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L'art ne me connaît pas.
Je ne connais pas l'art.

Edouard-Joachim Corbière, der sich als glühender Verehrer Wagners selbst "Tristan" nennt, wird 1845 im bretonischen Coatcongar als Sohn eines Seeoffiziers und Marineschriftstellers geboren. Beides, die bretonische Heimat, Armorica, wie auch die Schiffahrt werden zeitlebens für ihn wichtige Bestandteile seines künstlerischen Schaffens sein.
In die väterlichen Fußstapfen zu treten und selbst zur See zu fahren ist dem jungen Tristan seit seinem sechzehnten Lebensjahr unmöglich: er leidet an einer heimtückischen Form von Gelenkrheumatismus, der sich rasch verschlechtert und zweifelsohne seinen frühen Tod mitbestimmt hat; sodann an Asthma bronchiale, und schließlich stellt sich auch eine Lungenschwindsucht ein. Seine Mitschüler beschreiben ihn als ebenso intelligenten wie häßlichen Menschen. Ein zurückgezogener Eigenbrötler. Das stimmt allerdings nicht so ganz überein mit dem Bild, das man nur wenige Jahre später in Paris von ihm hat: ein blendender Unterhalter, ein Causierer mit Hang zum Sarkasmus, dessen hervorstechendste Eigenschaft es ist, die schönsten Frauen seiner Zeit um sich zu scharen.
Corbière hat nicht viel Zeit, um zu leben. Umso intensiver will er sie nutzen. Vierundzwanzig Jahre immerhin hält er es in der Bretagne aus, um des Klimas und seiner Gesundheit willen. Dann beschließt er, weil sie sich einfach nicht einstellen will, diese ominöse Gesundheit, einfach auf sie zu pfeifen. Er verzichtet auf ein Studium und begibt sich 1869 mit einem Vorschuß auf das väterliche Erbe auf Reisen, die den Getriebenen nach Italien, Afrika und Asien führen. 1871 kehrt er nach Frankreich zurück. Er folgt einer italienischen Schauspielerin namens Marcella - mit der ihn eine Amour fou verbindet und die er als seine Beatrice in den Dichtungen wahlweise preisen oder auch der Lächerlichkeit preisgeben wird -; nach Paris folgt er ihr, wo er 1873 sein Chef d'oeuvre veröffentlicht (falls man das bei einem so schmalen Werk überhaupt sagen kann): den Lyrikband "Les amours jaunes", "Die gelben Liebschaften".
Corbière lebt das Leben der Pariser Bohème. Obwohl aus saturiertem großbürgerlichen Hause zieht es ihn doch, wie auch schon in der bretonischen Heimat, in die Spelunken und die "feuchten Löcher der Vorstädte". Nach kaum einem Jahr, Anfang Dezember 1874, entscheidet sich sein Los: Freunde finden ihn für leblos auf dem Boden seiner heruntergekommenen Pariser Bude liegen. Sie bringen ihn ins Haus seines Vaters ins bretonische Morlaix, aber die Schwindsucht ist bereits soweit fortgeschritten, daß ihn die Ärzte aufgeben und mit Morphium sedieren. Tristan Corbière stirbt am 1. März 1875, nicht einmal dreißigjährig, und wird in Morlaix begraben.
Neben zwei kurzen, posthum veröffentlichten Prosaskizzen, bleiben die "Amours jaunes" sein einziges Werk. Es sind welke, matte, trübe und mißmutige Lieb- und Leidenschaften, die Corbière evoziert. Nature morte, Stilleben, die bei ihm freilich den Beiklang "tote Natur" besitzen. Städte und Menschen in der Agonie, das Paris der 1870er Jahre, in dem die symbolistische Lyrik und die dekadente Prosa ihre Schatten vorauswerfen. Corbière sucht ein letztes Mal das Ideal der Romantik, aber es zeigt sich ihm unter den Horden der Lumpenproletarier und der am Kolonialismus Napoleons III. gemästeten Bankiers in der französischen Metropole nicht. Wie die meisten seiner Dichterkollegen in der Bohème spürt er den Zeitenumbruch, spürt, daß sich die Gesellschaft in rapider Weise verändert, aber er ist außerstande, darauf anders als in ebenso morbiden wie sarkastischen Sentenzen zu antworten. Corbière hat nicht das Genie Rimbauds, das die Welten des bisher Gesagten in der Lyrik sprengen wird, aber er entwickelt einen eigenen Bilder- und Formelschatz, der seiner Zeit weit voraus ist. Verlaine nennt ihn neben Baudelaire den ersten der "poètes maudits, dieser verfluchten Schriftstellerbastarde", deren "Schädel Kerker entsetzlichster Spasmen" sind, wie ein weiterer aus dieser Riege, Maurice Rollinat, konstatieren wird. Aber es wird noch viele Jahre dauern, bis Corbières Werk international wahrgenommen wird. Erst der surrealistische Kreis um André Breton im Paris der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts leitet eine Corbière-Renaissance ein. Ihnen ist er gleichsam ein Ziehvater, der erste der Surrealisten. In seiner Hochschätzung folgen ihnen T.S. Eliot und Ezra Pound.
In Deutschland ist Corbière dennoch immer hinter den anderen lyrischen Rebellen seiner Zeit - Rimbaud oder Verlaine - zurück geblieben, was sicher auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, daß sein Werk, sei es auch noch so schmal, erst einmal vollständig ins Deutsche übertragen worden ist. Neben vereinzelten Gedichten, die nach dem letzten Weltkrieg erschienen sind, ist die einzige noch erhältliche deutsche Ausgabe seiner Lyrik im renommierten Aachener Rimbaud Verlag unter dem Titel "Gelbe Leidenschaften" erschienen. Leider sind die Übersetzungen darin sprachlich vergleichsweise unterbelichtet, was mich selbst dazu gebracht hat, eine erste Gesamtübersetzung und Nachdichtung des Corbièreschen Werks zu wagen, die 1990 unter dem Titel "Die gelben Leidenschaften" veröffentlicht wurde, seitdem aber vergriffen ist.
Tristan Corbière in meinen ausgewählten Übersetzungen.
© Martin von Arndt 2004
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