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Höchste Zeit zur Entdeckung. Allmählich Zeit zu entdecken, was es bedeute, Süddeutscher zu sein. Süd-Deutscher. Kulturell und historisch eine augenscheinlich weniger eindeutige und streng-entschiedene Verwurzelung zu besitzen als die von Germanentum, Heil'gem Reiche und, ach, Preußengeist.
Stattdessen: im Spannungsfeld erwachsen zu sein zwischen den "Imperien"; vorgeschobener Posten der Latinitas, Puffer wider marodierende Germanen- und Steppenvölker (wem diese Differenzierung geboten erscheint).
Und zuvor: die Keltike, keltische Provinzen, "Kulturen der Einsamkeit", wie ein Historiker sie so halbfertig zu nennen beliebte. Ein Menschenhaufe, der in der frühen Eisenzeit - in den Jahren sechshundert bis vierhundert vor unserer Zeitrechnung - zwischen dem Osten Frankreichs, der nicht mehr als alpin geltenden Schweiz, Baden und Württemberg als zu einem geschlossenen europäischen Kulturkreis gehörend sich angesiedelt findet; ein Haufe, der geschichtliches Dunkel verkündet in seinem hallstattzeitlichen Ödeleben; ein schriftloser Haufe am Nordrand der bekannten (und belebten) Welt.
Kulturschöpferisch im ureigentlichen Sinne konnte - ohne Letter, ohne Erinnerung - wenig auf uns kommen; allein die Natur wurde hier gleichsam einer tristen Prägung unterworfen: das Bestattungswesen der Keltike, ihre gigantischen Hügelgräber, Tumuli - sie, im süddeutschen Altsiedelland, zeugen noch heute von deren Präsenz; eine Präsenz, die in irgendgestalter Weise zu offenbaren ich unternehmen mußte.
Zu offenbaren. Oder vielmehr: zu ermitteln, ob noch ein Etwas zu retten wäre aus jenen Tagen in diese, eine Erinnerung wenigstens, eine Gedächtnisspur. Irgend etwas. Eine sehr sehr frühe Spur.
Und in solche Landschaft zu "leuchten", vorzudringen in ihre Tiefe, ihre Wunden und Spuren nachzuzeichnen, schwach nur immerhin, aber doch mit einigem Lichte versehen; ein Licht, das anfänglich tatsächlich "durch-leuchten" sollte, bis mir endlich bemerkbar geworden ist, daß die Schöpfer dieser Zivilisation in ihrer Historienlosigkeit eine Undurchdringlichkeit mitgestalteten, deren Aufspürung mir nachgerade fragwürdig, ja obszön erschien.
So trat ich, man muß wohl sagen: einen "Erkundungslauf" - Geschwindigkeit ist mir unersetzlich! - durch diese Keltike an, nicht mehr und weniger nicht; einen "Erkundungslauf" entlang einer ihrer Routen, einen Lauf durch jene vergessene oder verdrängte Antike, die zu unserem Geschichts- und Kulturverständnis und -verstehenwollen nie so recht hat dazugehören sollen. Denn wir stehen noch immer familiärer mit jedem griechischen und römischen Schund als mit den Liegenschaften dieser Friedlosen.
Friedlose - auch ohne irrgehende Sehnsucht nach dem Ursprung, auch ohne wohlfeile Keltophilie stehen mir diese Ungekannten nun mehr denn je nahe; ihrer wütenden Rastlosigkeit wegen und ihres verzweifelten Gebarens, Fuß zu fassen im blanken Nichts des Raumes, der Zeit.
Dies nicht allzu stille Monument: ich hatte es über die Jahre unserer Bekanntschaft immerhin nur dann aufgesucht, wenn ich für blickfreudigen Besuch ein Ereignis benötigte; oder aber, wenn von landläufigem Liebeskummer geplagt, ich einmal mehr ein Ventil für meine Empfindsamkeit nahab städtischer Zivilisation suchte.
Heute sehe ich diesen Zeugenberg gleichsam mit anderen Augen, wenn auch meine Beschäftigung mit der süddeutschen Keltike noch so lange nicht zurückverweist, daß man getrost sprechen könnte: man wisse es nunmehr einfach besser.
Das Urhistorische des Ortes ist hier kaum zu erahnen, allzu gegenwärtig ist seine Historie; die Bebauung gaukelt bayerisch-knödelkitschiges Mittelalter vor (bayerisch, sage ich, das eigentlich Fränkische sieht man nicht sowohl in Würzburg als in Bamberg).
Es ist hier kaum zu erahnen, das Urhistorische, allzu gegenwärtig sind auch sie, die Myriaden plappernder Studierender und ihre klappernden Bocksbeutel. Ihnen gebe ich die Sicht frei auf Stadt und Main und halte mich stattdessen an die Festungsseite, die das Neumannsche Käppele dem Dunkelgrün entwachsen sieht.
Dies ist der wohl nördlichste Außenposten der Kultur des Westhallstattkreises. Dahinter, gegen Mitternacht, so mag man sich schon damals erzählt haben, befindet sich nur noch das Totenreich. Oder aber das Reich der andersgesinnten Toten, all derer, die nicht zur eigenen Sippe zu gehören das Vorrecht besessen haben.
Ein keltischer "Fürstensitz": von hoher Warte aus waren hier die Himmelsrichtungen alle einzusehen, selbst unter der Voraussetzung, die Bewaldung müsse wesentlich dichter gewesen sein denn heute. Der Fluß im Norden, die Spornlage gewährten ausreichend Schutz. Und eine vage Sicherheit in solch vagem Raume.
Daß es eine wohlhabende Sippe war, die dieserorts ihres Residuums pflegte, davon zeugen die zahlreichen Scherben attischer Importgefäße, Krater, Amphora, Trinkschale, die sich am Berge fanden. Ein Hauch Mediteranneum in den Sümpfen des Nordens, weiß Gott: man liebt das auch noch im zeitgenössischen Unterfranken!
Zuletzt: die aufwendigen Bestattungsorte im Süden der Feste, Orte, die Sichtkontakt gestatteten (wem nur wen zu sichten verstattet war, fragt sich: den Lebenden ihre Toten? Aber weshalb trachteten jene dann, sie möglichst weit von sich zu entfernen, ja, diesen stets Unzeitigen zur eigenen Seelenhygiene nicht selten Arme und Beine zu brechen und die Anverwandten so "reiseunfähig" zu machen? - Oder etwa den Toten ihre Nachfahren? Sollte das erfreulich sein, aus dem Schattenreich einen Blick zu erhaschen auf das Treiben dort droben auf dem kahlen Berge?).
Herausragende topographische Lage, Südimport, Tumuli: All dies deutet darauf, daß Festung Marienberg hallstattzeitlich bereits fest in der Hand des örtlichen "Adels" war. Und wo heute der späterhin Frankenwein rankt, ging der schwere Zug dahin, Kilometer um Kilometer dahin, um endlich hinterm Tal auf einer Anhöhe im vielleicht noch unbenannten Wald seine Leichenbürde zu senken.
Ich - werde einfach die Straße nach Höchberg nehmen, anschließend die nach Kist, dorthin zu gelangen. Und ich werde es in fünfzehn Minuten geschafft haben.
Aber ich werde es wohl nicht schaffen, den Gedanken an das Trüppchen amerikanischer Touristen, die es, tobsüchtig-schnappschüssig um sich zielend, endlich erreicht haben, mich in meinem bergseitig rückwärtigen Mauerdickicht aufzuspüren, nicht mit dorthin zu nehmen. Alles hat seinen Preis. Auch gemutmaßte Erkundungsläufe.
Farn und Hochstände allüberall. Es liegt soviel Laub im Unterholz, daß ich ein ums andere Mal mehr denn knöcheltief einsinke, ein ums andere Mal unter mir ein morscher Holzstumpf nachgibt, ein Gefühl, wie wenn ich Einlaß gefunden in ein tiefes Reich.
Eine Täuschung. Der zentrale Tumulus: kaum mehr als solcher zu begreifen. Ein Erosionsopfer. Ein greiser Baumstumpf obenauf: Doch eine Stele.
Mitten im Walde gelegen -, sprach mir der Fremde in linkischem Fränkisch zu - da ist's noch ein Stück hin. Nun dröhnt und brandet von fernher Autobahn- und Abendverkehr, der zwischen Frankfurt und Nürnberg sich ergießt - die Mitte dieses Waldes hatte ich mir, zurecht, wie ich meine, anders gedacht.
Immerhin erahne ich die einstige Abgeschiedenheit hier, fern der Wacht über dem Main, wo er floß und wo er sich zu Sümpfen staute.
Die Aufschüttung ist kraterförmig inzwischen, wie durchzogen von einer Unzahl kleiner, kleinster Gäßchen; in Nord-Süd-Richtung scheint die Hauptmeile zu verlaufen.
Hier war nichts mehr zu erhoffen, nichts war mehr zu bergen. Schneller als alle fremden waren die einheimischen Tombaroli, die ihr Tun bei Nachtgrau und -graus unbeirrt verrichtet haben. Denn es war halt wie überall: das Sterben hatte Konjunktur. Aber der Totengräber, der hier sein Handwerk verstand, konnte müheloser noch leben als anderswo. - Gehst du zum Fürsten, vergiß die Schaufel nicht. - Wahrscheinlich hat sich so mancher über die Enttäuschung, nichts mehr vorzufinden außer einem Häuflein Staub und Leichenbrand einfach mit dazugelegt. Nichts zu beißen gilt allerorten gleichviel.
Die Sonne steht mittlerweile so tief, daß ihre Aprilstrahlen vom Blattwerk am Boden aufzusteigen scheinen. Abendluft. Dämmerluft. Die Ahnung, jemand oder etwas stoße mich zurück von diesem heiklen Ort. Ich will weiter, die beiden anderen Gräber suchen; bei all den kleinen Hügeln in der Waldlandschaft allerdings ist es schwierig, auszumachen, welcher von ihnen durch Menschenhand geschaffen ist.
Es ist unmöglich. Ich gehe irr und trete entnervt den Rückzug an, da die Nacht ihre ersten heiseren Rufe aussendet.
Diese Ruhe ist das einzige, was solche Welt besitzt. Und endlich - ist sie auch mir kostbar.
Zwanzig Kilometer vor Sigmaringen, wo das Land sich unversehens schließt, wo die Steinmassen rechts und links des späterhin Europastromes ihre Klauen in die Gischt pressen, liegt die Heuneburg, hallstattzeitliche Feste, die der Milan wie ein von Menschenhand gerissener Grat aus dem Bodennichts sich erheben sieht. An ihrer besonders steil abfallenden Ostseite defiliert die Donau vorüber; wiewohl ich sie kaum erahne, dort unten, dort hinten.
Ferne Auen. Das Land erschließt sich dem Betrachter hier in seiner ganzen Weite. Mehr noch als auf Marienberg. Und die Sonne sengt schon vom Maihimmel sonder Gnade meine "Circumambulatio", die Umkreisung der Mitte des Ortes, der Mitte, die leer ist, geplündert einst und jetzt. Die Grabräuber hatten sich hier ein Nest gebaut von ihren reichen Funden (statt Latifundien).
Keine Überbauung stört das Auge. Nichts als archäologische Wüstenei. Benebst Schafen.
Und wenn du ein Jahrhundert lebtest: ein Ende der Untersuchungen auf diesem Grunde ist nicht abzusehen. Dieser Grund - nicht zuletzt einer der ältesten Siedelplätze im deutschen Südwesten; bereits die Jungsteinzeit hat hier Zeugen hinterlassen, spätestens aber seit dem Bronzezeitalter darf von einer geschlossenen Besiedlung, einer "Feste" gesprochen werden. In den nachweislich kaum mehr denn zwei Jahrhunderten der Keltike an diesem Orte muß die Anlage mehrfach durch Fehden und Feuersbrünste abgegangen sein. Indessen beharrte man auf der Niederlassung, und so erlebte die ansässige Adelssippe die Hochzeit ihres Herrentums inmitten einer geharnischten Wallumrundung von sechshundert Metern Länge, die sich an vier Meter hoch aus dem Boden erhob. Hier tummelten sich in Gevierten die Handwerkerhütten, und es gab wohl erstmals - hier - eine Hoffnung auf Kultur, auf Leben. Auf Lebensluft.
Wie zerspringendes Glas: versippte Stämme waren es, Stämme, die des Kriegswesens vielleicht weniger vergessen hatten in ihren rauhen Höhen, die ein Ende setzten solcher Hoffnung. Versippte Stämme: die Sepulturen unfern der Anlage jedenfalls tragen frühste und äußerst kundige Spuren und Narben der Räuberei.
Westab jenseits der Burg - Heuneburg, Hiuneburg, Hünenburg, anders denn von Giganten geschaffen, vermochte sich der Christenmensch des Spätmittelhochdeutschen diesen Anlagebau kaum denken, und auch trieb es dort ja immer sein Unwesen, dies alte Völkchen ohne Kunde, ohne Schrift und ohne Ruh' -: Hohmichele, großer und kleiner. Der eine durchzogen von Erdbauten mittlerer Säugetiere, der andere gleichsam sachkundig angestochen; seiner immensen Größe wegen liegt hier jedoch noch so manch Einsamer unter der Grasnarbe - deren höchster Punkt, man merke auf, ein Denkmal für die Gefallenen beider Kriege ziert. Nachdrückliches Zeugnis hohenzollerscher Geschmacklosigkeit.
Immerhin gibt man diesem Orte damit eine Sprache. Eine Schrift.
"Schriftlose Völker sind mir sympathisch!" meint ein Freund. - Mir nicht. - Er malt sich ein offenbar gewordenes Schlaraffenland des Analphabetentums. Der Naturnähe gar, in der Geist und Leibwelt einander begütigend gegenüberstehen. Ich dagegen, angewiesen auf das Wort, eine jede meiner Regungen auf das Wort zielend, stelle mir eine dumpfe, leidvolle Leere vor, die nichts bevölkert als das Häufchen rastloser Toter, die vor lauter Ödnis nicht schlafen mögen.
Und doch nicht mehr wachen dürfen - eine beunruhigende Offenbarung.
Der Hohmichele ist Teil einer Nekropole; man ahnt heute, daß solche Massenbestattungsplätze aufgrund ihrer zumeist in Längsrichtung gedehnten Gestaltung entlang längst aufgelassener Urpfade errichtet worden sind. Eine Nekropole: noch war der Keltenadel - wir befinden uns am Beginn der jüngeren Hallstattperiode - nicht dazu übergegangen, seine Grablegen von denen des Volkes zu sondern. Sonderung: soziale Differenzierung, Vertikalisierung der Kultur, von denen die Gräber um Marienberg oder Hohenasperg beispielhafte Kunde geben. Aber gerade solch Nekropolencharakter ist es, der schon die Wegesminuten zu diesem Orte bestimmt: eine beunruhigende Offenbarung kündet von sich.
Die Waldesruhe ist stumpf und beharrlich. Beinahe behaglich. Der Forst trägt Schwären und Schwärze, auf ihm lasten die seltsamen Zeiten alle und geben sich ihm preis. Ohne Widerwort.
Der Hohmichele ist eine Schönheit, eine wundersame, zwitterhafte Schönheit, die das Werk von Menschenhand als ein naturhaftes erleben läßt. Der Gegensatz von Natur und Kultur mutet hier nicht aufgehoben an, vielmehr neigt das Werk sich dem Ungeschaffenen, Willkürlichen zu; es verbleibt aber in einer eigenen Spannung. Und aus solcher Ursache heraus, mag sein, mieden die Kelten auch weitestgehend die Darstellung des eigenen Wesens: weil sie sich dieser Spannung nicht begeben wollten, einer Spannung, die ihnen vorderhand das Leben und hintergründig, wer weiß, ihre Teilhaftigkeit am Fleische zu garantieren vermochte. Denn wer sich im Steine wiederbildet, wird selbst zu Stein. Wer aber im Fleische stirbt, bleibt im Fleisch.
Die Luft erschauert, nachhaltig, der April scheint unversehens wieder zurück und weist die ersten Zornesfalten. Das noch wenige Laub schlägt einen widersinnigen Takt auf meinem Weg zurück zum Parkplatz. Es ist eine aufmunternde Begleitung für diese stummen Stunden.

Der Steig knotet sich die Anhöhe hinan; über dem Restforst hängt schwer und schwarz eine Wolkenherde, die Abenddämmerung vorgaukelt an Junitagen, an denen es ansonsten niemals wirklich dunkelt. "The mystic of the place" ist unrettbar dahin, da kann sich das Schwarzwäldervolk über den Flecken erzählen, was es will - die grandios abscheuliche, dünne Stadtsilhouette von Villingen im Nordosten mit ihren schlaksigen Fabrikschloten und Wohnsilos drückt hierorts auch die hartnäckigsten Erscheinungen zurück in die Urbanität. Dabei tummelten sich hier über kaum mehr als zwei Generationen hinweg die Totenschaufler, mehr denn einhundert Nachbestattungen hat man diesem Großgrabhügel entnommen, bevor man die Erde freizügig wieder über das Waldranddenkmal baggerte. Ein Leichengedränge muß das gewesen sein, Danse macabre wie in einem drei mal vier Meter schmalen Raume.
Ein Schüttungsvolumen von dreiunddreißigtausend Kubikmetern Erde, ein Durchmesser von über einhundert Metern: Ich lasse Villingen in meinem Rücken röcheln und steige empor (schickt sich solcher Ausdruck an solchem Orte? Müßte es nicht vielmehr heißen: hinab, hinab mit mir?). Unverwandter Dinge leuchtet unter den ersten Blitzen dieser gewitterreichen Saison der Kapf auf, ein Schwarzwälder Höhenzug, der die dazugehörige hallstattzeitliche Siedlung getragen haben muß. Nahebei, in regelmäßiger Verteilung als Rundausblick: Bäume, Weizenfelder, Öde, im Süden ist versuchsweise der Schemen eines Alpenpanoramas zu erkennen. Die hier Versammelten hatten das Starrgesicht in Richtung des Landes der Sehnsucht - und der schwarzfigürlichen Keramik. Allerdings verstellt von einem Todesstreifen aus Viertausendern, aus Gletschern und Moränen.
Knarrend windet sich ein Etwas unter meinem Tritt: Es ist der Abfall der letzten Sonnabendorgie - dosenweise Bier, Asche, Würstchenbrand. Der weiland unter die berühmtesten zu rechnende Tumulus im Herzen des Keltenlandes gibt sich der Postmoderne preis, den neuen Herren von Villingen.
Das Ende der alten Fürsten vom Kapf soll katastrophal gewesen sein, so jäh, so unaufhaltsam, daß eine ausgehobene Grube im Hügel noch nicht einmal mehr gefüttert hatte werden mögen mit ihrer Totenbeute. Das Ende war katastrophal - so ahnt, ja weiß, wer unter dem ersten Regengeflitter den gewundenen Weg zurück zu seinem rasche Behaustheit versprechenden Gefährt sucht.
Hinter jeglichem kindlichen Eindruck als früheste Erinnerungsspur schon vorhanden. Erst weiland Fürsten-, dann Terroristen-, nunmehr berüchtigter Touristensitz, der Zeugenberg des Gipskeuper. Mir zu lange schon vertraut, klar, daß ich hier kaum neue Beobachtungen zu tun verstehe.
Die Sonne grinst noch hämisch durch unverhohlenes Septembernaß. Doch sie neigt sich schon. Die nicht endenwollende Reihe von Portalen hinter mir, entlang der Festungsringe und höher, um oben endlich einen raschen und betretenen Blick auf das Altsiedelland zu senden; das Land, einer der, oh Wunder!, bestbeleumdeten Industriegürtel dieses Kontinents, eingedenk der wohlüberlegten Mischung von Fachwerkbau und Fertigungshalle (der weiland Autozuliefererbetriebe).
Die Fernstraßen tosen, ihre blechernen Kaskaden. Da unten gähnt Ludwigsburg, räkelt sich inmitten dreier Schlösser und krakeelt bis nachts um kurz vor zwölf; in der Ferne, dort, da trug die Landschaft auch einmal einen Grabhügeltoten - heute bläht sich in ihr nurmehr ein Trinkwasserbehälter.
Weiter: Asperg, dessen Trutz und Zuflucht diese Stätte gewesen. Schält sich die schroffe Hügelwand hinab. Markgröningen anbei, Heimatmelodey, saitenweise verkehrt gesungen. Allmorgendlich: der fade gellende Laut sprengmeisterlicher Hoboen bis ans andre Ende der Stadt. Möglingen, der Tumulus Kleinaspergle und ihn flankierend eine Reihe weiterer, die bis heute nie untersucht worden sind. Saturiertes Land. Schon von alters her trug das Lange Feld gen Möglingen zu die fettesten Böden in der Weite und Breite.
Nächst der Überbauung verhält es sich mit dem Hohenasperg ähnlich dem Würzburger Burgberg. Die Zeugen hallstättischer Besiedlung waren nur spärlich von seiner Ostseite zu bergen, aber die Vielzahl der Sepulturen in der nahen Umgebung sprechen eine beredte Sprache von der Bedeutung dieses Hortes der Keltike.
Allein fehlt dem Platze hier ebensowohl ein Entscheidendes, was Marienberg oder Heuneburg auszeichnet: die Nähe zum Wasser, der unweite Flußlauf. Bei einem gewässergötterfrommen Volke wie dem der Kelten gereichte dies im Grunde eher zum Nachteil. Daneben verungünstigte es die Verkehrssituation eines solchen Ortes in ernstzunehmendem Maße. Enz und Neckar waren nach langen Märschen erst zu erreichen, selbst gesetzt, die Flußläufe haben ihre Positionen über die Jahrhunderte nicht wenig verändert.
Die Ackerflurbedingungen, dazu gewiß die Uneinnehmbarkeit der Anhöhe müssen es sohin gewesen sein, die den Sitz dem Bild und Schrift abholden Volk empfohlen haben.
Hohenasperg ist nicht zu umrunden, noch heute trägt er eine Vollzugsanstalt. An seiner wohl eindrucksvollsten Stelle ragen Mauern und der Erkunder ist gezwungen, fürlieb zu nehmen mit einem dümmlichen "Um-die-Ecke-lugen". Aber er wird immerhin darauf gewiesen, daß diese krumme Stelle benannt ist nach einem hier einst wirkmächtigen General von Hügel. Wie bezeichnend!
Der Mond blakt, magere Kerze aus Stanniol, über dem nordwestlichen Himmel. Die Autozulieferer sind längst zur Ruh'. Nun - ruh' auch du.
Allseitig bedrängt von einer Armada Heuwendemaschinen, die bizarrste Namen auf ihrem Bug preisgeben: der jüngst noch reiche und heuer so perfide neuaufgeschüttete Tumulus zu Hochdorf.
Es ist einer dieser ganz ganz raren Frühherbsttage: die Landschaft weist wie durch eine Milchglaskugel blickend das hohe Wangenknochenfleisch. Besonders in Richtung der Stadt Stuttgart geistert eine Atmosphäre, dicht und dick wie Mehlstaub.
Die vorherrschende Farbe ist auch hier Braun. Viermal Ackerschollenbraun.
Beim Blick in die Weite, der in festen Bann geraten der Silhouette von Hohenasperg mit ihrem weitgeschwungenen Hügelrücken und seinem jähen Anstieg und Fall zu Ostnordost (ein Buckligen-Akt):
Es ergehe der Ruf an alle Kulturen dieser Epoche: schüttet Hügel auf! Schüttet noch mehr Hügel auf! Vielleicht ist dies das herrlichste, was ihr überhaupt zustande gebracht bis zum heutigen dunstigen Tage.
Ich befinde mich zehn Kilometer südwestlich von Hohenasperg; vorbei an zwei Höfen, die den kurzen Marsch aus dem Dorfe flankieren, bietet sich rasch der Anblick der umgatterten archäologischen Sensation: denn hierorts war es, da erstmals eine ungestörte Grablege in Deutschland ans Licht des zwanzigsten Jahrhunderts gefördert hat werden können. Kaum noch anderthalb Meter maß die Höhe des Tumulus zum Zeitpunkt der Untersuchung, aber eine fünfzig Tonnen schwere Steinpackung lastete ob dem hohen Toten und seinem Sachgeleit und hat Kline, Wagen und Krater mehr oder minder in gepreßte Platten Bronze oder Goldes verwandelt. Eine Sisyphosarbeit der Wiederherstellung, eine phantastisch anmutende Leistung angesichts des Zustands, der sich dem ersten Photographen dieser Nachwelt bot.
Seitdem wissen wir so recht erst, wie sich die Sage vom Golde der Altvorderen in diesem Lande über die Zentennien und Dezennien hat bewahren können. Die Eichenholzkammer, die den Toten barg, entfaltete ein kaum vorstellbares Gepränge: Textile Wandbehänge in reicher Wahl, drapiert mit Bronzefibeln, der Boden eisen-, bronze-, ja bernsteinverziert.
Dabei ist das Hügelgrab ein Kontinuum. Schon Kulturen vor der Urnenfelderzeit haben längst auf diese Weise bestattet. Aber bei weitem nicht in solchem Luxus, solchem Leichenprunk, wenn über die Zeit von Erntemonden und halben Jahren die nötigsten Arbeiten nur mühevoll verrichtet, das Tagewerk weitgehend ruhte und die ganze Schar damit beschäftigt war, die nicht mehr allzu reinliche Hülle unter irdener Tonnenschwere zu bergen. In solch eigentümlicher Luftmischung versteht man: Der Totenkult hat diese Menschen an den Rand der Katastrophe - und darüber hinaus - gebracht. (Was Wunder, daß ihre Nachfahren es einmal andersherum probiert haben?) Was blieb auch dem sozial korrumpierten Volke als vor den Toren Roms oder Delphis nach Gold zu gehen? Und wie nach ihnen der Gotenfürst Alarich, so konnten sie dort ausrufen: Was wir euch lassen, wenn ihr all euer Gold abliefert? Das nackte Leben! (Das steht bei euch doch hoch im Kurse!).
Windrosenleichenbettung: Kopf südwärts, die Füße gen Norden. Der Blick auf die Siedlung gerichtet. (Allein: in sicherer Distanz.) Die Grabbeigaben rituell unbrauchbar gemacht und keinen im Kriegsgebrauche befindlichen Gegenstand untergeschoben. Der Wissenschaftler deutet solche Maßnahme im Sinne des Unnotwendigen eines jeden Waffengeräts im Jenseits. Welch lieblich-leidlose Vorstellung einer Nachtodwelt! Wozu dann doch der ganze Fleiß, darauf verwandt, dem Abgeschiednen seinen Platz unwiderruflich zuzuweisen. War es nicht vielmehr so, daß man dem Wiedergänger nicht auch noch gar das Schlächterbeil hat zustecken wollen? Bleib', Toter, bei deinen Scherbenresten, was immer dir geschieht, bleib' bei deinen Scherbenresten. Mit deinem gebrochnen Beine. Und deinem gebrochnen Hals.
Schwer hält es, voranzuschreiten auf solchem "Erkundungslaufe" ohne - eigentliches - Ergebnis. Was meint: präsentables Ergebnis. Oder wenigstens Zwischenergebnis (anverdaut). Aber dies Mosaik war nicht mit einer sotanen Anlage versehen, nicht auf ein - eigentliches - Ziel hin konzipiert. Wir verharren in der Momentaufnahme, Kinder des Nachrichtenzeitalters.
Denn sie: sie bleiben für uns die Ruhelosen, unverständig-unverständliche. Und sie werden sich uns - ohne Letter, ohne Erinnerung - niemals offenbaren. Sie sind die ewig Andersgesinnten.
Und ich? Ich noch immer auch Jäger und Sammler: Sammle Eindrücke, zu verstehen, weshalb der Mensch mir unheimlich bleibt.
© Martin von Arndt 2000
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