M.v.Arndt & I.Radulescu: 10 Tips

Wie schreibe ich "den Roman" meiner Generation

Noch nicht einmal drei Jahre ist es her, da suchte eine ganze Nation in ihren Kulturvertretern verzweifelt und auch ein wenig verblödet nach "dem Roman" zur Wende. Gefunden haben wir ihn selbstredend noch immer nicht. Aber wenigstens suchen wir ihn nicht länger.
Wir sind nämlich schon auf einer neuen Jagd begriffen: Den Roman der jungen Generation wollen wir jetzt. Die Verleger verlangt es nach dem "neuen Paradigma". Und das kann, das darf ja nichts Beliebiges sein. Also strengt Euch verdammt nochmal ein wenig an.
Keine Ideen? Noch nicht einmal die leiseste Ahnung, was man eigentlich von Euch wollen könnte? Kein Problem: Eine ganz heiß gehandelte Junggenerationsschriftstellerin ist die hochbegabte Schweizerin Zoë Jenny. Was wir von ihr und ihrem "Blütenstaubzimmer" lernen können, haben Martin von Arndt und Ioan Radulescu auf einen Nenner gebracht.

1. Die Übersetzung

Kümmert Euch rechtzeitig, vor dem Abfassen also, um die Übersetzung Eures Werks.
Übertragungsrechte versprechen bares Geld und verleihen auch schwachbrüstigen Halbherzigkeiten die notwendige Air literarischer Unfehlbarkeit.
Und seid gefälligst einfallsreich mit den ausgewählten Sprachen. Die hochbegabte Schweizerin Zoë Jenny beispielsweise wurde bereits in 21 Sprachen übersetzt, darunter Schwyzerdütsch, Rätoromanisch und wenigstens drei nicht näher zu bezeichnende ladinische Bergdialekte.

2. Das Fragment

Fragmentiert!, so beschwört, ja, so ruft sie uns zu, die hochbegabte Schweizerin Zoë Jenny in ihrer nachmals Tübinger Poetologie. Sucht das Fragment!
Sucht es unsrethalben in bepissten Busbahnhöfen, in bemoostem Waldesgrunde und bequasten Blütenstäuben.
"Fragmentiert" meint aber nicht: dilettantisch, unvermögend, verbissen, magersüchtig in Sinn und Ausdruck.
Sondern von allem ein bißchen.

3. Die Magersucht

Magersucht muß sein! Mit Magersucht zu kokettieren ist unerläßlich für den Erfolg bei alternden Verlegern.
Mager sei der Autor, mager auch das Werk!

Die hochmagere Schweizerin Zoë Jenny macht es uns musterhaft vor:

"Das Fest (...) fand im Hinterhof eines Mietshauses statt. Ich hatte meinem Vater versprochen, hinzugehen und mir den Bauch vollzuschlagen, weil er wußte, daß ich imstande war, tagelang nichts zu essen.

Eine eingesunkene Körperhülle vorwärtsschiebend, gehe ich die Treppe hinab."

4. Die Drogen

Von allen Verlegern am gemußtesten. Aber bitte nur Ecstasy. Die Sechziger waren LSD, die Siebziger Heroin, die Achtziger Kokain. Doch aus Hanf, um Himmels willen!, wird bestenfalls das Papier für Wälzer hergestellt, in denen hochdröge Zoës endlich einmal ihre grazilsten Drogenträume ausleben dürfen.

Ecstasy also: Pillen, klein, gern blau:

"Heute abend gehe ich auf eine Technoparty, wenn ihr wollt, könnt ihr mitkommen. Hab auch Ecstasy für euch."

"Ich schmeiß jetzt einen Herzöffner."

5. Die Umweltverschmutzung

Umweltverschmutzung ist selbstverständlich, weil die Umwelt im allgemeinen eben verschmutzt ist. In der Schweiz zwar nicht im besonderen, aber schließlich gehört es zu den schlechthinnigen dichterischen Freiräumen, von Basel oder Bern als pulsierenden Großstädten zu träumen nebst all solch fürchterlichen großstädtischen Begleiterscheinungen wie Drogen, Schmutz oder Umwelt.

Und wieder gibt man uns in der schmutzigen Schweiz das paradigmatische Wort vor:

"Wir wußten schließlich alle, daß wir es mit einem bis zur Unkenntlichkeit entstellten Planeten zu tun hatten, den eigentlich niemand mehr haben will."

6. Die Abrechnung

...mit den feist und spießig gewordenen 68er Eltern. Ist fakultativ, vor allem wenn Eure Eltern nicht erst seit jetzt feiste Spießer sind.
Natürlich besonders gelungen: Die klassische Fallhöhe, vom Künstler zum Anlageberater (mittelständisch). Mit diesem gewissen, diesem zurückgelehnten töchterlichen Greinen: Papa, was hast du mir da nur angetan?

Hören wir die hocherzürnte Zoë aus der Schweiz:

"Während Vater dann davon spricht, daß ich hierbleiben könne (...), suche ich im Zimmer nach den Zigarettenstummeln, die früher wie kleine Soldaten den Tischrand säumten. Es beunruhigt mich, keine zu finden. Viel mehr als (...) der merkwürdig milde Ausdruck in Vaters Gesicht. (...) 'Rauchst du nicht mehr?' Diese Frage überrascht ihn so sehr, daß er einen Moment lang nichts sagt (...), und ich presse die Fingernägel in die Handballen, damit ich sie ihm nicht ins Gesicht schlage."

Bemerkenswert ist hier allein schon die originelle Verknüpfung von Künstlertum und Raucherhusten. Denkbar wäre aber auch gewesen (und ist daher durchaus zur Nachahmung empfohlen), wenn "die Sechsämterfläschchen wie kleine Kartätschen den Tischrand säumten. - 'Vater: Säufst du nicht mehr?'"

7. Die Abtreibung

Selbstverständlich hat diese Generation längst alles gesehen, alles durchfühlt, alles durchlebt. Das Fernsehen machte es möglich, bewegte Bilder sind schließlich ihre Erfahrungsquellen gewesen. Bilder, bewegt bis zum Abwinken oder bis zum allerletzten, dem Standbild: Sendeschluß.
Alles längst erlebt! Wo die eigenen Erfahrungen fehlen, helfen die Daily Talks, und wo sogar die fehlen (Schweizer Bergdörfer), tut´s gezielt gestreuter medizinischer Schwurbel mit einem Mehr an gewaltsam herbeigeredeter Betroffenheit. Wo nötig, der Einsatz von Collagetechniken.
Oh, und ganz wichtig: vorausgegangener Geschlechtsverkehr! Erlebt als Auftakt ganz kuhgemeiner persönlicher Apokalypse. Rasend geschickt: Die Verknüpfung mit Punkt 9.

Die Zoë aus der Schweiz (hochschwanger) hat das Problem einfach so gelöst:

"Zwei Monate später lag ich auf dem Operationstisch, die Beine auf zwei metallenen Schienen auseinandergespreizt. Ich hörte das Wort Rhohypnol, das in meinem Kopf aufging und immer größer wurde. immerzu dachte ich Rhohypnol (...). Als ich nach der Abtreibung aufwachte, lag ich unter einer weißen Bettdecke (...)."

8. Kurt Cobain

Kennen wir nicht so genau, dürfte aber wohl irgendwie zu tun haben mit Techno (vgl. Punkt 10). Außerdem mit James Dean, Jim Morrison, Goethes Werther und Roy Black.
Kurt Cobain steht für die gewagte Verquickung von Jugend, Sex, Tod, Musik, Spaß, Erfolg, Drogen, Amerika, Suizid, Techno, Amerika, Tod und Waffenindustrie.
Und Verzweiflung. Und Schweizer Isolationismus. Und jeglicher Absenz musikalischer Diesseitsbezogenheit bei höheren Töchtern.

Kurt Cobain ist also ein Muß, wie auch die Schweiz und mit ihr die Zoës wissen, aber nur, wenn sie hochmusikalisch sind:

"Er zieht sich ein paar Haarsträhnen in die Stirn und schaltet den Ghettoblaster (Techno? Anm. der Redakteure) an. Die Stimme von Kurt Cobain knattert durch das Zimmer.

Neben der Matratze in der Ecke stehen ein Ghettoblaster (Techno!!! Anm. der Redakteure) und ein Kistchen. Darauf steht, hinter einer Kerze und einer Plastikrose, ein goldener Rahmen mit einem Zeitungsartikel über Kurt Cobain."

9. AIDS

Als Symbol schlechthin oder Chiffre, selbst als literarisches Beiwerk für jeden unmittelbar einsichtig, wenn es sich nicht gerade um ärgerliches Minderheiten-AIDS handelt. AIDS ist günstigenfalls bei hinreichend charmanten jungen Männern zu erwerben, die sich perfide bis hemmungslos und sogar ein wenig berauscht auf den unbedingt weiblichen Protagonisten stürzen.
Faustregel: Geschlechtsverkehr soll, Abtreibung darf, AIDS muß sein.

Dazu die hochbetroffene Schweizer Aufklärungszoë:

"Plötzlich hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Ich erinnerte mich an den Film über Aidskranke, den man uns in der Schule gezeigt hatte. Im Nachspann hatte man bei denen, die bis zum Abschluß der Dreharbeiten bereits gestorben waren, neben den Namen ein Kreuz hinzugefügt. (...) Ich blickte an meinem Körper herunter, der vielleicht schon bald tot sein würde.

'Du mußt einen Aidstest machen´, sagte ich (...)."

10. Die Technoparty

Bitte niemals Punkt 4 ohne Punkt 10 oder Punkt 10 ohne Punkt 4. Das wirkt sonst aber auch sowas von unglaubwürdig.
Wichtige Faustregel: Keine Namen, kein Insiderwissen. Euer Verleger begreift die musikalischen Spartenunterschiede Eures hochdämlichen Gestampfes ohnehin nicht die Bohne und er hat auch prinzipiell nicht vor, seine sauer erworbene Kohle einem echten Musikjunkie oder Hirndübel in den Rachen zu werfen.

Die Schweiz ist uns im Taktieren wieder um einen ganzen Schritt voraus:

"Technoparty."

Oder: "Eine Technoparty."

Unser Bekenntnis anstelle eines Resümees

Schon gut! Schon recht!
Wir sind, liebe hochbeleidigte Zoë Jenny, ja bloß neidisch auf Dich, Deine Kohle und auf Dein beschissen gutes Aussehen.
Warum aber machst Du eigentlich nicht Werbung für Yogurette und schreibst stattdessen Bücher?
Das hast Du doch gar nicht nötig!

(Alle Zitate: Zoë Jenny,  Das Blütenstaubzimmer, BTB 1997-1999)

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