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Für Karla Reimert
Personen:
HORATIO
1. EDELMANN
2. EDELMANN
3. EDELMANN
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF links
DIESELBE STIMME AUS DEM OFF rechts
Um 1610 in Wittenberg
Ein schäbiges Wirtshaus. Der Abend ist hereingebrochen. Drei Edelleute beginnen singend die Bühne zu belärmen ("Es fuhr ein Mann den Rhein aus / mit Narren und Eseln / er kam vor einer Wirtin Haus / mit Narren und Eseln...").
1. EDELMANN He holla!
2. EDELMANN Holla he!
3. EDELMANN Was ist's, Wirt?
Wildfängerisch entern sie den erstbesten Tisch, auf dem ein einsames Talglicht brennt, ein Krug und eine unbestimmte Anzahl Becher stehen.
2. EDELMANN auf einem Stuhl, der dem Publikum frontal gegenüber: He, Wirt!
3. EDELMANN Taube, Blinde, Stumme, nur Krüppel gibt's in Wittenberg!
1. EDELMANN Wirt, was ist's?
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF 'S geht auf die Karnacht ... ich habe nichts im Hause...
3. EDELMANN mit Blick auf den Tisch: Doch - Wein!
2. EDELMANN Ja, Wein!
1. EDELMANN Na, Wein?
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF Wein ist im Hause...
Die Gruppe lacht geborsten, beginnt sich umzutun und sich am Weine schaffen zu machen.
2. EDELMANN Die Karnacht - Teufel, wie kurzweilig wird das...
1. EDELMANN Mehr Kurzweil auf der Etappe?
2. EDELMANN Mehr Kurzweil allenthalben!
3. EDELMANN setzt zur Erwiderung an, doch erblickt er im selben Moment im rechten Off etwas, das seine hochwohlgeborene Aufmerksamkeit fesselt.
2. EDELMANN Der Weg führt uns durch Wald -
1. EDELMANN Mehr Forst denn Wald -
2. EDELMANN Ganz gleich!
1. EDELMANN Mehr Forst, ich muß darauf bestehen!
Sie sehen nach dem Dritten im Bunde.
1. EDELMANN Vielleicht sogar nur Hag...
3. EDELMANN Herr Wirt, wer ist der Haderlump, der Katzenbälger im Eck dort? Wem gibt er hier Quartier?
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF Ach Herr, ein Däne scheint's, ein armer Teufel ... es ist die Karnacht und kein fühlend' Herz scheucht den Hund von seiner Schwelle -
3. EDELMANN Ist gut, ist gut, ich seh's, es ist ein prächtiges Tier!
Die beiden Gesellschafter grienen.
3. EDELMANN Weiß er recht zu belfern?
Sie lachen.
1. EDELMANN Mich dünkt, es könnt' ein Hofhund sein.
2. EDELMANN Sein Rücken ist nicht krumm genug...
3. EDELMANN Ah, bah, seht ihr's nicht? Ein Scholarenköter ist's, er trägt das Wams der Alma Mater.
Er geht nach ihm sehen. Exit.
1. EDELMANN Tritt nicht zu nah heran. Am Ende sind sie alle bissig.
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF Ach liebden Herrn, laßt doch den armen Mann; seit Tagen lebt er ja vom Wein mir nur...
2. EDELMANN Ein Fäßleingucker!
1. EDELMANN Ein Kellerfloh! Hab acht, riecht er den Wein an dir, so schlürft er dich auch gleich mit aus!
3. EDELMANN kehrt zurück.
3. EDELMANN Schläft offenen Auges...
1. EDELMANN So hat er beide noch.
2. EDELMANN Wie sieht er drein?
3. EDELMANN Wie drein? Der Geist der Karnacht -
Im Hintergrund schlägt eine Tür. Das Licht beginnt einen Augenblick zu flackern. Die drei sehen sich eine Sekunde zu lange an.
1. EDELMANN He holla! Hast du was raufbeschworen?
2. EDELMANN Seht, jetzt ist er aufgewacht!
3. EDELMANN indem er sich rittlings auf seinen Stuhl setzt und unverwandt dorthin zurücksieht: Ein Tropf. Er stinkt nach Wein.
1. EDELMANN Nach Wein allein?
3. EDELMANN Und Kuhdung.
1. EDELMANN Ein Däne halt!
2. EDELMANN Er hört uns - still! Er kann uns verstehn!
1. EDELMANN Wer kann uns verstehn?
2. EDELMANN Still!
3. EDELMANN erhebt sich und grüßt den sich Nahenden barock. Indem HORATIO von rechts in taumeligen Trinkerschritten die Bühne betritt, setzt sich der hohe Herr wieder und verfolgt den Lauf des in Lumpen gehüllten, zerzausten Tieres mit aggressiver Miene. HORATIO durchwandert in langsamem Tremor die Bühne nach links, er sieht die Gesellschaft nicht.
3. EDELMANN Gegrüßet seist du, der Bettler König! Bequem er sich!
Weist auf einen freien Stuhl.
1. EDELMANN König? Das ist nicht recht! Doch wenn er schon 'nen Titel braucht, so sag nur: "Meister" - Gesell' zu sein in seinem Alter ziemt sich nicht!
Der 3. EDELMANN springt hastig auf und beschreibt einen Halbkreis um den Tisch, um endlich vor HORATIO anzulangen und den mit Schlägen vor die Brust nieder auf den angewiesenen Stuhl zu lenken.
3. EDELMANN Sollst dich setzen, sag ich!
HORATIO fällt auf den Stuhl. Der 3. EDELMANN beugt sich über ihn, blickt in sein Gesicht, schüttelt das Haupt, umkreist zweimal prüfend den beinahe Kauernden und schiebt ihn schließlich an den Tisch. Er nähert sich HORATIOS linkem Ohr und zieht es gleichsam seinem Munde entgegen.
3. EDELMANN Du siehst: wir schätzen deine Nachbarschaft.
Noch prüft er ein wenig das Ohrläppchen des nachgerade in Katatonie Zitternden, bevor er davon abläßt und sich selbst ein andermal rittlings setzt.
1. EDELMANN Nun, "Freund", ein weniges von dem Blut des Heilands in dieser Karnacht?
2. EDELMANN Oder von seinen Tränen?
3. EDELMANN So schenk' ihm ein!
Der 1. EDELMANN amtiert mittlerweile als Mundschenk und stellt den Trank bereit, den HORATIO hastig ergreift und zügellos leert.
3. EDELMANN Und nach!
Wieder.
3. EDELMANN Und nach!
Wieder.
2. und 3. EDELMANN Und nach!
Wieder.
1. und 2. und 3. EDELMANN Und nach!
Wieder.
1. und 2. und 3. EDELMANN Und nach!
Sie beginnen rhythmisch mit den Beinen den Trochäus zu stampfen, und so wiederholt sich die Szene wohl ein Dutzend Mal. Bis der 3. EDELMANN aufspringt und ruft:
3. EDELMANN Genug jetzt!
Für einen Moment erstarren die Figuren in malerischer Pose. Sie sind reglos auf einer Leinwand eingefangen. Doch nun bewegen sie sich schon wieder. Der 3. EDELMANN setzt sich.
3. EDELMANN Zuviel des Blutes wird den Leib verwässern. Allein von seinem Leib, mein Gutster, können wir dir nichts bieten.
2. EDELMANN Laß, er kann uns doch nicht verstehn!
Pause.
HORATIO benommen und müde: Wohl versteh' ich euch.
1. EDELMANN Ist's die Möglichkeit?
Pause.
HORATIO Ich war Studiosus in Wittenberg. Es ist lang genug her. Die größten Theologen hört' ich hier. Und auch den großen Bruno. 'S ist wunderlich lang her!
Als einziger rüstet sich der Mundschenk mit stärkendem Wein für eine lange Rede des Alten. Die anderen machen sich stumme Zeichen und verhöhnen den Alten ohne Unterlaß.
HORATIO Die Jahre waren andere, damals. Anderjahre.
Jung war ich. Horatio war ich. Vor langen Jahren. "Hora et Ratio." Des dänischen Prinzen Hamlet Kamerad in studiis. - Und auch am Hofe dann, in Helsingör. Schlich ich auf den Zinnen. Armer Stoiker, kannte noch keine Menschenseele dort bei Hofe. Und "Protektion" erfuhr ich doch zu spät. -
Stockt.
"Mein Freund" nannt' er mich gern, der Prinz, und auch "mein Damon".
Das edle Volk beliebt zu lachen.
Ich war's, war sein Damon! Sogar starb mir der Herr in meinem Arme. Doch nicht nach Römerart vergönnt' er mir, ihm nachzusterben. Sondern oblegt' er mir die Bürde: "Wenn du mich je in deinem Herzen trugst", sprach er mir zu, "verbanne noch dich von der Seligkeit, und atm' in dieser herben Welt mit Müh', um mein Geschick zu melden!" Und ich bin sein Diener ja. Ich entsage aller Freude, ich lebe seiner Geschichte.
Stockt.
Und doch weiß ich ja nicht, was geschehen. Ich erlebe, aber ich weiß nicht. Man hatte mich gerufen, ins Gewissen hat man mir geredet. Mir eingeschärft. Und Schwüre abgenommen.
Stockt.
Der König, er will Hamlet morden, den Neffen ... aber weshalb? Und wozu? Wozu? Zu was Ende nutzt' ihm denn des feisten Prinzen Tod, schon Deutscher mehr denn Däne, nach all den Jahren hier in Wittenberg...
Der 2. EDELMANN ist mittlerweile eingeschlafen. Aber er wird wieder und wieder sich in schlafwandlerischer Manier zu Worte melden. - Der 3. EDELMANN wird unruhig, vielleicht der langen Rede wegen, vielleicht ihres Inhalts wegen. Er erhebt sich und beginnt rastlos auf und ab zu gehen. Er hat aufgehört, dem Alten Nasen zuzuwerfen. Eine ungewisse Spannung beherrscht seinen Körper.
HORATIO Und dann, nach langer Zeit, nach allzu langer erst, fand ich Ursache zu glauben - Hamlet, der Prinz - von einem Etwas im vergangnen Leben des Königbruders, des Oheims, muß er Kenntnis erhalten haben ... ein Etwas, das Tageslicht scheut' es sicherlich ... und endlich ahnte ich -
3. EDELMANN Was - "ahntest" du?
HORATIO Daß des Königs Bruder -
3. EDELMANN Dein gnädiger Herr -
HORATIO Daß - des - Königs - Bruder -
3. EDELMANN Willst du endlich sprechen, dänischer Damon?
HORATIO Daß er -
3. EDELMANN zornig: Nun? Nun?
HORATIO Er - ausbrechend, rasch: Er! Daß er Hamlets Vater im Leibe gewesen, der Mutter beigewohnt in alter Zeit! Nur so erklärt sich die frühe Hochzeit mit der Schwäherin: alte Schuld im Blute! Nur so!
3. EDELMANN zorniger: Was faselst du?
1. EDELMANN Und das soll ein Grund sein für mutwillige Tötung?
HORATIO Ich - kenne - keinen - besseren...
Pause. Der 1. EDELMANN füllt HORATIO den Becher. Der trinkt langsam.
3. EDELMANN zwischen den Zähnen: Mir scheint das eher - wider bessere Kenntnis, Freund Däne.
Schweigen.
HORATIO sich wieder erinnernd: Es sollt' die Zeit zwar sein, doch nicht der Ort. Vor dem neuen König sprach ich davon. Immer und immer wieder. Der neue König -
Das folgende Zwiegespräch poco a poco accelerando.
HORATIO - Fortinbras, der Norweger...
STIMME AUS DEM OFF plötzlich: Der Norweger, der Dänen König. Was ist's?
HORATIO der sich jetzt erhebt und der Stimme zuwendet, im Kniefall: Ach Herr, ich muß berichten, ich soll's.
STIMME AUS DEM OFF "Horatio" der Name, wie?
HORATIO Ach Herr, berichten muß ich, soll's.
STIMME AUS DEM OFF Was berichten?
HORATIO Von meines geliebten Prinzen Scheiden, er -
STIMME AUS DEM OFF Gewesenen.
HORATIO Verwesenden Prinzen Scheiden. Er starb -
STIMME AUS DEM OFF Wie auch die andern alle -
HORATIO Schon lag -
STIMME AUS DEM OFF Ich weiß!
HORATIO Es war Ranküne -
STIMME AUS DEM OFF So!
HORATIO Und Schwur um Schwur soll ich -
STIMME AUS DEM OFF Wache!
Der 1. und 3. EDELMANN, die die Szene interessiert beobachteten, greifen auf ein boshaftes Zeichen des 3. EDELMANNs als stumme Personen wie von ungefähr in das Spiel ein: Sie werden zu zwei Wachleuten des norwegisch-dänischen Königs. Sie stellen sich zu HORATIOS Seiten und haschen ihn. Indem sie ihn emporziehen:
STIMME AUS DEM OFF gestreng: Mein lieber, lieber Horatio! Zwar: du dauerst uns. Doch: Ausländer deines Schlages, die noch dazu nicht edler Abkunft, die nur geduldet sind an unsrem Hof, die unser Gnadenbrot verzehrt', die schlecht Wort' von toten Tagen und von schlechten Tagen tote Worte sprechen, die nicht die Herrlichkeit im Heut' erkennen mögen, Ausländer, Juden, Wandervolk - mein lieber, lieber Freund, du dauerst uns -
HORATIO wird widerstrebend abgeführt in das entferntere Ende der Bühne, dort erst gelingt es ihm, in einem kurzen Handgemenge sich des Klammergriffs der beiden zu erwehren. Er bricht aus in die Bühnenmitte. Der 3. EDELMANN will ihm nachsetzen, wird aber vom 1. EDELMANN zurückgehalten. Die beiden verändern vorerst ihre Positionen nicht.
HORATIO Ich floh vor seinen Schergen, man hätte das Maul mir zugeknäufelt, so oder so ... mit Stahl, und nicht mit Leder! Ein Ausländer war ich ja, schutzlos vor dem Herrn von Dänemark. Dem angemaßten Herrn! Sein Thron steht auf meinem Schweigen. Ich bin ja der, der übrig geblieben. Ich war, der es wußte. Wenn ich auch mehr nicht gewußt.
Stockt. Der 3. EDELMANN tritt finster auf ihn zu.
Sich wieder fassend: Hinaus, hinaus aus Dänemark! Volk ist um mich überall. Und ich berichte. Die Menschen aber wenden ihr Gesicht von mir, Ausdruck gepeinigter Stille. Seitdem schweigen sie. Manche, um wirklich zuzuhören, andere, um nur selbst nicht sprechen zu müssen.
Stockt. Dann selbstvergessen: Dieser Auftrag - weshalb mir? Hassen mußt' er mich, so übermenschlich mich zu beladen! Und ich begann, meinem Herrn zu fluchen, der kein Erbarmen kannte, der mich solchem Auftrag aufgespart!
In die Pause: 1. und 3. EDELMANN, wieder auf einen Wink des letzteren, wild johlend als Volk agierend:
3. EDELMANN Fluchen, Alter?
1. EDELMANN Morden, Mann?
3. EDELMANN wiegt sich wie ein Marktweib: Alter: Wer fluchte wem?
1. EDELMANN bekreuzigt sich wie ein Kräuterweib: Mann: Und wer mordet' wen?
HORATIO Mit dem Rapier meint ihr -?
3. EDELMANN Was brummst du, Alter?
1. EDELMANN Was faselst du, Mann?
HORATIO So hört doch: das Rapier -
3. EDELMANN Wer, Alter, mit wem?
1. EDELMANN Und wer, Mann, gegen wen?
3. EDELMANN sich wieder wiegend: Ist das eine Mär, Alter? Oder ein Rätsel, aus dänischen Landen?
1. EDELMANN sich wieder bekreuzigend: Ist's ein Spruch, ein Gleichnis, Mann, was will es uns sagen?
3. EDELMANN Wer mit wem, Alter?
1. EDELMANN Und wer gegen wen?
3. EDELMANN Wer, wer mit wem?
HORATIO Das vergiftete Rapier -
1. EDELMANN Gegen wen?
HORATIO Ich - glaube -
3. EDELMANN sich wieder wiegend: Du glaubst? Und weißt nicht?
HORATIO Ach, ich -
1. EDELMANN sich wieder bekreuzigend: Weißt du's? Glaubst du?
HORATIO Ich weiß nicht, was ich weiß -
2. EDELMANN aus seinem Tagtraum von der Kanzel wie ein Prediger mit dem Finger deutend: Und glaubst du, was du glaubst?
HORATIO Glauben? Ich?
1. EDELMANN Glaubst nicht?
3. EDELMANN Weißt nicht?
2. EDELMANN Ein Narr, ein Narr, und kein heil'ger dazu!
3. EDELMANN Ein Narr!
1. EDELMANN Kein Heil'ger!
STIMME AUS DEM OFF ein alter Konstabler: Ruhe! Schluß!
In dem herrschenden Tumult sich nun erst Stimme verschaffend:
STIMME AUS DEM OFF Schluß! Verbiete das grause, krause Zeug! Öffentliche Ordnung! Erste Pflicht! Jage davon! Räudiger Hund!
3. EDELMANN Räudiger Hund!
1. EDELMANN Räudiger Hund!
2. EDELMANN Räudiger Hund!
Der 1. und 3. EDELMANN drängen HORATIO gegen den Tisch.
Alle Stimmen zusammen: Räudiger Hund! Räudiger Hund! Räudiger Hund!
HORATIO in die entstehende Pause rufend: Aber der - kennt seinen Herrn wenigstens am Geruch!
Erstes fernes Hundegeheul.
Jaja, ich eile, eile...
Er sieht in die Ferne, dann auf den Tisch und in seinen Becher, entdeckt einen Rest des Weins und leert ihn hastig. Er setzt sich schwer.
Schweigen.
HORATIO Dieser Auftrag - weshalb mir?
Stockt.
Ich zog vorüber. Dann glaubte man mich toll. Und einige riefen immerzu: "Dir selbst hilf! Dir selbst!" Und doch war ich der Gebundene, war ich das Gewissen und der Wissende und der Letzte unter ihnen.
Stockt.
Ich bin ja der, der übrig geblieben.
Stockt.
Ich irre, irre in allen Landen, schlafe nicht und verlange keine Nahrung mehr. Ich gleiche einem Schreckensbild, wer mich aber sieht, ihn dünkt, ich sei tausend Jahre alt und älter.
Stockt.
Der Wanderer bin ich. Der Jude. Ich bin überall. Ich kenne keinen Ort.
Stockt.
Daß ich innere Heimat nicht kenne, ist nur eines ... Bald schmeckt der Wein mir nicht mehr, aber meine Beine sind ganz aus Wein gemacht, ohne ihn tragen sie meinen Leib nicht. Und meine Arme. Und erst mein Haupt.
Stockt.
Berichten soll ich. Was aber sollt' ich berichten? Ich, was weiß ich denn? Daß man ihn hat töten lassen mit vergiftetem Rapiere, ja. Daß des Vaters Geist auf Helsingörs Zinnen ich gesehen, ja. Daß der Herr Vorahnungen hatte, man wolle ihn vom Leben bringen. Ja! Aber nichts von alledem ergibt einen Reim. Hamlet starb. Und ich verstand nie, um welcher dunklen Ziele willen.
Pause.
3. EDELMANN Vielleicht hast du's nur vergessen, Däne?
1. EDELMANN wieder am Tisch, setzt sich: Oder vertrunken?
HORATIO Später. Viel später erst vergessen und vertrunken. - Mein Herr hat mir nie erzählt - vermocht hat er's doch nie. Wohl sprach er: "In meiner Brust 'ne Art von Kampf". Und dann: der Auftrag seines Königs - "lies ihn nur bei Muße!" - Es war mir immer ein Lückenhaftes, ein Mosaik. Ohne bildnerische Kraft.
Stockt.
Und so begann ich, mir einen Reim darauf zu machen: Wo mir die Steine fehlten, suchte ich mir passende. Und wo sie drohten, nicht zu passen, schlug ich sie am Rande. Und stets fügte ich sie in den Gang der Ereignisse.
Stockt.
Und dann begann das Vergessen. An einem Tag im Frühjahr war es. Geriet ich auch nach deutschen Landen. Kam nach Wittenberg. Stadt meiner Anderjahre. Die Köter verbellen mich. Die Luderjungen rufen mich mit Namen. Jetzt aber beginnt das Vergessen ... immer mehr Steine fehlen mir, auch die, die ich glaube, zu Anfang besessen zu haben. Ich ersetze sie, immer neue schaffe ich.
Stockt.
Ich irrte in den Taten, ich vergaß, ich fälschte das Wahre, ich zerbrach. Ich werde zerbrochen, heiliger Gott! Ich war der letzte Zeuge. Ich bin der, der übrig geblieben. Ich weiß nicht mehr, was meine Rede ist. Ich trage das Stigma meiner Aufgabe, das Stigma meines Auftrags. Christus, er starb -
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF Christus starb am Kreuz.
2. EDELMANN wieder schlafwandlerisch: Christus starb am Schmerz.
HORATIO Nein, er starb an seiner - Sendung. Auch Sisyphos leidet an seiner Aufgabe, an seiner Strafe nicht ... selbst mein Prinz ... und unser Heiland: er starb am Kreuze nicht - er starb an der Unausführbarkeit!
1. EDELMANN Und Gott?
HORATIO Ist der Unaussprechliche nicht. Er ist der Anspruchsvolle.
Stockt.
Der Anspruchsvolle! Meinen alten Glauben habe ich eingebüßt. Alles hat Besitz ergriffen von mir, alles. - Jesus, Jesus, warum hast du mich verlassen?
Pause.
Hast du mich verlassen?
Pause.
Die Bürde - vielleicht war sie zu groß.
3. EDELMANN der wieder am Tisch ist und HORATIO umkreist, ihn traktierend: Oder dein Mut war zu klein, sie zu tragen.
HORATIO will aufstehen, wird von dem anderen an den Tisch zurückgedrängt.
3. EDELMANN Oder deine Krämerseele hat dir einen Streich gespielt. Wort für Wort wolltest du den Auftrag erfüllen. Wort für Wort und Tat für Tat wolltest du ihn erfüllen. Und nicht die geringste Abweichung von dem, was du "Wahrheit" nennst.
HORATIO Ich wollte immer nur - die Wahrheit -
3. EDELMANN Wahrheit - Wahrheit!
2. EDELMANN noch immer nicht erwacht: Wahrheit! Wahrheit ist, das Geschehene ohne Tadel auszusprechen!
Seine beiden Reisebegleiter staunen ob der unerwarteten Weisheit.
HORATIO der wieder aufzustehen trachtet und vom 3. EDELMANN niedergedrückt wird: Ich muß - te -
3. EDELMANN packt HORATIO unwirsch beim Kragen: Krämerseele! Das Geschick allein hätte genügt! Wen interessieren die seelischen Hinterhalte?
2. EDELMANN somnambul: Krämerseele!
3. EDELMANN Und wen der Ereignisse Lauf?
2. EDELMANN wie zuvor: Krämerseele!
3. EDELMANN Geschichten wollen wir!
2. EDELMANN Krämerseele!
3. EDELMANN Keine Geschichte!
2. EDELMANN Krämerseele!
1. EDELMANN adressiert HORATIO: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? - Laut: Hörst du nicht?
HORATIO schweigt eisern. Der 3. EDELMANN hält ihn noch lange - wiederum eine "eingefrorenes Bild". Endlich erkennt er die Sinnlosigkeit seines Unterfangens in den leeren Augen des Trinkers, er läßt von ihm ab und setzt sich langsam.
2. EDELMANN wie ein letztes Nachwehen, dabei erwacht er taumelnd: Krämer - seele!
HORATIO ein jedes Wort prononcierend: Du sagst es!
Der 1. EDELMANN schenkt HORATIO nach und rückt den Becher in mehreren Etappen vor ihn. Langsam gelangt der auf diese Weise näher an den alten Mann, der ihn endlich ergreift und trinkt. Schweigen.
1. EDELMANN Menschen deines Schlages - sie sind so leicht zu verstören. Und leicht zu zerstören.
3. EDELMANN Hypo - chonder! (Er spricht das "ch" als hartes "k".)
Draußen wird unterdessen der Sturm, der sich nach dem ersten Vorboten, der schlagenden Türe, von deren Geräusch HORATIO aufgewacht ist, langsam lauter und laut.
1. EDELMANN in die lange Pause: Dieser Sturm währt an drei Stunden nun, es geht schon auf die neunte Stunde.
Er zuckt über fernem Hundegeheul zusammen und schenkt wie mechanisch HORATIO nach. Der trinkt, wie abwesend, und erstmals ohne Durst. - Plötzlich bricht er wieder aus, er reißt sich wie aus einem Bann vom Tische los und stürzt an den rechten vorderen Bühnenrand. Dabei erspäht ein Verfolgerscheinwerfer eine jede seiner Bewegungen in dieser Szene, während der der übrige Bühnenraum merklich dunkler wird.
HORATIO ausbrechend: Jesus, Jesus, warum hast du mich verlassen?
STIMME AUS DEM OFF ebenso plötzlich: Horatio! Horatio, warum verfolgst du mich?
HORATIO erbleichend: Aber - ich verfolge dich nicht - du bist mir gleichgültig geworden!
STIMME AUS DEM OFF ruhig: Du verfolgst mich, so du mir weiter dein Versagen willst auf die Schultern legen, Horatio, so verfolgst du mich. So du mir all deine Schrecken und deine Schuld willst auf die Schultern legen, verfolgst du mich.
HORATIO unwillig: Und was aber soll ich tun?
STIMME AUS DEM OFF Sehend sei!
HORATIO Was - "sehend"? Habe ich nicht genug gesehen? Habe ich nicht schon genug gesehen, gehört, erlebt von alledem, von Schmähung, von Scham, von Nicht-Wissen, Nicht-Können und Nicht-Tun? Soll denn noch immer nicht genug sein mit alledem, nicht genug mit diesen Nächten, nicht genug mit diesem - Hirn, das mir verfault?
STIMME AUS DEM OFF immer sich gleichbleibend: Wer auf der Suche ist, darf keinen Stolz kennen. Eile, was zögerst du?
HORATIO Weiterziehen soll ich? Weiterziehen, wo man meiner nicht achtet, wo man mich nicht versteht und mich mit Füßen jagt, weil ich rede, weil ich rede, worüber das Schweigen waltet, weil sie nicht ertragen, was meine schäbige Rede in ihnen weckt? Noch ist nicht genug, he?
STIMME AUS DEM OFF Wer in die Tiefen mir folgt - es sei. Aber soll er auch wissen, daß ich ihn nicht gerufen und nicht gebeten und ich seiner mißachte.
Der Verfolger blendet ab, das übrige Bühnenlicht wieder auf. Im Hintergrund bläst der Sturm immer tosender, Türen knarren, Fenster schlagen, das Licht flackert.
HORATIO geifernd: Was tun?
Schweigen.
HORATIO panisch in den anderen Bühnenwinkel: Ja, hinweg! Stiehl dich hinweg! Und wieder und wieder!
Schweigen.
HORATIO am Tisch, verzweiflungsgleich: Was - soll - ich - tun?
Ein plötzliches Prestissimo: Während der 3. EDELMANN HORATIO überraschend auf den Tisch stemmt und diesen mitsamt dem Alten an sich heran zerrt, schreit er wie besessen:
3. EDELMANN Was tun? Was tun? Faule Fragen! Faule Fragen!
1. EDELMANN am anderen Seitenende des Möbels, zerrt Tisch und den sich duckenden HORATIO an sich: Die Fragen des Verzagten, die des Verlassenen!
3. EDELMANN reißt alles wieder an sich: Des Feigen, nur des Feigen!
Stilisierung zur "Kreuzigung": HORATIO windet sich immer leiser unter den wütenden Worten der an ihren jeweiligen Seiten unter ihm am Tische ziehenden und zerrenden Edelmänner, immer mehr in sich gekauert und verloren. Der 2. EDELMANN sitzt allein an seinem Platz im Hintergrund und stiert wie entseelt auf das obszöne Geschehen.
1. EDELMANN Ich - finde keine Schuld an ihm!
3. EDELMANN Er - finde selbst aus seiner Not!
1. EDELMANN Wie - findest du das?
3. EDELMANN Was - findest du an ihm?
1. EDELMANN noch lauter gegen HORATIO: He holla!
3. EDELMANN ebenso: Holla he!
1. EDELMANN Und du? Sprichst du nicht mit uns?
3. EDELMANN Hilf dir selbst aus diesem Ekel!
1. EDELMANN greift außer sich nach dem Krug - vehement aus ihm trinkend, befleckt er sich bei jeder seiner abrupten Bewegungen: Rede! Rechtfertige dich!
3. EDELMANN Uns ist die Macht, dich zu binden!
1. EDELMANN Uns ist sie, dich zu lösen!
3. EDELMANN Deine Seele ist tot!
1. EDELMANN Es lebe deine Seele!
3. EDELMANN Es ist nicht schwer zu lügen!
1. EDELMANN Es ist nicht schwer zu wissen!
3. EDELMANN Man muß es wagen!
1. EDELMANN Du mußt dich wagen!
3. EDELMANN Wie hältst du's mit den Prophezeiungen?
1. EDELMANN Weißt du von den Prophezeiungen?
3. EDELMANN Die Prophezeiungen für den Feigen!
1. EDELMANN Die für den Verzagten!
3. EDELMANN "Eines Tages aber, siehe."
1. EDELMANN "An diesem Tage wird bleierner Regen fallen."
3. EDELMANN "Und den Grund wird er ersticken, so du wandelst im Fleische."
1. EDELMANN "Regen wird aber fallen."
3. EDELMANN "Diesen Tages wirst du erkennen: du bist allein."
1. EDELMANN "In dir niemand."
3. EDELMANN "Niemand um dich her."
1. EDELMANN "Und niemand auch nur in deinen Gedanken!"
3. EDELMANN immer mehr brüllend: "Und dann, dann sollst du rufen. Rufst gen Osten: Großer Gott!"
1. EDELMANN steht dem anderen an Lautstärke nichts nach: "Doch der Ost ist verstummt."
3. EDELMANN "Rufst in den Westen: Heiliger Alter!"
1. EDELMANN "Doch der West, er hört dich nicht."
3. EDELMANN "Rufst nach Norden: Ein Mensch!"
1. EDELMANN "Doch der Nord: er kennt keinen Menschen."
3. EDELMANN "Erbarmen! zum Süden."
1. EDELMANN "Doch der Süd weiß sich nicht zu erbarmen."
3. EDELMANN "Oben wird sein wie unten. Und nichts wirst du finden."
1. EDELMANN "Weil was in dir, auch außer dir wird sein."
3. EDELMANN "Und wirst zu Boden schielen."
1. EDELMANN "Und wirst das Haupt nicht mehr erheben."
3. EDELMANN "Wenn der Regen fällt. Eines Tages."
1. EDELMANN "Eines nicht mehr fernen Tages."
3. EDELMANN Deine Seele ist tot!
1. EDELMANN Es lebe deine Seele!
Der 1. EDELMANN hält unvermittelt inne - über und über ist er mit rotem Wein besudelt - und beginnt wie von ungefähr mit reinigenden Bewegungen, schließlich aber die Geste des Händewaschens zu vollziehen. Nach einer langen Sekunde wird der 3. EDELMANN auf sein biblisches Tun aufmerksam und verstummt mit einem Male. Erst jetzt gewahrt auch der 1. EDELMANN seine Handlung, hält entsetzt inne und versteckt die eben noch rührigen Körperteile am denkbar fernsten Orte. Beide ziehen sich schweigend in sich zurück und senken die Köpfe, während sie am Tische stehen. Sie haben sich nicht nur gehenlassen. Auch sie haben sich trotz der anfänglichen Distanz schon verloren an etwas Ungewisses.
HORATIO in die entstandene Stille: Dieser Auftrag - weshalb mir?
Stockt.
HORATIO richtet sich langsam wieder auf, zerschunden, zerschlagen, er hat sich beugen müssen und kann doch nicht mehr brechen: Hassen mußt' er mich, so übermenschlich mich zu beladen. Wie kein Gefährte den Gefährten.
Stockt.
Nach "oben", aggressiv: Und kein Vater seinen Sohn.
Stockt.
Zu den Menschen zu gehören, die nichts und niemandem zugehören.
Stockt.
Der Mensch stirbt an seinen Aufgaben allein.
Ein einzelner, heftiger Donnerschlag, allgemeines Gemurmel aus dem Off: Wehegebete.
HORATIO Ja, mein Prinz, ich höre, höre...
Er gleitet vom Tisch wie mechanisch auf den Boden: Ein weiterer Donner ruft ihn ab, er vermeint, die Stimme seines Herrn zu hören.
HORATIO Ja, mein Prinz, ich folge, folge schon...
Er tritt ab in den nun wie toll wütenden Sturm.
STIMME DES WIRTS AUS DEM OFF nach einer Pause zu den schweigenden Edelleuten: Ach liebden Herrn: so löscht das Licht - der Sturm, er wütet fürchterlich durch unser frommes Wittenberg!
2. EDELMANN bläst bald danach entschlossen das Talglicht auf der Bühne aus, alles Licht erlischt.
Finis Comoediae.
© Martin von Arndt 2000
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