rangiert der Kettenbrief, der irgendwann entstanden ist, schon als Hoax auf entsprechenden Hoax-Listen. Kettenmails sind aber kontraproduktiv, ich hatte ursprünglich zu einer individuell verfaßten Mail aufgerufen (und gerade darin lag auch die Stärke dieser Aktion). Also bitte: wenn wir nicht wollen, daß die ganze Sache im nachhinein noch ins Negative umschlägt, dann beendet diese Aktion jetzt.
Und keine Angst: die Künstlerverbände bleiben in Sachen KSK weiterhin wachsam.
+ + +
23.11.2004: KSK - eine dringende Stellungnahme
Da es mittlerweile reichlich KollegInnen gibt, die mich wegen der vorgestrigen Mailaktion angepflaumt haben, da ich inzwischen auch eine leicht säuerliche Reaktion aus dem Bundestag erhalten habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf folgendes hinzuweisen:
Bitte verbreitet den Text zur befürchteten Abschaffung der KSK nicht mehr
weiter!
Zum einen handelt es sich dabei um einen privaten Mailtext an Freunde.
Zum zweiten bin ich nicht der Organisator irgendeiner größeren Aktion.
Zum dritten ist der Termin bereits verstrichen.
Zum vierten hat man seitens der Kommission Entwarnung gegeben (Näheres bitte der
morgigen Presse entnehmen oder bei Verdi nachfragen.)
Schließlich hat mich die zuständige SPD-MdB gebeten, die Aktion nun langsam
wieder einzustellen, weil man einen normalen Mailverkehr gewährleisten wolle.
Desweiteren möchte ich folgende Erklärung zur "Lichterkette für die KSK"
abgeben. Ich zitiere dabei aus meinem Schreiben an die MdB Ursula Sowa:
Sehr geehrte Frau Sowa,
zunächst bedanke ich mich für Ihren Einsatz in der Enquete-Kommission und für
die guten Nachrichten in Sachen KSK.
Alsdann muß ich wohl einiges klarstellen:
1.
Ich bin keineswegs "derjenige welche", der gezielt einen Aufruf gestartet hätte.
Es geisterten seit Samstag einige dieser Aufrufe durchs Netz. Offenbar ist - aus
implausiblen Gründen - meiner am häufigsten verbreitet worden.
2.
Ich habe meinen Aufruf ursprünglich lediglich an Freunde und befreundete
KollegInnen geschickt. Es war allerdings keineswegs geplant, daß diese
Privatmail tausendfach kopiert und auf Internetseiten, z.T. ohne mein Vorwissen,
verbreitet wird.
3.
Die Pressemitteilung, die die Enquete-Kommission veröffentlicht hatte, klang
nicht nur für mich, sondern bereits für hunderte weiterer KollegInnen im Vorfeld
zur gestrigen Veranstaltung besorgniserregend. Ich war auch, wie oben betont,
keineswegs erstes Glied in dieser Kette. Die Erstinitiative ging aus von der
Mitgliederversammlung des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) in Ver.di
Baden-Württemberg, die Samstag stattgefunden hat und zu einer Stellungnahme
gegenüber den Enquete-Mitgliedern aufgerufen hat. Ich war, wie gesagt, als
möglicherweise von den zu erwartenden Neuregelungen in Sachen KSK betroffener
Künstler lediglich eine Privatperson, die diesem Aufruf Folge geleistet hat.
4.
Aus den obengenannten Gründen kann ich Ihnen leider auch keine Verteilerliste
zukommen lassen, weil ich die Mail nur an 20 Freunde geschickt habe, die sie
ihrerseits weitergeleitet haben. Es gibt keinen zentralen Verteiler - hätte ich
einen, hätte ich längst darauf aufmerksam gemacht, daß ich keineswegs
Ansprechpartner für irgendeine geplante Aktion war.
Gestatten Sie mir noch zwei persönliche Anmerkungen:
Ich glaube, ich habe die Folgen meines Handelns tatsächlich unterschätzt,
weil ich nicht damit gerechnet habe, daß sich in diesen Zeiten hunderte, ja
tausende freischaffender KünstlerInnen zu einem solchen Protest zusammenbringen
lassen. Bis zu einem gewissen Punkt hat mir das auch den Glauben an die
Solidarität in diesem Land und Berufsstand zurückgegeben.
Es tut mir auch leid, wenn ich Ihnen und Ihren KollegInnen Unannehmlichkeiten
bereitet habe.
Allerdings sollten Sie oder die zuständigen MitarbeiterInnen, die eine solche
Pressemitteilung vorlegen, sich künftig auch genauer überlegen, ob man nicht mit
Formulierungen wie:
"Soll die KSK erhalten werden, kann sie überhaupt erhalten werden?"
Angst und Sorge schürt bzw. mit den Versorgungsängsten ohnehin schon an
den Rand der Gesellschaft gedrückter KünstlerInnen mit einem durchschnittlichen
Jahreseinkommen von knapp 10.000 Eur Einkommen nach Steuern spielt. Ich weise den
Vorwurf, Ängste geschürt zu haben, damit entschieden von mir. Das Initial ging
von der Kommission aus.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Martin von Arndt
+ + +
21.11.2004: Ende der KSK?
Die Enquete-Kommission des Bundestags "Kultur in Deutschland" befaßt sich derzeit in einer öffentlichen Anhörung mit der "wirtschaftlichen und sozialen Absicherung für Künstlerinnen und Künstler". Dabei geht es vornehmlich um die ZUKUNFT DER KÜNSTLERSOZIALVERSICHERUNG.
Die KSK ist ein in Europa bislang einmaliges Modell: Künstler, Verwerter und der Bund tragen gemeinsam die Sorge für die Alterssicherung von Künstlern, denen es in wirtschaftlichen Zeiten wie diesen ohnehin noch einen Tick beschissener geht als anderen Berufsgruppen. Nun ist der Fortbestand dieser Sozialversicherung ernsthaft gefährdet, u.a. durch das Engagement profilierungssüchtiger junger Hengste in einer Partei, die 1975 maßgeblich daran beteiligt war, die KSK überhaupt erst aus der Taufe zu heben.
"Ernsthaft gefährdet" ist eigentlich sogar noch ein Euphemismus: die Kommission, die sich Montag, 22.11., 10-14 Uhr zu einer öffentlichen Sitzung im Paul-Löbe-Haus in Berlin trifft, fragt, inwiefern die KSK überhaupt noch erhalten werden kann. Und ob sie erhalten werden soll.
Wir sollten, wir dürfen nicht zulassen, daß dieser Meilenstein der künstlerischen Sozialabsicherung einfach so mir nichts dir nichts gekippt wird. Jede(r), der / die von der KSK profitiert hat oder in Bälde zu profitieren beabsichtigt, möge sich bitte mit einer Mail an die zuständigen MdBs in der Enquete-Kommission melden und sie bitten, unbedingt um den Erhalt der KSK zu kämpfen.
Seid rasch. Und verkünstelt Euch dabei nicht: Die Mail wird wahrscheinlich nie zu Ende gelesen. Aber auch wenn das der Fall ist, wird sie zur Kenntnis genommen. Wenn 500 solcher Mails eingehen, werden in Berlin einige Köpfe rauchen. Aber wenn 1000 Mails eingehen, kommen die Damen und Herren beträchtlich ins Schwitzen. Noch können wir etwas bewegen. Bewegen wir uns!
Wichtig: Bitte schicken Sie mir keine Mails mehr zu diesem Thema - ich agiere hier auch nur als Privatperson, nicht als Teil eines Orga-Komitees. Wenden Sie sich, falls Klärungsbedarf besteht, bitte an Ihre zuständige Verdi-Landesfachgruppe.
+ + +
01.11.2004: The One-CD-Wonder
Cake
klingen wie Calexico, die in einem Topf mit Weichspüler gelandet sind. Oder in
einem Kessel guter Laune, aber dabei hart aufgeschlagen. Da ich persönlich schon
immer auf diese Sorte musikalisches Wohlaufgelegtsein gern verzichten konnte,
zog und ziehe ich gemeinhin Calexico Cake vor. Dennoch waren Cake immer eine
meiner erklärten Lieblingsbands der an musikalischen Höhepunkten nicht wenig
verwöhnten 90er Jahre.
Nach drei Jahren Abstinenz legt die vierköpfige amerikanische Band nunmehr ihr
fünftes Album vor. Vom Konzept her business as usual: elektrisierende Bläser bei
gleichzeitiger elektronischer Rhythmussektion, überraschende Subbässe, wie immer
grandiose Texte von John McCrea, einem überzeugenden Sänger mit charismatischer
Stimme, und sogar der passionierte Gitarrist findet an Xan McCurdys Spiel rasch
sein Wohlgefallen.
Pressure Chief beginnt mit drei furiosen Stücken, die an die besten Zeiten von
Fashion Nugget erinnern, darunter die sinister treibende Videoauskopplung "No
phone". Dann allerdings kippt die ganze CD grauenvoll ins Beliebige, wird zu
demselben seichten Weichspülersound, der mich schon auf den letzten beiden Alben
zu Tode gelangweilt hat. Die ebenso harm- wie arglose Mischung aus Country-Rock
und Pop, der niemandem auch nur ein Härchen krümmt. Optimistische Tragödien aus
nostalgischen Kübeln, und davon reichlich ausgeschöpft. Zuwenig, um gut genug zu
sein.
Immerhin macht man es kurz und schmerzlos: mit 11 Songs und 36 Minuten Spielzeit
besitzt die CD gute LP-Länge. Und warum auch nicht, das könnte das Konzept der
Zukunft sein, besonders angesichts dessen, daß mittlerweile 2/3 der Songs auf
neueren CDs meist ohnehin nur Schrott sind, dazu da, für die Musikindustrie den
nicht gerade hemdsärmeligen Preis von 20 Eur zu rechtfertigen.
Wie würde man bei einem Fußballteam sagen? Drittes maues Spiel in Folge. Das
Wohlwollen der Fans, das man mit Fashion Nugget erspielt hat, hat man nun längst
wieder verspielt. Es wird höchste Zeit für einen neuen Trainer. Oder ein Wunder.
Sonst ist und bleibt die Band aus Sacramento auf ewig ein One-CD-Wonder.
+ + +
16.10.2004: Netzwerk Rimbaud
Mittwoch, den 20.10.1004, wäre Arthur Rimbauds 150. Geburtstag. Da es
deutschlandweit leider kaum Veranstaltungen zu diesem Jubeljahrestag geben wird
- entweder weil wir unser Jubelpulver auf andere Dichter verschossen haben oder
weil mit dem Namen Rimbaud offenbar kein Staat zu machen ist, und das, obwohl er
einer der einflußreichsten Lyriker des 19. Jahrhunderts war, einer der wenigen
Lyriker überhaupt, deren Einfluß sich über dies und das anverwandte Medium Musik
ungebrochen bis in unsere Tage fortgesetzt hat -, haben einige
SchriftstellerInnen beschlossen, ein Netzwerk Rimbaud
einzurichten.
Das ganze soll wie folgt aussehen: Ab Mittwoch, 20.10., 0:00 Uhr bis 24:00
Uhr soll statt der eigenen Homepage eine selbstgestaltete und -getextete
Page zu Arthur Rimbaud im Netz stehen. Mit Homepage ist in diesem Fall die
Startpage gemeint - weiterverlinken könnt Ihr Eure eigenen Seiten natürlich von
dort aus. Aber beim Aufrufen Eurer HP sollte während dieser 24 Stunden als
erstes die Rimbaud-Seite auftauchen.
Anschließend können die Pages natürlich auch archiviert werden, um eine
Dokumentation des ganzen zu besitzen. Man weiß nie, wozu dergleichen gut ist -
ich denke beispielsweise an künftige Zusammenarbeit mit Deutsch-Französischen
Instituten. Diese Doku kann entweder an zentraler Stelle erfolgen - dazu würde
ich meine HP oder die bisher ungenutzten Seiten www.poetik.de anbieten - oder
auf den eigenen Seiten, möglichst mit dem Hinweis, am Netzwerk Rimbaud
teilgenommen zu haben, mit einer kurzen Info, worum es sich dabei überhaupt
handelte.
Was braucht Ihr also?
- Eine eigene Homepage, die Ihr auch mal für einen Tag zu verändern bereit seid
- und vergeßt nicht, Eure alte index.htm-Datei zu speichern, bevor Ihr sie für
diesen Tag überschreibt, sonst gibt's ein gar böses Erwachen.
- Gedanken, Texte, Bilder, Musik zu Rimbaud. Eigene oder fremde. Seherische oder
sucherische.
Wenn Ihr am Netzwerk Rimbaud teilnehmen wollt, sendet zunächst
eine Mail an Martin von Arndt:
Rimbaud|AT|vonarndt.de (das |AT| bitte ersetzen durch @)
Auf meiner eigenen HP www.vonarndt.de werde ich am Mittwoch die Links zu allen
teilnehmenden Seiten einstellen.
Um für Verbreitung der gesamten, recht kurzfristig angelegten Aktion zu sorgen,
bitte ich Euch, diesen Text flächendeckend zu verteilen.
Schnellinfo:
Rimbaud, Jean Nicolas Arthur, französischer Dichter, Charleville
20.10.1854 - Marseille 10.11. 1891; gilt als faszinierendste Figur der
literarischen Moderne: explosiv, rätselhaft, provokant. Nach frühem Ausbruch aus
dem bigotten Provinzmilieu in die Pariser Boheme und einer turbulent-skandalösen
Liaison mit Paul Verlaine (1871-73) folgten der Abbruch des Dichtens nach nur
vier Jahren, unruhiges Umherreisen (England, Deutschland, Italien, Java,
Skandinavien, Zypern), diverse Metiers (Sprachlehrer, Söldner,
Zirkusdolmetscher, Steinbruchaufseher), zuletzt (1880-91) eine Anstellung bei
europäischen Handelshäusern in Aden und Harar (Handel mit Kaffee und Häuten,
Waffenschmuggel, Expeditionen nach Schoa und Somaliland; Forschungsberichte);
kehrte schwerkrank nach Frankreich zurück.
Extrem verlief auch Rimbauds literarische Entwicklung. Auf frühe Gedichte in der
Tradition von Romantik und Parnasse folgte die radikale Revolte gegen den
bürgerlichen Kosmos schlechthin. Schon die »Lettres du voyant« (1871,
»Seher-Briefe«) formulieren poetische Positionen, die den Text und die Welt aus
den Angeln zu heben suchen: Die »Entsubjektivierung« der Poesie lässt den
Dichter zum Seher werden; er setzt sich physisch-psychischen Grenzerfahrungen
aus und schaut neue, fremde Welten, Chaos und Transzendenz jenseits
technisch-wissenschaftlicher Rationalität. Neu, universal, verfremdend und von
düsterer Schönheit ist auch die Sprache, in der diese Visionen ihren Ausdruck
finden: »Le bâteau ivre« (1871, »Das trunkene Schiff«), »Les illuminations«
(1872-74?, »Illuminationen«), »Une saison en enfer« (1873, »Eine Zeit in der
Hölle«) sind Schlüsseltexte der Moderne; Entgrenzung, Fragmentierung, Zerstörung
Schlüsselwörter rimbaudschen Dichtens, das durch rhythmische Prosa statt
strenger Metren, sinnlich scharfe, doch irreale Bilder, semantische
Inkongruenzen und schrille Dissonanzen zwischen Klangmelodie und Aussagegehalt
sowie äußerst verknappte Syntax gekennzeichnet ist.
(Bibliographisches Institut Brockhaus)
+ + +
07.10.2004: Wieder nix, Du armer Phil
Und schon wieder geht ein Jahr ins Land und Philip Roth hat den Nobelpreis für Literatur nicht gewonnen. Sowas Dummes aber auch. Ausgebootet worden zu sein von Leuten, die aus Ländern kommen, die man nicht kennt (Hungarien?), nicht zur Kenntnis nimmt (Afrika, Süd) oder die allenfalls dazu da sind, wellenartige Walzerlaute hervorzubringen. Und was ist das überhaupt, ein Jellyneck? Klingt irgendwie schwabbelig, oder?
So wird das jedenfalls nichts mehr, lieber Phil. Jetzt ist nämlich erstmal ein Asiate dran oder der dickste Lyriker Ozeaniens, und der nächste Amerikaner ist dann wieder eine Frau, eine Latina. Ich denke, die 1000 $ Wettgebühr hab ich schon sicher.
MfG MvA
+ + +
30.09.2004: Merkbuch für Invasoren
Unfaßbaren Charme entwickelt ein im Irak im Umlauf befindlicher Visual Language Survival Guide, der nicht nur künstlerisch wertvoll ist, sondern auch lehrt: der Terrorist trägt Schnauzer und Perücke und sieht immer irgendwie aus wie ein abgefeimter Ausländer.

+ + +
02.09.2004: Björk: Medulla - Schön. Anstrengend. Und nicht überzeugend.
Nachdem die letzten drei Jahre wenig von ihr zu hören war - zumindest wenig Fachnahes - legt Björk nun mit "Medulla" ein Album vor, das - fast wäre man veranlaßt zu sagen: mal wieder - ordentlich aus der Reihe tanzt. Oder eher nicht tanzt. Von Tanzen kann hier recht eigentlich gar nicht die Rede sein.
Mit Geräusch-Loops zu arbeiten ist nichts Neues für die Isländerin, schon der Soundtrack zum filmisch entsetzlichen "Dancer in the dark" basierte auf Alltagsgeräuschen, die rhythmisiert wurden und Veranlassung gaben für die eingesprengten Gesangs- und Tanzeinlagen. Auf "Medulla" geht Björk nun indes konsequent ihren Weg, auf jegliche Instrumentierung und "Orchestrierung" zu verzichten. Ihr Konzept lautet: nur die menschliche Stimme sei zu hören. Die Stimme: zerhackt (die Funkaussetzer eines Mobile-Gesprächs) wird sie zum Rhythmusloop, kurze synthetisierte Passagen geben die Begleitung ab, darüber steht, produktionstechnisch erhaben wie eh und je, Björks Gesang. Und auch der wie gewohnt: eigen, eigenwillig, eigenartig, eigenverliebt.
Neben Vokalartistinnen wie Diamanda Galás oder Meredith Monk, die sich schon in den 80ern den Raum geschaffen haben für ihre künstlerischen Kreationen, dafür allerdings auch immer buchstäblich am Existenzminimum kratzten, wirkt Björks Musikwelt irgendwie angestrengt, ausgeborgt, bemüht um Andersartigkeit in dieser ziemlich oberflächlichen und glatten Popwelt der Nuller-Jahre. Ob es "Medulla" wirklich gelingen wird, einem größeren Publikum diese neutönerischen Formen nahezubringen, steht auf einem anderen Blatt. Wahrscheinlich hängt auch das, wie alles, vom rechten Marketing ab. Gut und groß ist eben, was beworben wird.
Sicher ist, daß ich gespannt war wie ein Flitzbogen auf die Gastsänger: Mike Patton (Ex-Faith No More, Tomahawk), Mark Bell (LFO) und Robert Wyatt (u.a. Soft Machine). Nach viermaligem Hören frage ich mich nun allerdings doch recht enttäuscht, wo um alles in der Welt ihre Stimmen versteckt sind. Und ob es nicht günstiger gewesen wäre, sie einfach von CD zu sampeln. Zu viel Tamtam. Zu wenig Ergebnis.
Immerhin gelingen Björk auf "Medulla" einige kleine Perlen, die in der allgemeinen Stimmung allzu rasch überhört werden könnten: das atmosphärische "Vökuro", das an altnorwegisch-isländische Volksgesänge angelehnt zu sein scheint, die wunderschöne Ballade "Oceania" oder "Triumph of the heart", der Videoauskopplung, einem der humorigsten und poppigsten Stücke Björks seit "Debut".
Trotzdem überwiegt für den nicht eingefleischten Fan - und der bin ich nicht - das Gefühl, daß "Medulla" nicht ganz durchgearbeitet ist, eventuell ein Schnellschuß, trotz jahrelanger Vorbereitung.
Oder die Idee Vokalsymphonie trägt nicht. So nicht. Oder noch nicht.
+ + +
25.08.2004: Unter meinem Leselämpchen...
... liegt gerade Wolfgang Hildesheimer: Tynset. 250 Seiten starke Erzählung, für die Hildesheimer den Büchner-Preis 1966 erhalten hat. Und das absolut gerechtfertigt, selbst wenn er nichts anderes geschrieben hätte. - Tynset ist ein Nachtmonolog (durchaus in der Tradition von Nossacks Spirale), der immerhin stilisierte innere Monolog einer schlaflosen Nacht, der ebenso viel Witz wie Metaphysik besitzt, an die Grenzen des Unsagbaren reicht und sie landauswärts verschiebt. Hildesheimer ist ein Wortgewaltiger. Davon zeugt Tynset.
+ + +
20.08.2004: Olympia ist langweilig
Ich weiß nicht, woran es liegt: ich finde heuer keinen Bezug zur Olympiade. Ob die deutschen Wasserballer Griechenland bügeln oder das Hockeyteam Pakistan, ob die Australier alle gedopt sind oder Mutantenklopse und ob die Griechen ihre Leichtathleten an und für sich aus der Kappe heraus pudern, daß sie mit ihren Motorrädern gegeneinander oder gegen Heulbojen fahren: mir egal. Alles egal. Ich mag nicht mal mehr Rudern sehen ("Der
echte Kanufahrer rudert mit den Händen").
Woran liegt's? Der sportliche Overkill dieses Jahres, den man leichthin schon während der EM spüren konnte? Die Tatsache, daß man sich seit über zwei Monaten pausenlos sesselfurzend der schönsten Nebensache hingeben konnte? Und jetzt gern wieder einmal die Hauptsache hätte?
Oder die Tatsache, daß es einfach keine schönen Sportarten mehr gibt?
Tauziehen zum Beispiel.

Die Tauziehfreunde Rieden e.V.: Wer würde mit diesen smarten Herren nicht gern sein Tau schwingen? Wichtig: der hypnotische Blick, der den Gegner zum Karnickel vor der Schlange macht, demonstriert von Günther H. (unten Mitte).
Oder Tauhangeln. Und dabei nicht vergessen: die Beine schön durchstrecken, sonst gibt's Abzüge in der B-Note.

Noch besser: Hindernisschwimmen. Motorbootrennen. Ja: Schießen auf den laufenden Hirsch.

Schwedens siegreiche Mannschaft im Schießen auf den laufenden Hirsch in Stockholm 1912.
Jedenfalls würde ich mich dem Zauber eines 12km-Motorbootrennens oder Synchron-Tauhangels nicht so leicht entziehen können wie dem Quark auf Stelzen,
den ich in den letzten Tagen gesehen habe.
Quark aufstelzen wäre übrigens auch eine hübsche Sportart. 100m Quark aufstelzen (Mannschaft): Gold: Trinidad, Silber: Azerbaidjan, Bronze: Nauru. Disqualifikation wegen Verwendung von Topfen: Österreich.
Quelle der Olympiabilder: Olympia-Lexikon
+ + +
16.08.2004: Ostarrihi strikes back
A E I O U
(Friedrich III. Signet auf Wiener Prunkbauten)
Austria erit in orbe ultima: Alles Erdreich ist Österreich untertan.
A E I O V
(Der Volksmund)
Als Erstes Ist Oesterreich Verloren.
Dekret einer Gruppe von fünf österreichischen Autoren und einem Germanisten über die NÖR, die Neue Österreichische Rechtschreibung:
Die Unterzeichneten fordern die Bundesregierung auf,
1. dafür zu sorgen, daß die Liste der 23 offiziell von der EU anerkannten
"österreichischen" Wörter erweitert und die Sprache der Bewohner und
Bewohnerinnen dieses Landes nicht als eine bloße Vokabelsammlung verstanden wird
2. keine weiteren finanziellen Mittel für die "deutsche Rechtschreibreform" zur
Verfügung zu stellen - keine Gelder für eine Rücknahme, auch keine für eine
Volksabstimmung über "alt" oder "neu"! -, sich auch in Zukunft an keiner
"deutschen Rechtschreibreform" mehr zu beteiligen und die eingesparten Mittel
für die Förderung eines österreichischen und europäischen Sprachbewußtseins zu
verwenden
3. alles daran zu setzen, das 1950 von Felix Hurdes und Ernst Fischer
initiierte, mittlerweile in 39 Auflagen erschienene "Österreichische Wörterbuch"
den zuständigen EU-Kanzleien in einer Weise bekanntzumachen, daß in Zukunft
Skurrilitäten wie der sogenannte "Marmeladenstreit" einfürallemal vermieden
werden (Bei dem Versuch, für alle Länder der EU die Bezeichnung für "Marmelade"
zu regeln, wurde Österreich zunächst "Konfitüre" vorgeschrieben, was erst nach
tagelangen Schlagzeilengefechten und Interventionen auf höchster politischer
Ebene geändert werden konnte)
4. Untersuchungen durchführen zu lassen und Meinungsbildungsprozesse zu fördern,
die der Frage nachgehen, ob die Bewohner und Bewohnerinnen dieses Landes ihre
sprachlichen Eigenarten nicht nur sprechen, sondern auch schreiben wollen
5. bei einem positiven Ergebnis dieser Untersuchungen ein - aus Schriftstellern
und Schriftstellerinnen, Sprachwissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen
sowie Vertretern und Vertreterinnen anderer sprachinteressierter Gruppen
zusammengesetztes - Gremium mit der Entwicklung einer österreichischen
Schriftsprache zu beauftragen; bei dieser Arbeit sollte darauf geachtet werden,
aus den Fehlern der deutschen Rechtschreibreform zu lernen, den europäischen
Kontext und die eigene multilinguale Vergangenheit in Betracht zu ziehen sowie
insbesondere von Anfang an auf eine demokratische Vorgangsweise Wert zu legen.
6. nach Vorliegen eines positiven Arbeitsergebnisses dieses Gremiums dafür zu
sorgen, daß die in der Verfassung verankerte Formulierung "Die Staatssprache ist
Deutsch" ersetzt wird durch a) "Die Staatssprache ist Österreichisch in einem
europäischen Kontext" oder b) "Die Staatssprache ist Österreichisches Deutsch
...." oder c) "Die Staatssprachen sind Deutsch und Österreichisch ..." sowie
7. schließlich alles dafür zu tun, die Sprache der Bewohner und Bewohnerinnen
dieses Landes als eigenständige EU-Sprache durchzusetzen.
+ + +
10.08.2004: Unter meinem Leselämpchen...
... liegt derzeit Jürgen Lodemann: Siegfried und Krimhild. Ein Buch, nicht nur für Germanisten: das äußerst charmante und sprachlich opulente Romanwerk hält neue, tiefe Einblicke auf den sicherlich nicht ältesten, dafür aber wichtigsten germanisch-altdeutschen Sagenstoff bereit. Eintauchen ins Lesevergnügen ist garantiert, schon allein wegen der Länge (900 Seiten).
+ + +
05.08.2004: Rudolf Stirn ist tot
Letzten Freitag ist Rudolf Stirn seiner kurzen, aber umso wütenderen Krankheit erlegen.
Da ich mich immer schwer tue mit Nekrologen, aber besonders mit diesem, weil dieser Tod mir sehr nahe geht, möchte ich hier anstelle dessen einen Pressetext des Vorsitzenden des Verbands deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg Imre Török einstellen.
Zum Tode von Rudolf Stirn
Rudolf Stirn, 1938 in Stuttgart geboren, Schriftsteller und Kleinverleger belletristischer Bücher, ist am 30. Juli 2004 gestorben.
Annähernd zwei Jahrzehnte lang leitete er in Weissach i. T. den Alkyon Verlag und bot vor allem vielen Autorinnen und Autoren aus Baden-Württemberg eine verlegerische Heimat. Unter den rund 100 Schriftstellern, die Rudolf Stirn über Jahre literarische betreute, finden sich bekannte Namen wie Margarete Hannsmann, Johannes Poethen, Irmela Brender, Lotte Betheke, Matthias Kehle u.a.
Der wohl namhafteste Dichter des bundesweit agierenden Alkyon Verlags ist der Moskauer Wjatscheslaw Kuprianow, dessen Lyrikband sogar auf Platz eins der Bestenliste des SWR stand.
Rudolf Stirn publizierte auch zahlreiche Erstveröffentlichungen, mit seiner verlegerischen Tätigkeit förderte er junge Talente und die regionale Literatur. In einer sich verengenden Verlagslandschaft hat ihm die Literaturszene in Baden-Württemberg viel zu verdanken: Nur wenige (kleine) Verlage leisteten sich noch den Luxus, ein umfangreiches Programm von ca. 200 Büchern, dabei viele neu entdeckte Autoren in Miniauflage, sehr langfristig verfügbar zu halten.
Selbst Autor zahlreicher Bücher (Romane, Erzählungen, Theaterstücke), Übersetzer und ein intensiver Kenner des Werkes von Franz Kafka, mit dem sich einige seiner Publikationen beschäftigen, kannte Rudolf Stirn aus eigenem Erleben die Schwierigkeit, für die Literatur am Rande der marktgerecht beackerten Monokulturen zu werben und ein aufgeschlossenes Publikum zu finden.
In der Literaturlandschaft im Südwesten wird er als Landvermesser, Gestalter und Gärtner fehlen.
Rudolf Stirn wird am 6. August 2004 beerdigt.
Imre Török
+ + +
04.08.2004: Der glatte Wahn: Griechenland tobt Olympia entgegen
(Dank an Karla Reimert für den Linktip.)
Die Zitterpartie geht weiter: werden die wachgewordenen Hellenen es noch rechtzeitig schaffen, die zweiten Olympischen Spiele der Neuzeit auszutragen? Und werden sie auch an den Sportstätten ausgetragen werden, die dafür vorgesehen waren? Oder müssen Kinderspielplätze (Weitsprung, Diskuswerfen), Autowaschanlagen (Kanusport) und Finanzamtflure (20km Gehen) zweckentfremdet werden?
Auch wenn wir nicht alle daran glauben, daß man rechtzeitig fertig wird (ebensowenig wie wir daran glaubten, daß sich die griechische Mannschaft qualifiziert für eine EM-Endrunde im Fußball): einstweilen überrascht uns Griechenland mit heiligem Geschwafelzauber. Die Seiten der griechischen Kulturolympiade stellen den wunderschönen Versuch dar, Heideggers Sohn und Kants Tochter mit einem Bratenwender zu kreuzen.
Worum geht es? Ich weiß es nicht. Am besten, ich zitiere mal den Beginn des "Infotexts":
Die ersten Olympischen Spiele des 21. Jahrhunderts und des 3. Jahrtausends, die Olympischen Spiele 2004 m Athen, verbinden Zukunft und Geschehe, da die Olympischen Spiele 2004 in ihr Geburtsland zurückkehren und ihre Authentizität in der lebendigen Erinnerung der historischen Stätten beanspruchen. Mit ihrer Heimkehr nach Griechenland finden die Olympischen Spiele 2004 ihre historische Seele wieder und knüpfen erneut am Grundgedanken des Olympismus an.
So weit so gut. Das war der Bratenwender. Aber jetzt kommt bereits Heidegger ins Spiel:
Jede Stadt und jedes Land, das die Organisation der Olympischen Spiele, des weltweit größten Sportereignisses übernimmt, darf und muss seine kulturelle Physiognomie aufzeigen und seine echtesten Aspekte best möglichst vorführen
Und weiter:
Für Griechenland, ist die Kulturolympiade, die den gesamten Zeitraum von 2001 bis 2004 deckt, nicht nur eine zusätzliche Veranstaltung zur olympischen Vorbereitung, sondern ihre Substanz an sich.
WAAAAS?
Die Kulturolympiade ist nicht etwa ein weiteres Festival oder eine nationale Veranstaltung von griechischem oder bellenozentris-cbem (!) Charakter. Sie ist ein Ereignis mit weltweiter Ausstrahlung, das seinen zentralen Schwerpunkt in Griechenland und den Olympischen Spielen 2004 hat.
Die Topographie der Kulturolympiade ist eine authentische Topographie des griechischen Raumes als universalem Ansatzpunkt.
Aber das ist bei weitem noch nicht genug des unverblümten Irrsinns, denn:
Es ist offensichtlich, dass die Kulturolympiade sich nicht auf die Quantität und die Dichte der Veranstaltungen abstützt, sondern auf ihre symbolische und kommunikative Reichweite.
Dann folgt aus kryptischen Gründen ein Foto, das eine junge Tänzerin in Braun zeigt, die die Rechte geschmeidig zum Trinkgeldannehmen ausstreckt. Daneben finden sich die schönen Worte:
Zentrale Botschaft ist die Notwendigkeit
(Das würde Kant sicher gefallen.)
Das Wort in Form von Erzählung erklärt die Welt und in Form von Wissenschaft revidiert es sich selbst.
(Das würde er wiederum nicht gern hören.)
Es geht also ans Eingemachte in Athen. Nur wissen wir noch immer nicht, woraus dies Eingemachte denn eigentlich gemacht ist. Darüber erhalten wir folgenden Aufschluß unter der Überschrift
"Masterplan". Es sollen: Internationale Treffen und Kongresse veranstaltet werden, große Ausstellungen und Kunsthappenings, große Theater- und Tanzveranstaltungen, große Musik- und Opernaufführungen, Filmfestival, Audiovisuelle Kreationen, Digital-Art-Festival, Alternative Kunstformen, Art Brut, Arbeiten von "eingesperrten Künstlern"
(!).
Reizend.
Preise werden im antiken Olympia vom Internationalen Komitee der "Stiftung Kulturolympiade" Persönlichkeiten verliehen, die einen herausragenden Beitrag m tobenden Bereichen (z.B. von den
"eingesperrten Künstlern"?) geleistet haben.
Die Preise werden von großen internationalen Institutionen vergeben und von einschlägigen "Olympischen Vorträfen" (Vorstrafen?) über die Kultur im Besinn der dritten Jahrtausends begleitet.
Die Kulturolympiade strahlt weitweit durch organisierte "Pfade" aus, die entweder real oder virtuell sind.
Ob real oder virtuell: Griechenland stiftet mal wieder Verwirrung. Der glatte Wahn, den sich die Hellenen da wieder ausgedacht haben. Wer sich ernsthaft an einer Hermeneutik des Texts versuchen möchte, nachfolgend lasse ich ein wenig
Raum für eigene Notizen:
+ + +
12.07.2004: Ich wechsle die Tankstelle
Und das wird mir schwerfallen, schließlich bin ich dort Kunde, seit ich denken kann.
Es fing 1972 an, mit dem ersten selbstgekauften Eis am Stiel. Später kamen Donald Duck-Hefte dazu, das Eis war jetzt häufig in bedenklichen psychedelischen Farbkombinationen designt (Biene Maja, Pinocchio, Frogger), und dann, Ende der 80er, wurde ich hier sogar zum Steuerzahler wider Willen sozialisiert und habe diese Benzinbude, immer wenn ich in der Gegend war, mit meinen klingenden Münzen und meinen krachenden Kreditkarten im Austausch gegen immer sanftere Kraftstoffe (Super verbleit, Super Plus, Benzin, Jägermeister) gemästet.
Aber itzo habe ich beschlossen, die Tankstelle zu wechseln.
Und das aus sehr einfachem Grunde, auch wenn es mir schwerfallen wird: ich bin heute zum dritten Mal dafür angeblafft worden, daß ich mehr als sechs Pfandflaschen einlösen wollte. Ich dachte mir schon, Mensch mit unentwegt schlechtem Gewissen, der ich nunmal bin, daß ich zunächst vom einfachen Pfandlöser zum guten Kunden werden müsse und betankte mein Auto für reichlich 40 Eur. Als ich dann mit meinen 22 Bierflaschen und einem wesentlich besseren Gefühl die Servicestation betrat, passierte allerdings, was eben zuvor schon passiert war: "Können Sie nicht früher kommen?" - "Wie früher?" - "Na, früher eben." - "Sie meinen, bevor ich das Bier getrunken habe?" - "Nein, oje, das ist nicht witzig." - "Ich find's ehrlich gesagt auch nicht witzig. Was meinen Sie denn mit früher? Früher am Tag?" - "Nein, daß sich nicht so viele Flaschen ansammeln." - "Schwierig, da muß erst einmal die Hausgemeinschaft alle leeren Flaschen zusammentragen, und dann kommt bei drei Parteien eben schnell mal eine solche Menge zusammen. [Und der Dumme, der das wegtragen muß, bin immer ich, Anm. des Autors] Aber es sind genau 22..." - "Das ist nicht witzig!"
Nein. Wahrlich, wahrlich: das ist nicht witzig.
Ich weiß auch nicht, was die betagte Dame mit ihrem Witz hatte. Das sollte ja keiner sein. Ich kenne kaum etwas, das ich noch weniger witzig fände als Pfand einzulösen.
Nach ca. zwei Minuten Fluchen und Stöhnen ohne Unterlaß gab sie mir endlich die zwei Einkaufstüten wieder zurück, hatte zehn Flaschen angenommen, den Rest verweigert. Angeblich weil sie hier nicht verkauft worden seien. Ich erinnerte sie daran, daß das Pfandsystem ja genau deshalb vor kurzem vereinfacht worden sei, daß man Ware, die man an einer Tankstelle der Firma XY in HH erworben hatte, nun auch bei XY in GAP wieder einlösen könne, sie aber blieb unbeirrt, um nicht zu sagen: sie erhöhte gar die Schlagzahl an Flüchen und schwäbisch zwischen den Zähnen Gezischtem.
Mir reicht es jetzt jedenfalls. Lebwohl, Du zuckrige Pinocchio-Erinnerung, Du Zuträger von wertvollen archäologischen Erstinformationen, deren Helden stets Tick, Trick und Track hießen. Leb auch wohl, Du erster Blick auf die gewaltigen Brüste der St.Pauli-Nachrichten. Ich werde mir künftig den Tiger in den Tank packen. Ohne Erinnerung zwar. Dafür mit Pfandzurück-Garantie.
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04.07.2004: Der Kanzlerwahlverein läßt grüßen. Die neue Kritikfähigkeit der SPD.
Der Umbau der SPD zu einer "modernen Partei" wird mittlerweile offenbar von zwei Faktoren bestimmt: neben der forcierten Medienarbeit (Aalglatt und blitzsauber geraten: Sozialdemokraten, Sozialdemokraten) auch durch die Neustrukturierung hin zu einem Wahlverein nach amerikanischem Vorbild.
Wie anders wären Äußerungen zu deuten, die in Richtung Ver.di-Spitze gerichtet sind, eigentlich aber alle Formen von Einspruch betreffen, und deutlich zeigen sollen, wo hier der Hammer hängt: "Wenn Bsirske noch einmal gegen Schröder hetzt, treten wir aus", so kolportiert der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Gerd Andres, der selbst zum Austritt aus Ver.di aufruft, die Meinung einiger führender SPD-Politiker und Noch-Gewerkschafter. Und Bundestags-Vizepräsidentin Susanne Kastner setzt einen drauf, indem sie erklärt, sie "bezahle keine Gewerkschaft, die mir dreimal am Tag erklärt, wie blöd ich als Politikerin bin."
Spannend. Jetzt ist man sich schon nicht mehr zu fein, mit schlagenden Argumenten nach dem Motto: "Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst, wählst du auch, was ich wähle, Söhnchen" zu kontern. Ist das die neue Art Leidens- und Kritikfähigkeit in diesem Land? Klingt das nach SPD? Schröder hat ja schon seit geraumer Zeit jede Form von Kritik, v.a. interner, mit der Vertrauensfrage, mit Rücktrittsdrohungen beantwortet. Aber mittlerweile muß er gar nicht mehr selbst die beleidigte Leberwurst spielen und die Diva, jetzt übernimmt das der Vorstand. Ist auch bequemer für ihn.
Naja, und eigentlich reagiert man so auch bereits auf drohende externe Kritik. Eine total gute Strategie, um Regierungsfähigkeit zu beweisen. Echt.
Aber bleiben wir doch mal bei der internen Kritik. Schließlich ist das bunte Spiel, das die Sozialdemokraten hier gerade spielen, viel interessanter.
Woran erinnert mich das bloß, diese Form der "Kritikfähigkeit"?
▪ "Wer nicht für mich ist, ist wider mich." Koalitionen von Willigen und Unwilligen.
▪ "Die Partei hat immer recht." Aber damit war doch einst eine ganz andere Partei gemeint, oder?
▪ "Der treue Parteisoldat hat sich vor Ort zu engagieren, die alltägliche Dreckarbeit zu verrichten und im übrigen das Maul zu halten, abzunicken, was mit Segen von oben kommt, und das Kreuz bei Bedarf an die rechte Stelle zu setzen."
Oder kurz: er hat Mitglied eines Kanzlerwahlvereins zu sein.
Das klingt allerdings alles nicht nach Deutschland. Zumindest nicht nach dem Deutschland, wofür die SPD jahrzehntelang stand und zu dessen konsequentesten Gründern sie einst zählte. Kanzlerwahlvereine und Koalitionen von Unwilligen sollte man wirklich den Amerikanern überlassen. Das können sie besser. Weil sie darin seit über einem Jahrhundert geübt sind.
Zudem sind Wahlvereine etwas zutiefst ärgerliches, undemokratisches und unattraktives. Noch dazu, wenn es sich um einen Wahlverein für einen Kanzler handelt, der zweifelsohne zu den überzeugendsten Selbstdarstellern in diesem Land gehört, dessen Teamfähigkeit allerdings ebenso saumiserabel ist wie seine politische Außendarstellung, die unterdessen sogar alte SPD-Recken aus der ersten Regierungsära auf die Palme bringt. Hätte man damals so unpräzise und unkonzise gearbeitet, hätte man ganz früh abgewirtschaftet, und die Tatsache, daß sich 2004 bislang noch kein zweites 1982 mitsamt parlamentarischem Mißtrauensvotum ankündigt, ist allein darauf zurückzuführen, daß die CDU derzeit bestenfalls ein Stall aufgescheuchter Hornochsen ist, mit derselben Regierungs- und Oppositionskompetenz wie ein Stall aufgescheuchter Hornochsen, der seinem Fleischer jeden Tag dafür dankt, nicht auf der Schlachtplatte gelandet zu sein. Na, Mahlzeit.
Ich hoffe jedenfalls sehr, daß die neue Wahlalternative sich rasch als neue Linkspartei formiert, die auch für Westler wählbar sein wird. Immerhin liegt nach einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap der Anteil ehemaliger SPD-Wähler, der sich vorstellen könnte, diese neue Linkspartei zu wählen, bei schmucken 50%. Bei den bis 25jährigen gar bei fast 60%. Alle, mit denen ich darüber in den letzten Wochen gesprochen habe, hatten in der Tat ein Kribbeln im Bauch - ein Gefühl, ähnlich dem von 1998, als ein Ruck durch die Linksdenkenden dieses Landes gegangen ist, als man sich einig darin war, daß man es jetzt mit gemeinsamer Anstrengung schaffen werde, diese Kohl-Regierung mitsamt ihrer betonierten gesellschaftlichen Verarmung und geistigen Verödung in die Wüste zu schicken. Das Gefühl, daß wieder "alles möglich ist". Seitdem hat uns die Lethargie heimgesucht.
Jetzt riecht es also wieder nach Morgenluft. Man nutze die Gunst der Stunde. Ich werde jedenfalls alles daran setzen und mein geringes Gewicht mit in die Waagschale werfen, damit diese neue Linkspartei eine Zukunft haben wird.
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30.06.2004: Fern.Weh.
Heute, in der Auslage eines Reisebüros vor dem Plakat eines Schlosses an der Loire:
"In Frankreich gibt es viele berühmte Schlosser und Bürgen."
Nicht heute, auf einem Schild in Gibraltar:
"Bitte nicht die Affen futtern."
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28.06.2004: Eine Häschenschule ist eine Häschenschule ist eine Häschenschule
Sympathie pur erntet Verena Carl für ihren Artikel über das Autorencoaching beim diesjährigen Textschaulaufen in Klagenfurt. Nicht nur, daß sie in kongenialer Weise ihre stilisierte, versuchsweise selbstironische Bescheidenheit mit Beschränktheit oder Bräsigkeit verwechselt, nein, sie schafft es auch, allerdings unabsichtlich, die wirklich unsympathischen Figuren, die Klagenfurt zu dem machen, was es ist, zu dem zu machen, was sie sind: eine Horde kulturbourgeoiser Zombies, immer auf dem Sprung, nach jungem Hirn zu gehen. Daß die Ärmsten dabei regelmäßig zu verhungern drohen, sollte man ihnen nun gleichwohl nicht anlasten. Sagt die Autorin. Oder auch nicht. Sagt die Autorin.
Eigentlich sagt die Autorin in ihrem Artikel mit erstaunlichen 10.000 Zeichen sowieso überhaupt nichts, aber dies Nichts versetzt so mancher ihrer Kolleginnen und manchem ihrer Kollegen einen ganz ganz tiefen Schlag in die Magengrube. Das Schnuckelchen der Woche: Verena Carl. Nächstens kehren wir aber bitte wieder zu den harmlosen Kurzgeschichtchen zurück, gelt, sonst bleibt der SPIEGEL auf Dauer ungenießbar, liebe Vreni.
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24.06.2004: Portugal - England 27:26 nach Herzattacken
Heiliger Gott! Nach diesem Fußballkrimi heute abend möchte ich Dir danken, daß Du Deinen Mantel der Barmherzigkeit über das deutsche Team gebreitet und es rechtzeitig aus Portugal abberufen hast, bevor es von solchen Mannschaften dahingemetzelt worden wäre. Amen. Amen. Dreimal Amen.
Nachtrag aus der Rubrik Sportreporter - Sprachartisten: "Wenn Sie einen Franzosen sehen, der sich bewegt, dann sagen Sie mir Bescheid." (Steffen Simon)
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16.06.2004: Ich geh mal austreten
Wäre ich nicht schon vor Jahren aus der SPD ausgetreten, spätestens jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür.
Wie Väterchen Zufall es will, klingelt bei mir seit gestern pausenlos das Telefon. Es meldet sich eine Menge guter Freunde ebenso wie loser Bekannter, die mich fragen, wie man nun aus der Partei austreten kann und ob es wichtig ist, das Parteibuch dabei mitzubringen.
Anlaß sind die Parteiausschlußverfahren gegen Kritiker in den eigenen Reihen, die die bayerische SPD seit gestern ausgesprochen hat.
Bislang war die SPD geprägt von innerparteilicher Auseinandersetzung - von manchen auch als "Flügelkampf" bezichtigt (aber in welcher Partei gäbe es den nicht, das taugt also kaum als unterscheidendes Merkmal) - und sie unterschied sich von anderen auch dadurch, daß keine strenge Maulhalten-und-Weiterdienen-Linie verfolgt wurde. Man könnte auch sagen, Parteidisziplin war hier längst nicht alles, das hat die Partei u.a. frisch gehalten in den 140 Jahren seit ihrer Gründung und sie von jedem streng hierarchischen Führerprinzip fern gehalten.
Damit ist jetzt wohl endgültig Schluß. Der gute Parteisoldat hat zu marschieren und den Befehlen zu gehorchen. Auseinandergesetzt wird nicht mehr, stattdessen beruft man sich auf den Gesetzesparagraphen ("Wer im Sinne einer Parteispaltung agitiert, fliegt"), ungeachtet daß diese "Agitation" die längste Zeit als bloße Warnung gedacht war. Haltlosigkeit und Hilflosigkeit pur.
Naja, und die Tatsache, daß sich die Verfahren allesamt gegen Gewerkschaftler richten, ist auch nicht gerade ein intelligenter Schritt auf dem Weg, sich die traditionellen Wählerschichten wiedererobern zu wollen.
Wer angesichts der Tatsache, daß einem der Wind ins Gesicht bläst, wirtschaftspolitisch, sozial- und finanzpolitisch, nicht einmal mehr in der Lage ist, mit Kritik aus den eigenen Reihen umzugehen, hat noch etwas ganz anderes verspielt als seine einstweilige Regierungsfähigkeit.
Nämlich schlicht und doch so pathetisch: seine Würde. Arme SPD.
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03.06.2004: Wilhelm Genazino erhält den Büchner-Preis
Unglück ist langweilig. (Wilhelm Genazino)
Von hier aus einen herzlichen Glückwunsch an meinen baden-württembergischen Kollegen Wilhelm Genazino zur Verleihung des Büchner-Preises. Endlich hat den mal jemand bekommen, der ihn so richtig von Grund auf verdient hat.
Für mich gehört Genazino zu den besten deutschen "Epikern" der letzten 50 Jahre, und daß er bisher eher im Schatten der deutschsprachigen Romanwelten gestanden ist, war für mich immer ein Grund zum Ärgern.
Genazino ist ein Meister der Prosa. Er beherrscht seine Klaviatur als melancholischer "Lyriker" ebenso wie als humoristischer Nörgler. Statt der allenthalben empfohlenen Abschaffel-Trilogie, mit der er in den 70ern erstmals literarischen Ruhm erntete, lest lieber "Ein Regenschirm für diesen Tag": Für mich eines der schlechthinnigen Top10 Bücher dieses jungen Jahrhunderts.
So ungefähr verlief mein Leben in den ersten Jahren. Meine Mutter schien mit dieser Ordnung einverstanden zu sein, was jedoch ein Irrtum war. Denn bald beendete ausgerechnet sie mein friedliches Leben bei ihr zu Hause und steckte mich in einen Kindergarten. Plötzlich waren sechsundzwanzig fremde Kinder um mich herum, die ich nie habe kennenlernen wollen. Zum ersten Mal gab es etwas, was ich nicht verstand. Das heißt, ich brachte es nicht in Übereinstimmung mit dem, was ich vom Leben und von meiner Mutter bis dahin verstanden zu haben glaubte. Ich brach diesen Versuch des Verstehens ab und suchte nach einem anderen Anfang, der besser zu dem bereits Verstandenen paßte. Auf diese Weise entstand die Vorstellung, daß ich von fast allem, was geschieht, immer nur dessen Anfang begreife. Bald war ich in viele, sich übereinanderschichtende Verstehensanfänge verstrickt, von denen ich nicht mehr sagen konnte, was sie mir eigentlich hatten erklären sollen. Bis heute breche ich das Verstehen ab, beziehungsweise ich gerate in eine Stimmung des kindlichen Wartens, wenn die Kompliziertheit überhandnimmt und ich auf einen neuen Anfang des Begreifens angewiesen bin. Das Problem dabei ist die riesige Menge des nur anfänglich Verstandenen, das sich in meinem Geist anhäuft.
(Aus: Ein Regenschirm für diesen Tag)
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19.05.2004: Was vom Tage übrig blieb (Aus dem Kopenhagener Tour-Tagebuch)
"Das war die beschissen schönste Hochzeit, die ich je gesehen habe. Und hoffentlich haben wir bald auch eine beschissen schöne Doppelbeerdigung" meint einer der Barkeeper unseres Kopenhagener Clubs kurz vorm Soundcheck, als er mir einen Rest vom Hochzeitsgesöff anbietet.
'The Royal Gift' nennt es sich. (Ob das Wort 'Gift' im Dänischen mehr nach dem Englischen oder mehr nach dem Deutschen gerät?) Er trinkt auf das jungvermählte Paar und darauf, daß es bald vom Erdboden verschwindet. Die überzeugtesten Antimonarchisten Dänemarks trifft man in Østerbro. Wenn sie nicht gerade vorm Fußballstadion des FC liegen und ihren Rausch ausschlafen.
Rote Papierschnitzel, weiße Papierschnitzel auf dem Andersens Boulevard. Um sein Denkmal herum konzentrieren sie sich zu Bergketten, den derzeit höchsten Erhebungen des Landes. Plastikfahnenhalter, die sich auf der Nørrebrogade im Wind wiegen und sich hier und da todesmutig in die Fluten stürzen. Das sonst so blitzsaubere Wasser des Peblinge Sø gesäumt von Strandbänken aus Tuborg-Flaschen, und entlang der Nørre Søgade, die wir auf und ab wackeln, um unseren Kater und das frühmorgendliche Aufstehen nach dem Gig zu überwinden (Frühstück bis 8.45 Uhr, ein ganz schlechter skandinavischer Scherz!), von Möwen und Enten nur unzureichend beseitigtes Erbrochenes, in das hier und da eine ganze Wurst oder eine Kugel Eis von der Waffel einer Vierjährigen fällt, die ihre nur wenig ältere Schwester fragt: "Ißt DU das noch?"
Um die Øster Søgade auf dem Rückweg zum Hotel überqueren zu können, stehen wir eine Viertelstunde an und müssen den Kopenhagen-Marathon vorbeidefilieren lassen. Oder das, was davon noch übrig geblieben ist: Halbtotes graues Fleisch, das sich im langsamen Trab der 35km-Marke entgegenschleppt, gezeichnete Gesichter, hervorquellende Augen, blaue Lippen, und ab und an strullt einer im Laufschritt auf der Stelle tretend an einen Baum (merkwürdigerweise ist es immer derselbe, natürlich derselbe Baum, nicht Läufer, vielleicht sind unsere männlichen Markierungsinstinkte intakter als wir immer glauben, oder es ist eine dänische Eigenart). Bei Kilometer 35 steht der letzte "Gatorade-Punkt", nochmal eine Chance, sich etwas zu trinken zu holen. Auf 400m Länge ist die Straße gesäumt mit weißen Plastikbechern, die in ein vielstimmiges weißes Plastikbecherkonzert einstimmen, sobald sich eine Brise erhebt und sie dem abschüssigen Teil des Pflasters entgegenkollern. Dazwischen wieder rot-weiße Fahnenreste, Möwen, das Faule im Staate Dänemark.
Der Marathon sorgt dafür, daß wir nur Spitz auf Knopf noch unseren Flieger erwischen. "Marathon much worse than marriage. When marriage everybody got to drink. When Marathon everybody got to queue" sagt unser tamilischer Taxifahrer, streicht über die in schreienden Farben gedruckte Plakette der Göttin Kali, die er an der Mittelkonsole befestigt hat, und flucht anschließend im Viertelstundentakt lautstark auf diese Tage. Und darauf, was von ihnen übrig geblieben ist.
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27.04.2004: Die Rechte der Autoren in der globalen Informationswirtschaft
Ein Offener Brief des EWC (European Writers' Congress) u.a.m. an das Europäische Parlament, die Europäische Kommission und den Europäischen Rat über die Rolle der Künste in einer globalisierten Welt (deutsche und englische Fassung). Sollte m.E. jede(r) schreibend Tätige wenigstens einmal zur Kenntnis genommen haben.
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30.3.2004: Sprachreporter : Sportartisten
Sportreporter haben eine Neigung zu blumiger Sprache. Wer, wenn nicht sie? Und deshalb lohnt es sich, von Zeit zu Zeit mal etwas genauer hinzuhören. Hier drei meiner Lieblinge der letzten Wochen:
Ersatztorwart Ünlü (Schalke 04): "Von der Bratwurst zum Filetstück."
Nach einem Foul von Beckham (Real Madrid): "Aaaah, der Schöne war das Biest!"
Roy Makaay (Bayern München): "Der Mann, der mit den Füßen spricht."
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11.3.2004: ETA oder nicht, das ist hier die Frage
Die Stimmen haben sich allzu früh allzu laut erhoben: die perfiden Bombenanschläge in der Madrider U-Bahn von heute morgen seien selbstverständlich mal wieder das Werk der baskischen Organisation Euskadi Ta Askatasuna. Auch das Motiv hatten die spanischen Offiziellen sofort bei der Hand: die Parlamentswahlen in drei Tagen.
Nun ist indes den spanischen Offiziellen nach den Ermächtigungsgesetzen gegen den politischen Arm der ETA - die Partei Herri Batasuna -, die Herr Aznar als Kampf gegen den Terror dekorierte und deshalb unter großer Beifallsbekundung aus Europa und den USA mehr oder weniger locker durch das Parlament schleifen konnte, ebenso gut zu glauben wie einem Kreter, der behauptet, alle Kreter seien Lügner.
Was spricht dafür? Zunächst nur die Tatsache, daß die ETA Anschläge im Vorfeld zu den Parlamentswahlen angekündigt hat. Der Sprengstoff ist derselbe, den auch die ETA benutzt.1 Punkt.
Was spricht dagegen? Eine ganze Menge:
▪ Ein Sprecher der ehemaligen Herri Batasuna, Arnaldo Otegi, hat verlautbaren lassen, daß die ETA keine solchen Anschläge geplant hatte.
▪ Die ETA hat noch nie ein Attentat in dieser Größenordnung durchgeführt. Und es ist fraglich, ob sie nach den gezielten paramilitärischen Schlägen der spanischen Regierung gegen ihre Mitglieder dazu überhaupt noch in der Lage ist.
▪ Die Art des Anschlags widerspricht in allem der "ETA-gängigen Praxis" (das klingt zynisch...). Zum einen warnt die ETA vor Anschlägen mit wenigstens einer halben Stunde Verzug, zum anderen verübt sie sie "objektgerichtet", d.h. gemeinhin als Autobomben, die gezielt gegen Einzelpersonen gerichtet sind, i.a. hochrangige Vertreter der spanischen Regierung oder mittelrangige Verwaltungsbeamte (was schlimm genug ist, da hat man oft ganz "kleine Lichter" getroffen). Daß nach den Bombenanschlägen auf spanische Touristeneinrichtungen im Süden, die keine Todesopfer forderten (was nicht maßgebliches Verdienst der Einsatzkräfte war), bereits von einer "Brutalisierung der ETA-Gewalt" die Rede war, nimmt nicht wunder, wenn man sich vor Augen hält, wes Geistes Kind die derzeitige spanische Regierung ist; viel wichtiger aber: mittlerweile sind Zweifel aufgekommen, ob diese Anschläge überhaupt auf das Konto der ETA
gehen; von einer Brutalisierung im Sinne gestreuter Gewalt gegen Unbeteiligte konnte bislang nicht die Rede sein.
▪ Auch islamistische Anschläge waren nach Beteiligung Spaniens am Irak-Krieg angekündigt.
▪ Verschiedene islamistische Gruppen benutzen ebenfalls den verwendeten Sprengstoff.2
Man wird abwarten müssen. Nicht nur ein eventuelles Bekennerschreiben, auch das kann gefälscht sein (den spanischen Offiziellen ist an Manipulationswillen nicht weniger zuzutrauen als ihren Kollegen aus den USA). Zumal ohnehin seitens der spanischen Regierung verlautbarte, man werde angesichts zunehmender Probleme mit den Teilautonomien den Status von Cataluña, Euskadi und Galicia neu prüfen und ggf. "nachbessern" müssen. Diese Anschläge kommen also einigen Kreisen, die jetzt Krokodilstränen weinen, auch zupaß.
Letzte Schlüsse wird man wohl nur ziehen können, wenn man Reste der Zünder und der Bomben findet. So grausam es klingt, aber jede terroristische Organisation verfügt über einen eigenen "Stil". Ich habe mir von einem irischen Kriminalen sagen lassen, man erkenne IRA-Bomben schon eindeutig an ihrer Bauweise. Ein gleiches gilt für die Bomben der ETA.
Den meisten von uns mag es im letzten egal sein, wer diesen Wahnsinn auf dem Gewissen hat. Im Zweifelsfall sind wir sogar daran interessiert, daß die Anschläge aufs Konto der ETA gehen, sonst hätten wir nämlich zum ersten Mal islamistischen Terror direkt "vor unserer Haustür" und würden uns der Verletzbarkeit unserer europäischen Großstädte schmerzlich bewußt werden.
Und wenn nicht - dann doch "nur" der Verletzbarkeit unseres noch immer heiß geliebten Urlaubslands.
1 & 2 Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, hat die spanische Regierung bewußt Unwahrheiten verbreitet, und nicht allein, was die Zusammensetzung des Sprengstoffs anbetrifft.
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10.3.2004: Die 2 1/2 Leben des Karl Jaspers
Als ich von der Umgehungsstraße auf die Bundesstraße 27 einbog, kurz vor Erreichen der kreisfreien Stadt Bietigheim-Bissingen (Einwohnerzahl Stand 30.06.2003: 41.521), mußte ich einen dunkelgrünen (Hexadezimal: #004A00) Lastkraftwagen passieren lassen. Schlaftrunken sah ich erst auf seine Radkappen, dann auf die Wechselbrücke selbst, hielt inne, rieb die Augen, vergewisserte mich, und erkannte schließlich die Aufschrift:
KARL JASPERS
EINE LEIDENSCHAFT MIT TRADITION
Karl Jaspers, Philosoph und Psychiater, geboren 1883 in Oldenburg/Oldenburg (Einwohnerzahl Stand 2001: 154.125), 1969, in biblischem Alter, in Basel von uns gegangen (und zwar noch während der Fasnet). Als einer der großen Existenzphilosophen greift er die drei wichtigsten Themenfelder traditioneller Philosophie auf: Welt, Seele (Existenz) und Gott. In der »Existenzerhellung«, zu der der Mensch über die Erfahrung von Grenzsituationen wie Schuld, Leid und Tod gelangt, werden die Signa der Existenz markiert. Existenz wird dabei durch etwas »Umgreifendes«, Transzendentes bewußt gemacht. Das ist der uns wohlbekannte Karl Jaspers.
Was jedoch die meisten nicht wissen, ist, daß Jaspers seit 1920 eine Kerzenfabrik in Paderborn betrieben hat, deren Geschäftsmotto das Thema Existenzerhellung auf vielseitige Weise umspielt:
Leidenschaft Kerzen
JASPERS - EINE LEIDENSCHAFT MIT TRADITION
Und deren Lastkraftwagen mir heute die noch schlaftrunkenen, die gänzlich in trübe Tunke getränkten Augen wachgespült hat für das Erhellende der Existenz, die Existenzerhellung.
O Mensch! Zünde jeden Tag eine Kerze von Karl!
Für Karl.
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25.2.2004: Hören Sie, in Gottes Namen, endlich auf zu lesen!
Öffentliche Bibliotheken sind viel zu stark beheizte Orte, die allzuviel Geld in so nebensächlichen Quatsch stecken wie Kinder von der Straße zu holen oder Bildung gleichsam viral zu verbreiten. Jetzt ist eine neue Unart dieser öffentlichen Einrichtungen ruchbar geworden: man kann dort Bücher leihen! Sehr zurecht hat der Bund der Steuerzahler (BdSt) die Stadt Göttingen zu einer Stellungnahme aufgefordert, weil sie sich nicht entblödete, die eifrigste Nutzerin der Göttinger Stadtbibliothek des Jahres 2003 zu ehren.
Göttingen (Göttinger Tageblatt vom 25.2.2004). Die öffentliche Ehrung einer Spitzenausleiherin setze eindeutig falsche Signale, schreibt BdSt-Vorstandsmitglied Bernhard Zentgraf an Stadtrat Wolfgang Meyer (SPD). "Sie animiert diejenigen, die die Stadtbibliothek ohnehin bereits nutzen, zu einer (noch) intensiveren Nutzung", moniert Zentgraf. "Sollen Bürgerinnen und Bürger künftig mehrere Bücher am Tag lesen, und will die Stadt Göttingen dafür die entsprechenden personellen und sachlichen Kapazitäten schaffen?", will er vom Göttinger Stadtrat wissen.
Ja, das wollen wir aber auch wissen. Wohin kämen wir denn, wenn wir jetzt gleich mehrere Bücher am Tag lesen? Und bedenken Sie die Folgekosten, Herr Meyer: Göttinger und Göttingerinnen bräuchten in noch jüngerem Lebensalter Brillen, das belastet die Krankenkassen. Von den häufigen Besuchen beim Augenarzt, beim Neurologen und beim Psychotherapeuten ganz zu schweigen. Außerdem gehen jedem Autor Einnahmen flöten, wenn seine potentiellen LeserInnen die Lektüre in diesen öffentlichen Bedürfnisanstalten befriedigen. Das kostet zum einen Arbeitsplätze, weil weniger Bücher gedruckt werden, und Therapiestellen in Entziehungskliniken, weil der Autor vor lauter Frust über die schlechten Abverkäufe seinen Lebensmittelpunkt verliert und zum Alkoholiker wird. Wollen Sie uns das wirklich zumuten, Herr Meyer?
Gut, daß es wenigstens noch so wackere Recken wie Bernhard Zentgraf gibt. Vielleicht kann er uns bei anderer Gelegenheit dann auch mal erklären, wozu der BdSt überhaupt da ist und sich nicht aus Kostenersparnis selbst auflöst.
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14.2.2004: Polizeiruf 110: Das Zeichen - des Doofen
Rehäugiges fünfjähriges Zopfmädel soll von heimtückischer und total böser rechtsradikaler Satanistenkinderfickersekte als Sex-Gespielin verkauft werden. Potsdamer Polizei ist schwer dagegen, ermittelt und heult viel, und meldet am Ende Vollzug. Also Festnahme, nicht Verkaufserfolg.
Daß Fernsehfilmemacher, und besonders die, die mit "Polizeiruf 110" ihre Rheumapflästerchen verdienen, wahrlich keine Intellektuellen sind und von moderner Kulturtheorie unter besonderer Berücksichtigung des Phänomens "Kitsch" nichts verstehen, ist nichts Neues. Aber dieser alle Körperdrüsen, v.a. auch die rückwärtigen, öffnende Quargel, der einem hier untergemischt worden ist, sprengt alles Dagewesene. Wahrscheinlich droht auch noch eine Klage, die Titanic hatte einst ein ähnlich abstruses Szenario konstruiert - aber das war, klingelingeling, Satire, liebe RBB-Redakteure!
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