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Die ersten zwanzig Triduen:
"Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer."
Wenn all dies wahr ist und in dieser Gestalt - dann, ja dann geleitete ihn
dorthinaus der Beginn von Sibelius vierter Symphonie. Aus Licht in Nebel.
Weinender Frost, Klirregen. Schritte, nur wenige, und Beingewimmel,
allgegenwärtig hier. Sein schleppendes Fußtasten in stets ungleichem Tritt und:
Stehen, die Bö faßt ihn hämisch um die Kehle.
Viertel nach eins und Bahnhof. Wer sich jetzt umdreht, kehrt nicht mehr zurück.
Aber wohin auch? Kein Gepäck?
Die weiteren zwei Schritte sind eine Lüge. Und es ist nicht gleichgültig, wie er
sie gesetzt haben mag. Der Blick ist unschuldig, was er auch streift, er ist
unschuldig. Auf seiner Höhe ein schwach beleuchtetes Nummernschild.
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Ein Taxi, vielleicht: eine Gelegenheit. Jedenfalls nicht derart starr
bleiben, weiterrücken, inmitten treiben. - Nun hat er sich doch umgedreht.
Leider. Verwässert und schwarz, der Zeiger der Uhr rückt um einen Strich noch
dämmerwärts.
Und das Taxi schwelt in Regung.
Theater wählt er als Zielort; weshalb auch nicht, Theater ist jederzeit der
rechte Platz. Was nur knirscht das trübe Gesicht im Spiegel?
Um diese Zeit? Wirklich - Theater? tönt es in mir, mir im Spiegel.
Blinder grauer Filz umspült seine Knie, lang ausgestreckt durchzittert er die
Zeit auf der Rückbank. Dann vorbei an rastlosem Kobalt, Teer, angestaunten
Häuserleichen, Neonkot, überall blaut Sperrbezirk; Regenmorgen, Regen tränt auf
Autodächer, Blutbaracken, ausgeschwefelt. Xenonkrallen. Die Nacht. Hungern
zwischen Betongötzen. Ohne Menschen, ohne Lieder.
Indes: die Bremse. Wehrlos graut das Augenpaar jenseits meiner Schulter. Die
Symphonie endet ihm hier, ich stelle das Radio ab.
Er sucht in seinen Taschen und findet genug, reicht es mir hin; ich fürchte, wir
sehen uns wieder und rasch, dann weicht mein Fuß nach rechts aus und der Wagen
läßt zurück:
blinden grauen Filz vor Monumentalbau.
Noch haben seine Augen sich nicht abgefunden damit, nichts zu erspähen. Halb
zwei Uhr vorüber, der Pechstrom vom Himmel nimmt zu. Die Schritte kläffen endlos
stets, blonddurchwässert der Mantelkragen. Zu was Ende ihn seine Beine jetzt
wohl tragen. Geradesogut könnte er sie verkaufen. Früher oder später muß er
ohnehin etwas zu Geld machen in dieser Stadt.
Das Gras fällt, schmalen Weg freigebend, zum Ufer ab; dorthin tritt er jetzt.
Unruhig treibt das Auge auf den Wassern, der Blick will weinen, ziert sich nur
noch, weshalb denn - traumverwirrt?
Von jenseits dröhnen die Explosionen der Vierzigtonner, vorbei, immer vorbei im
Autobahngewimmer. Und die Gottesrinnsal nimmt den Kampf nicht auf, kaum daß man
sie sähe, noch gar vernähme.
Dann aber bricht in ihn wie ein Schrei: das Angekommensein. Regen furcht noch
stumme Falten schneller in sein Angesicht. Diese Nacht, so glaubt er, verbringt
er am besten am Ufer, dort im Gesträuch.
Die andren zwanzig Triduen:
"Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze."
Am Morgen indes - und nicht nur an diesem - wacht er hastiger auf, bis er
vielleicht gar nicht mehr zu schlafen vermag, wenngleich ihm auch nichts bleibt
als dieser Schlaf. Er sucht, vornehmlich den allnächtlichen Büschen und
Hauseingängen zu entrinnen.
Das heißt für ihn:
Blau. Zischt ihn an, stöhnt ihm entgegen. Urtiefe, Brache, ein Lied aus Teig.
Café im Herzen der Stadt an einem ewig toten Spätabend, und Bleischleier krücken
über Scheibe und Firnis.
Er müht sich, zu schreiben - und soll nicht. Er wird nicht.
Nur dem Taxifahrer wird er begegnen. Vor dem Bahnhof, ein um das andere Mal.
Sein Blick wird dann erkalten. Ein um das andere Mal.
Und in jenen Tagen will vielleicht Heimat herauf unter dem Obdach einer nicht
mehr ganz jungen Prostituierten. Die trägt ihr Haar gefärbt, seit Jahren schon,
und so wird ihm ein Platz zum Schlafen gewiesen.
Wenn die Träume aber kostbarer werden, nimmt alles wieder seinen Lauf.
Dann trinkt er sich endlich satt am Regen, der blinde graue Filz.
Die letzten zwanzig Triduen:
"Laßt jede Hoffnung, so ihr eingetreten."
Was aber dem Tode angehört: fett ist es und fetter muß es werden. Dem
Lemurenhort verabreicht, Stück für Stück für Stück für Stück. Wer nicht schläft,
wird nicht wachen, heißt es. Wer aber wacht, soll nicht bleiben.
Wenn die Tage kürzer werden, werden es rasch auch die Nächte. Dem Umherirrenden
gilt das nichts. Nur muß er sehen, sein Vergessen zu behalten, wird er in seinem
Dunkel aufgespürt und wundgerieben am Pflaster. Er kann die Nähe dann der
Autobahn suchen, gleich ob sie nach Norden oder Osten trägt. Um einen Zahn ringt
er mit sich, er bewahrt ihn. Lange.
Einmal indes, da wird er es heißen, ein andermal zum Theater zu fahren, das
Taxi, einmal, ein andermal, und wird zum Ufer sich kehren, sein Prämolarenopfer
zu bringen. Unter solchem Himmel, zerschlissen und inkontinent. Und wird sie
wiederkehren, die Symphonie.
Nur mir allein klingt sie in gläsernen Morgenstunden, wenn nach der letzten
Fahrt der Blick kaffeeumwühlt den Schloßberg hinab und ferner gleitet.
Dann treibt dort an der Oberfläche des todesmatten Khakiflusses abwärts, immer
abwärts eine ausladend-aufgeschwemmte Masse, gehüllt in blinden grauen Filz. Und
alles, alles, was ich denke, mag sein: Quasi adagio. Dämmerwärts.
© Martin von Arndt 1997
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