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Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion

Aus: Klassiker der Religionspsychologie

Autor und Werk

Sigmund Freud wird 1856 im mährischen Freiberg geboren, studiert in Wien Medizin, ist - unter Einfluß des französischen Neuropathologen Charcot - zunächst in Paris entscheidend mitbeteiligt an der Entwicklung einer positivistisch orientierten Psychopathologie, beschäftigt sich in der Folge als praktizierender Nervenarzt in Wien mit dem Erscheinungsbild der Hysterie sowie anderer neurotischer Störungen, und veröffentlicht zur Jahrhundertwende die "Traumdeutung", auf der über die nächsten Jahrzehnte die neue Theorie der Psychoanalyse als Methode zur Behandlung von Seelenstörungen basieren wird. Seit 1902 bekleidet er den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Wiener Universität und widmet sich zusammen mit einem wachsenden Schülerkreis der Ausbreitung der psychoanalytischen Lehre und ihrer klinischen wie nichtklinischen Anwendungsgebiete. Nachdem sich mehrere Schüler von Freud abwenden - darunter Jung, Adler und Reich -, die analytische Methode seit den frühen Dreißiger Jahren erneut in das Kreuzfeuer ultrakonservativer wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher Kräfte gerät, wird der Arzt jüdischer Abstammung nach dem Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich 1938 endgültig ins britische Exil gezwungen, wo er 1939 stirbt.

Die vorliegende Arbeit, eine der letzten Schriften Freuds, wird 1941 erstmals auf englisch in Großbritannien veröffentlicht und liegt auf deutsch als Einzelschrift1 seit den Siebziger Jahren vor.

Inhalt

Der Aufsatz vom Mann Moses setzt sich zusammen aus drei Teilen von zunehmender Komplexitätsstufe: Steht der erste Teil "Moses ein Ägypter”, erstmals erschienen in Imago 23 Heft 1 aus dem Jahre 1937, noch ganz unter dem Einfluß der historiographischen Argumentationsbeschaffung und kommt mit wenigen psychoanalytischen Grundgedanken aus, so sichtet Teil Zwei "Wenn Moses ein Ägypter war…” (ursprünglich in Imago 23, Heft 3) mit seiner hypothetischen Umformulierung der Anfangsthese deren soziokulturelle Verknüpfungen und berücksichtigt verstärkt psychologische Implikationen. Im dritten Teil "Moses, sein Volk und die monotheistische Religion” (zwischen 1938 und 1939 entstanden) versucht Freud auf Basis seiner bisherigen religionspsychologischen Erläuterungen die These zu sichern, daß dem monotheistischen Kult eine verdrängende, universal gültige Sühnehandlung zugrundeliegt: Vatermord und Vaterfraß aufgrund der Dominanz eines verbietenden Ur-Vaters führen zur Einhaltung des Inzesttabus, zu Triebverzicht und zur Verehrung einer moralüberwachenden Vatergottheit. Ein Gedanke, der in Freuds Schrift "Totem und Tabu” (Imago 1912/13) bereits ausführlich behandelt worden ist: die "Totemmahlzeit" erklärt sich hier als beschwichtigende Gedenkfeier "primitiver Völker" für eine verbrecherische Tat.

Freud beginnt mit einer Untersuchung der geschichtswissenschaftlichen Idee eines "Moses aigyptiacus". Der Name (hebräisch: Mosche), den viele Exegeten zurückführen wollen auf eine hebräische Umschreibung der mythischen Findung des Knaben, - eine kaum mehr als volksetymologische Deutung -, geht vermutlich auf den ägyptischen Namenszusatz "-mose" zurück, der "Kind" bedeutet und in vielen ägyptischen Namen enthalten ist.2

Sollte Moses indes Ägypter sein, so bleiben einige für den bisherigen Kenntnisstand schwer zu beantwortende Fragen offen: Wozu die aufwendige mythische Findungserzählung, die den Ägypter, der ein Jude ist, wiederum zum Ägypter macht? Und welchen Nutzen zieht ein Ägypter aus der Führerschaft über ein geschichtlich bis dato unbedeutendes Volk?

1909 veröffentlichte Otto Rank seine zentrale Schrift: "Der Mythus von der Geburt des Helden", in welcher er anhand einer Reihe vergleichender Untersuchungen zum Thema des Heldenmythos dessen mythischen Archetypus rekonstruiert. Der Held, als das Kind vornehmster Eltern, kommt unter mirakulösen Umständen zur Welt, meistens droht ihm - auf Basis eines zuvor gestellten Orakels - Gefahr durch den Vater, so daß das Neugeborene zu Tötung oder Aussetzung bestimmt ist3, von Tieren oder Menschen geringer Herkunft (Adoptiveltern) gerettet wird, um, herangewachsen, die leiblichen Eltern wiederzufinden, sich am Vater zu rächen, und höchsten Ruhm zu erlangen.

Dies Motiv findet sich auch im Moses-Mythos, und es findet sich als Reaktion auf den "Familienroman" des Kindes, "in dem der Sohn auf die Veränderung seiner Gefühlsbeziehungen zu den Eltern, insbesondere zum Vater, reagiert." (Freud 1975, S.29) Geht die Vater-Imago in den ersten Jahren des Kindes noch einher mit einer grandiosen Überschätzung von dessen Potenzen (König), so wird der Vater in der ödipalen Phase zum Rivalen, seine Fähigkeiten werden jetzt realistischer eingeschätzt, er wird zum "Viehhirten": "Die beiden Familien des Mythus, die vornehme wie die niedrige, sind demnach beide Spiegelungen der eigenen Familie, wie sie dem Kind in aufeinander folgenden Lebenszeiten erscheinen." (ebda.)

Im Gegensatz zu dieser Deutung finden wir im Moses-Mythos eine Abkehr von der geringen zur königlichen Familie. Psychoanalytisch gesehen gilt: die Realität ist immer an zweiter Stelle zu finden4. Moses, von ägyptischer Abkunft, wird in einer für die Redaktoren zweckdienlichen Weise eine "vorrealistische" Herkunft aus jüdischem Blut ersonnen. Er, der Ägypter, soll per Sage zum Juden erklärt werden. Aber wozu?

Freud geht der Frage im zweiten Teil der Schrift nach. In Anbetracht des Dünkels der ägyptischen Großnation gegenüber fremdem Volkstum erscheint dieser Schritt als absurd. Auch die Tatsache der Inkommensurabilität der beiden Religionen - hie ein ägyptischer Polytheismus, hie ein strenger jüdischer Monotheismus - könnte diesem Gedanken widersprechen.

Freud verweist indes auf eine Phase in der ägyptischen Geschichte, in der der Polytheismus von einem strengen Monotheismus nahezu ganz verdrängt wird: Während der 18. Dynastie, um das Jahr 1375 vor unserer Zeitrechnung, besteigt ein junger Pharaoh namens Amenhotep IV., der sich in der Folgezeit Ikhnaton oder Echnaton nennt, den Thron. Seine Herrschaft dauert nur 17 Jahre, nicht unwahrscheinlich ist, daß er Opfer einer Verschwörung der an den Rand der Gesellschaft gerückten und unterdrückten Amun-Priesterkaste wird, die seinen Namen, Daten seiner Herrschaft und Zeugnisse seiner Religiosität - der Verehrung des Sonnengottes Aton als alleinigem Vatergott - im wahrsten Sinne auszulöschen sucht.5 Seine Religion ist wahrscheinlich auf einen kleinen und elitären Personenkreis beschränkt geblieben, der der Rache eines demagogisierten Volkes ungeschützt preisgegeben ist. - Und so könnte Moses, der den Juden einen geistesgeschichtlich ungewöhnlich "hochstehenden" Monotheismus lehrt, einer jener verfolgten Atonpriester der Priesterschule von On sein: "Wenn Moses ein Ägypter war, und wenn er den Juden seine eigene Religion übermittelte, so war es die des Ikhnaton, die Atonreligion."6

Im Gegensatz zu den elitären Bestrebungen seines Pharaoh läßt die "energische[...] Natur" (S.43) Moses’ ein Abrücken von der "Volksbasis" nicht zu; er wird beherrscht von dem Gedanken, mit einem neuen Volk ein neues Reich zu gründen. Und wenn er, wie Freud vermutet, aus der Grenzprovinz Gosen kommt, ist er bereits vertraut mit den dort zur Hyksos-Zeit eingewanderten semitischen Stämmen, bestimmt sie zum auserwählten Volk eines neuen monotheistischen Bundes.7

Allerdings erscheint dies Ergebnis unvereinbar mit der zur Zeit der Abfassung der Freudschen Schrift historischen Forschungslage, die in Moses einen "Ahnherr[n] der Priester von Qadeš"8, einer Oase am Westrand von Arabien, sehen möchte. Die Priesterschaft dort huldigt dem Vulkangott Jahwe, dessen heiliger Berg der Sinai-Horeb ist, und es ist wahrscheinlich, daß hier auch ein Zusammenschluß stattfindet zwischen unterschiedlichen semitischen Stämmen. Einer von ihnen ist aus der Fremde gekommen9, er überlagert den bereits ansässigen kriegerisch, übernimmt allerdings weitgehend dessen Religion. Einer der Religionsverschmelzer, der Mittler zwischen Gott und Volk, trägt den Namen Moses. Er ist Schwiegersohn des midianitischen Priesters Jethro und erfährt seine Berufung beim Hüten der Herden Jethros. Ein zweiter Moses also, der vor der Anwendung magischer Mittel nicht zurückschreckt.10 - Zusammenfassend erklärt Freud, "daß der ägyptische Moses von den Juden erschlagen, die von ihm eingeführte Religion aufgegeben wurde. [...] Der aus Ägypten zurückgekehrte Stamm vereinigte sich später im Landstrich zwischen Ägypten und Kanaan mit anderen verwandten Stämmen, die dort seit längerer Zeit ansässig gewesen waren. Ausdruck dieser Vereinigung, aus der das Volk Israel hervorging, war die Annahme einer neuen, allen Stämmen gemeinsamen Religion, der des Jahve [...]."11 Eine solche Verschmelzung basiert auf dem Kompromiß der Sitten beider Völker: so wird einerseits am ägyptischen Beschneidungsritus festgehalten, andererseits übernimmt man tragende Züge des Gottesbildes aus der midianitischen Religion.

Um den Mord am ägyptischen Moses zu sühnen, wird die Gestalt im Gedächtnis des Volkes überhöht und mit den Zügen des Jethroschen Schwiegersohnes ausgestattet12. Dabei behält er aber den Namen Moses. In einem weiteren Schritt folgt auf die Sühne die geistesgeschichtliche Tilgung des Verschmelzungsvorgangs.13 In den jeweils neuesten Redaktionsabschnitten setzt sich eine zunehmende Tilgung des midianitischen Erbes durch, die Jahwereligion bildet sich zurück zum monotheistischen Glauben, der aus Ägypten stammt.14 In der Folge aber "erhoben sich aus der Mitte des Volkes in einer nicht mehr abreißenden Reihe Männer, nicht durch ihre Herkunft mit Moses verbunden, aber von der großen und mächtigen Tradition erfaßt, die allmählich im Dunkeln angewachsen war, und diese Männer, die Propheten, waren es, die unermüdlich die alte mosaische Lehre verkündeten, die Gottheit verschmähe Opfer und Zeremoniell, sie fordere nur Glauben und ein Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit [...]." (S.62)

Im abschließenden dritten Teil widmet sich Freud zunächst einer Zusammenfassung der bisherigen Thesen, um sie einzubetten in die Arbeitsergebnisse, die die frühmenschlichen Studien aus "Totem und Tabu" erbracht hatten. Der Autor geht dabei einmal mehr von der Annahme aus, Ontogenese entspreche phylogenetischer Entwicklung15: Wie bei der Verdrängung einer unangenehmen, weil schuldhaften, Erinnerung eines Neurotikers, wirkt auch die Tötung des ägyptischen Moses zunächst traumatisch. Spätere Bearbeitungen des Traumas gehören entweder in die Kategorie der positiven oder negativen Wirkungen, das heißt: Fixierung an das Trauma oder Wiederholungszwang16 steht hier einer Vermeidungshaltung oder neurotischer (phobischer) Hemmung entgegen. Der Konflikt solcher Mechanismen bildet einen Komplex, der autonom werden kann und einen Zwangscharakter17 besitzt. Anschließend verfällt der Konflikt der Latenz, die Abwehr behält die Oberhand, bis das psychische "Immunsystem" so geschwächt ist, daß die Gegentendenz - der Wiederholungszwang - durchbrechen kann. "Frühes Trauma - Abwehr - Latenz - Ausbruch der neurotischen Erkrankung - teilweise Wiederkehr des Verdrängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben." (S.87)

Wie bereits erwähnt, gilt diese Abfolge auch für die Tötung des obersten Männchens in der Urhorde, des "Urvaters". Von ihm in die Flucht geschlagen, weil sie sein Weibchenmonopol streitig machen, kehren die Söhne als starke, vereinigte Brüderschaft zurück, erschlagen und verzehren den Urvater. "Der kannibalistische Akt wird [...] verständlich als Versuch, sich durch Einverleibung eines Stücks von ihm der Identifizierung mit ihm zu versichern." (S.89) Anschließend entsteht eine soziale Organisation der Brüderschaft, die auf einstweiligem Triebverzicht (Inzesttabu) basiert und den Getöteten im Totemtier (Sühne) verehrt. "Der nächste Fortschritt vom Totemismus her ist die Vermenschlichung des verehrten Wesens. An die Stelle der Tiere treten menschliche Götter, deren Herkunft vom Totem nicht verhüllt ist."18 Ein weiterer Schritt bedeutet die Rückkehr des Urvaters in der Gestalt des allmächtigen Vatergottes, dessen Anhänger die Verzehrung in der symbolischen Form der Kommunion, "Sinn und Inhalt der alten Totemmahlzeit"19, in zwangsähnlicher Weise wiederaufnehmen. Nach einer Latenzzeit erkennt Paulus20 als einer der ersten den Sinn des Christusopfers als Sühnetat eines der (mörderischen Ur-) Söhne am Vater: "Ein Sohn Gottes hatte sich als Unschuldiger töten lassen und damit die Schuld aller auf sich genommen. Es mußte ein Sohn sein, denn es war ja ein Mord am Vater gewesen." (S.93) Statt das Gedenken an die Vatertötung zu etablieren und zu einer Verarbeitung zu drängen, wird der Sohn nun aber an die Stelle des Vaters gesetzt: aus der jüdischen Religion, die eine Vaterreligion ist, wird im Christentum eine Sohnesreligion, "ganz so, wie es in jener Urzeit jeder Sohn ersehnt hatte" (S.94).

Freud, der den Erinnerungsspuren des Verdrängten im Unbewußten der Völker21 nachforscht22, kommt nunmehr zu dem Ergebnis: Die Tötung des Moses ist eine Amplifikation der Tötung des Urvaters. Im "menschheitlichen Gedächtnis" war das Wissen um diese Tat nie ganz ausgelöscht, so daß sich hier Tötung um Tötung23 als Zeichen einer kollektiven Zwangsneurose wiederholt; nur die Form ist entstellt, wie eben die Wiederkehr des Verdrängten allenthalben mit einer Entstellung des Verdrängten einher geht. Der Tatbestand der Vatertötung jedoch bleibt bestehen.

In dieser großartigen Zusammenschau biblischer Ereignisse, die gleichsam auch Vor- und Frühgeschichtsdeutung ist, konstruiert Freud einen beachtenswerten Mythos des wissenschaftlichen Zeitalters.24

 

Anmerkungen

1 Im Rahmen der Gesammelten Werke natürlich schon wesentlich früher.
2 Beispielsweise in "Amen-mose", "Ptah-mose" oder "Thut-mose": allesamt werden gängig übersetzt mit "Kind, das Amun oder Ptah geschenkt hat". Wortfinales "-s" entspricht hier der gräzisierten Namensvariante analog Tothmes für "Thut-mose" oder Ramses für "Ra-mose".
3 Nicht selten wird es in einem Kästchen dem Wasser übergeben.
4 Im allgemeinen also in der Abstammung von den geringen Eltern.
5 Über diese Regierungsphase ist nur weniges Material erhalten, es wurden allenthalben massive und gründliche Tilgungen vorgenommen.
6 S.39. Die prinzipiellen Unterschiede beider Religionen: Jenseitsorientierung und Sonnenverehrung in der ägyptischen, der "Gott der Lebenden, nicht der Toten" in der jüdischen, werden von Freud weitgehend unter Verweis auf Echnatons Strebungen, die Volksreligion einzudämmen, d.h. ihr die Grundlage der Jenseitsfürsorge für die Toten (vgl. das "Ägyptische Totenbuch") zu nehmen, wegdiskutiert. Dafür wird als weiteres schlagendes Argument die Beschneidung als "typisch ägyptische" Praxis angeführt, mit deren Hilfe Moses aus dem "minderwertigen fremdländischen" Volk ein Volk der Auserwählten gestaltet (das zumindest in Bezug auf diese Sitte dem ägyptischen als gleichwertig erscheint).
7 Für Freud gehören hierher auch einige charakteristische Züge im Charakterbild des Mose (die wiederum Einfluß nehmen auf das Gottesbild), denen er historische Glaubwürdigkeit beizumessen gewillt ist, exemplarisch v.a. dessen Jähzorn (Tötung des ägyptischen Aufsehers, Zerschlagung der Gebotstafel). Auch seine "Sprachhemmung" könnte ein Beweis mehr sein für die ägyptische Abstammung; so würde - in bewußter Entstellung der Historie - Aaron als sein Dolmetsch nicht die Verhandlungen mit Pharaoh, vielmehr die mit den semitischen Stämmen geführt haben.
8 Freud zitiert Eduard Meyer: Die Israeliten und ihre Nachbarstämme. Ort unbekannt 1906.
9 Jedoch sicherlich nicht aus Ägypten, der Exodus wird von der historischen Wissenschaft als fromme Sage zurückgewiesen - freilich nicht von Freud.
10 Ebenfalls ein Nebenumstand, der in die Charakteristik des ägyptischen Mose nicht gepaßt hätte.
11 S.50. Anschließend fühlt man sich stark genug, die Angriffe auf das Land Kanaan vorzunehmen. - Für Freud gehört in diesen Zusammenhang auch die spätere Reichsspaltung in das Nordgebiet Israel und den Süden Juda, in dem sich die ursprünglichen zwei Stämme aufs neue scheiden. In den Leviten will er Abkömmlinge der Garde des Mose bei seinem Auszug aus Ägypten sehen, tauchen doch hier noch über Jahrhunderte ägyptische Namen auf. - Die Erschlagung des Mose - obwohl hierauf sein gesamtes Argumentationsgerüst für den dritten Teil, in dem er die Erschlagung des Vaters der Urhorde parallelisiert - geschieht wie beiläufig. Wie zuvor im Falle des Echnaton: "In beiden Fällen geschah dasselbe, die Bevormundeten und Verkürzten erhoben sich und warfen die Last der ihnen auferlegten Religion ab. Aber während die zahmen Ägypter damit warteten, bis das Schicksal die geheiligte Person des Pharaoh beseitigt hatte, nahmen die wilden Semiten das Schicksal in ihre Hand und räumten den Tyrannen aus dem Wege." (S.59)
12 Auch hier kommt es also zu einer ägyptisch-midianitischen Verschmelzung.
13 Gleichsam natürlich ein Verdrängungsprozeß: die "peinliche Tatsache seiner gewaltsamen Beseitigung" wird so erfolgreich umgedeutet. Die Wiederkehr des Verdrängten in den Texten entspricht Erinnerungsspuren, mit deren Hilfe Freud das Geschehen als psychoanalytischen Rekonstruktionsvorgang aufzuspüren vermag.
14 Unter Umständen stellt auch dies noch einen Teil des Sühnevorgangs dar (mehr dazu führt Freud im dritten Teil seiner Schrift aus). Oder aber der Einfluß der Leviten wird über die Jahre so groß, daß sie ihren Anteil an der gemeinsamen Religion zum alleinigen Erbe ausbilden.
15 Oder aber: einzelpsychologische Daten erlauben die Interpretation massenpsychologischer Phänomene.
16 Eine Tendenz, die sucht, das verdrängte Material ins Bewußtsein zu heben, um den Affekt abreagieren zu können.
17 "Alle diese Phänomene, die Symptome wie die Einschränkungen des Ichs und die stabilen Charakterveränderungen haben Zwangscharakter, d.h. bei großer psychischer Intensität zeigen sie eine weitgehende Unabhängigkeit von der Organisation der anderen seelischen Vorgänge, die den Forderungen der realen Außenwelt angepaßt sind [...]." (S.84)
18 S.90. Für Freud gehören in diesen Zusammenhang natürlich die theriomorphen Göttergestalten, beispielsweise der Ägypter.
19 S.91. In diesem gedanklichen Konnex sieht Freud auch die Glaubenssätze der Religionen als zwangsneurotische Phänomene, die zwar "den Charakter psychotischer Symptome an sich tragen, aber als Massenphänomene dem Fluch der Isolierung entzogen sind." (S.92).
20 "Wir sind so unglücklich, weil wir Gottvater getötet haben." (S.132).
21 Eine vage Formulierung für ein mehr als vages Phänomen - das Konstrukt des "kollektiven Unbewußten" im Sinne Jungs lehnt Freud allerdings auch an dieser Stelle seiner Arbeit entschieden ab.
22 Wie zuvor bereits erwähnt, behandelt Freud diese massenpsychologischen Phänomene anhand individualpsychologischer (einzelpsychologischer) Daten. Das Geschehen verfällt als frühe Erinnerungsspur in Latenz, der Konflikt bleibt und kann unter gewissen Umständen vorbewußt werden, d.h. das Verdrängte "kehrt wieder".
23 Auch den "Justizmord an Christus" (S.105) stellt er in diesen Zusammenhang.
24 Mythische Tendenzen im geistigen Bann einer Wissenschaftsordnung besitzt gleichwohl auch Darwins "Entstehung der Arten". Mehr zu "Wissenschaftsmythen" unter besonderer Berücksichtigung der "Mythen der Psychologie" in M. v. Arndt: Gott im Selbst. Stuttgart / Ulm 1999.

Bibliographische Notiz: Originaltext zitiert nach: Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Frankfurt/Main 1975.

Das Buch bei Amazon (derzeit nicht lieferbar, ist aber problemlos über Amazon Antiquariate zu bestellen).


© Martin von Arndt 2005

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