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Martin von Arndt: Rimbauds 11. Symphonie

Von Kindheit auf bin ich ein "akustischer" Mensch gewesen. Mit Erstaunen nur, Bangen und einiger Besorgnis habe ich die Werke von Schriftstellern gelesen, die sich als Grenzgänger zwischen Literatur und Bildender Kunst verstanden, habe sie gelesen wie ein Wesen von einem fernen Stern. Bis heute hat sich daran nichts geändert: Mit Bildender Kunst kann ich erschreckend wenig anfangen, ich stehe vor Bildern und Skulpturen wie vor Designerbesteck und neun verschiedenen Sorten Kapern in der Dose.

Man hat sich vor gut zweihundert Jahren, nachdem britische Philosophen in verstaubten Diskussionen mit französischen Philosophen und deutschen Dichtern einander die Schädel eingeschlagen hatten, eine Zeitlang waffenstillständisch mehr oder weniger darauf geeinigt, die These von den statischen und den nichtstatischen Künsten anzunehmen. Musik und Literatur gelten darin als Künste, die ein Fortschreiten in der Zeit begünstigen, nicht aber im Raum, während die Bildende Kunst eine Kunst des Raumes ist, nicht aber der Zeit. (Tradierte) Bildende Kunst trägt den Nimbus des Statischen, ist eingefrorene Bewegung. Ein Manko, der Verzicht, das Verzichten-Müssen auf Bewegung. (Deshalb wurden - allerdings aus je unterschiedlichen Motivquellen - einst Film und Comic geboren.)

Musik und Literatur dagegen sind in ihrer Aufnahme des "Zeitverlaufs", der "Bewegung", eine der Grundvoraussetzungen für biologisches Leben schlechthin, einander eng verwandt. Musik ist Bewegung, ist Ver-lauf. Auch Literatur ist Bewegung. Selbst das nicht selten statisch anmutende Gedicht ist Bewegung, indem es den Gang des Gedankens selbst ("Gedankenfluß", ein zutiefst idiotisches Wort), der Körper-Erinnerung selbst, des Körper-Unbewußten mitvollzieht und nachvollzieht.

"Bewegliche" Künste, Künste, die auf dem Fortschreiten von Zeit basieren, ja, deren Funktion Zeitlichkeit, Vergänglichkeit ist; eingefrorene Bewegung dagegen ist Zeitlosigkeit, ist ein Erzwingen von "Ewigkeit", daher sagen wir zu etwas der Zeit Enthobenem, es sei wie "aus Stein gemeißelt"; und oft genug verbinden wir mit dieser bildkünstlerischen Formulierung nichts Positives, eine Äußerung menschlicher Hybris. Musik und Literatur dagegen tragen im Zulassen solcher Zeit-Funktionen etwas zutiefst Menschliches in sich. Und beide, Musik und Literatur, sind mehr oder weniger akustisch ansprechende Künste, ja, man könnte sagen, bei der Musik handle es sich um das Ansprechen unseres "äußeren Ohrs", bei der Literatur um das unseres "inneren Ohrs". Lesen ist immer auch ein "Sich-Vorlesen", während des Vorgangs hören wir in uns hinein. Literatur und Musik sind also "Hörweisen" der Kunst. Hier wie dort hat die Hirnforschung nachweislich mehr und andere Gehirnpartien aktiv ausmachen können als beim zweidimensionalen oder räumlichen Betrachten. Vor allem diese "anderen" angesprochenen Hirnpartien lassen die Musik nicht zuletzt auch leichter rezipierbar erscheinen (als Hintergrund-Gedudel), zugleich natürlich aber auch schwerer rezipierbar, schwerer hab-bar, sobald sie sich einem Weghören verweigert. Unsere seltener angesprochenen (Hör-) Hirnpartien sind eben auch schwerer zu bestechen oder wegzublenden. Ebenso wie unser inneres Ohr (Literatur) und unser äußeres Ohr (Musik) schwerer zu verschließen sind als unsere (inneren und äußeren) Augen. Der "optische" Mensch ist eben immer auch der oberflächliche, ist der Sanguiniker und Optimist (im Wort Optimist können wir zugleich "optos" finden, Licht, oder besser: das Licht-hafte am Auge, die An-schauung). Er ist der Oberfläche verpflichtet und zugleich läuft er Gefahr, der Oberfläche Knecht zu werden. Die Verbindung von Literatur und Bildender Kunst hat den Künstlertypen des Dandy und Flaneurs hervorgebracht, ein durch und durch unsympathischer Hedonist, der nie so recht weiß, was die Stunde eigentlich geschlagen hat und der in jedem der großen Kriege gnadenlos als Kanonenfutter mißbraucht worden ist. Eine (leider) wieder sehr moderne Figur. Wie auch der Krieg und die Kriegstreiberei seit jüngsten Tagen wieder eine gewisse Modernität erhalten haben. Aber ich verliere mich. Zurück zu:

Literatur und Musik.

Obwohl ich pubertierend damit begonnen habe, selbst als "komponierender" Musiker aktiv zu sein, war die Musik, die ich hörte und die mich beeinflußt hat zu der Musik, die ich spielte, für mein Schreiben zunächst von untergeordneter Bedeutung. Ich war fasziniert von experimenteller Independent-Musik: Bauhaus, Cabaret Voltaire; von Industrial: The Anti-Group, SPK; von Free-Jazz oder Fake-Jazz, der die Berührung mit den "Verunreinigungen" der achtziger Jahre nicht gescheut hat: Ornette Coleman, John Zorn, Fred Frith, den Lounge Lizards. All das hat die Musik meiner Band Printed at Bismarck's Death mitbestimmt. Meine Erzählungen und Kurztheaterstücke blieben davon aber weitgehend unangetastet, so daß ich lange daran geglaubt habe, daß Musik keinerlei Eindrücke in meinem Schreiben hinterlasse. Eines Tages aber trat dem ein für mich vollkommen neues Element hinzu: Ich habe beim Lesen Rimbaudscher Prosagedichte Musik empfunden, permanent, habe sie zu kondensieren gesucht, bin jahrelang nicht darauf gekommen, bis ich sie endlich durch Zufall der 11. Symphonie von Schostakowitsch habe zuordnen können. Dieser Effekt hat sich seitdem entweder vervielfacht oder ich habe ihm überhaupt zum ersten Mal Raum in mir gegeben, jedenfalls "höre" ich nun Literatur in nahezu demselben Maße, wie ich sie lese. Und schreibe. Klassische Musik vorwiegend. Klassische Musik ist keine Inspirationsquelle für mich, sie ist Teil des Lesens oder Schreibens schlechthin. Ein nicht unbedeutender Teil selbst meiner wissenschaftlichen Arbeiten trägt musikalische Vorworte oder Motti, die ich als Begleitung weniger denn als Interpretationshilfe verstanden wissen möchte. (Was die Interpretation allerdings nicht a priori einfacher machen dürfte.) "Interpretor" heißt im Lateinischen: ich agiere als Mittler, als Überbringer einer Inhaltlichkeit. Musik, fremde wie die eigene, erst versetzt vielleicht in die Lage, die Inhalte (zwischen den Zeilen, zwischen den Tönen, Zwischentöne eben) des Schreibens und Lesens zu mitteln, die sich des Übersprungs vom Autor zum Leser ansonsten hartnäckig verweigern. Überschauend kann ich sagen, daß die wichtigsten meiner "Interpreten", meiner "Interpretationshelfer", die am nächsten an meinem eigenen Schreiben "gelagerten" Komponisten, Vertreter des russischen Futurismus sind: Aleksandr Mossolow vor allen anderen, Dimitri Schostakowitsch, Leonid Polovinkin, Sergej Prokofieff, über ein Thema seines zweiten Klavierkonzerts habe ich drei Variationen geschrieben und damit versucht, selbst eine Grenzgängerei zwischen Literatur und Musik zu unternehmen. Aber auch nachfolgende Generationen sehe ich vertreten: der Este Tubin, der Argentinier Ginastera, der Deutschrusse Schnittke, der Weggefährte Brechts Hanns Eisler; und auch "Väter" der klassischen Musik: Sibelius, Brahms, und nicht zuletzt der polnisch-litauische Komponist Mikolajus Ciurlionis.

Da ich die Musik nicht in mein Schreiben zwinge, sie sich vielmehr darin von selbst breitmacht, ist es von besonderer Schwierigkeit für mich, diese Prozesse zu analysieren. Ich kann zumindest angeben, was sie nicht ausmacht: Synästhesien beispielsweise; so sehr ich Rimbaud schätze: die exemplarischen Versuche, Buchstaben Farben zuzuordnen, lassen sich vielleicht mit regelmäßigem Absinth-Konsum nicht wegerklären, initial erklären lassen sie sich sicher. Entsprechend kann es nicht darum gehen, im engeren Sinne Texte tönen hören zu wollen (nur wenn sie selbst ihre eigene Musikalität heraus-fordern).

Die Nähe von Literatur und Musik ist übrigens auch ein schwieriges Geschenk, eine knifflige Gnade. Rimbauds 11. Symphonie ist ein durch und durch komplexes Werk. Und ich bin einigermaßen froh, wenn ich ab und an Erholung finde in Texten, die nirgendwo widerklingen. Selbst wenn ich weiß, daß es sich dann gemeinhin um zweitrangige Texte handelt.

(Polnische Erstveröffentlichung in der Literaturzeitschrift Ha.art)

© Martin von Arndt 2001

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